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Ahnenforschung

Wo komme ich her? Wer waren meine Vorfahren? Millionen von Menschen fahnden in Kirchenbüchern, im Internet oder auf Friedhöfen nach ihren Ahnen, verfolgen ihre Familiengeschichte über Jahrhunderte zurück. Die Genealogie, auch Familienforschung oder Ahnenforschung genannt, boomt. Schätzungen zufolge sind allein in den USA über 100 Millionen Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln. Auch in Deutschland ist die Familienforschung ein beliebtes Hobby geworden.

Gemälde eines weit verzweigten Stammbaums. (Rechte: Mauritius)

Die Ahnenforschung boomt

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Warum fahnden Menschen nach ihren Ahnen?

Die Zeit, in der Genealogen als schrullige Außenseiter galten, ist vorbei. Doch was veranlasst immer mehr Menschen, Vorfahren "auszugraben", die seit Jahrhunderten friedlich unter der Erde liegen? Warum stöbern sie Verwandte auf, mit denen sie nichts verbindet außer einem Nachnamen? Eine kanadische Studie fragte vor einigen Jahren nach der Motivation der Familienforscher: "Ich möchte meine Vorfahren als Menschen kennen lernen", "ich möchte eine Zeitreise antreten" oder "ich will wissen, wer ich bin", waren Antworten auf die Fragen der Wissenschaftler. Die Suche nach der eigenen Identität ist einer der Beweggründe. Viele haben auch besonderen Spaß daran, Rätsel zu lösen oder Informationen über das Leben von Menschen zu sammeln. Sie betreiben die Erforschung der eigenen Vergangenheit mit Akribie und detektivischem Spürsinn.

Eine Frau sitzt hinter einer verregneten Scheibe und schaut nachdenklich. (Rechte: dpa)

Wer bin ich? Diese Frage motiviert viele Ahnenforscher

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Auch historische Entwicklungen fördern den Trend. In Deutschland hatte die Frage nach den Vorfahren lange Zeit einen negativen Beigeschmack: Wegen der Pflicht zum so genannten "Ariernachweis" im Dritten Reich war die Genealogie in Verruf geraten. Dieses Tabu ist mittlerweile gebrochen, Familienforschung wird als private und demokratische Geschichtsschreibung betrachtet. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Kommunismus hat ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen nach ihren Wurzeln suchen: Schließlich hat die Öffnung der Grenzen den Zugang zu vielen Orten und Quellen in den Ostgebieten erst wieder möglich gemacht.

Frau betrachtet das Gemälde eines Adeligen. (Rechte: dpa)

Ob der Urahn wohl ein Graf war?

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Von Kuckuckskindern und anderen Überraschungen

Spannend an der Frage nach der eigenen Herkunft ist für einige Hobbyforscher die Aussicht, prominente Ahnen aufzustöbern. Wer weiß: Vielleicht lassen sich im eigenen Stammbaum irgendwann Könige oder Kaiser auftreiben? Bei solchen Hoffnungen dreht es sich nicht allein um das mögliche Ansehen. Die Entdeckung von adeligen oder berühmten Ahnen ist schon deshalb erfreulich, weil das Leben dieser Persönlichkeiten besonders gut dokumentiert ist. Trifft man auf einen solchen Vorfahren, fällt die weitere Suche wesentlich leichter. Vor Überraschungen ist man bei der Recherche ohnehin nie sicher: So entdeckte eine Familienforscherin aus Hessen, dass die Angaben zur Geburt ihres Urururgroßvaters alle erfunden waren. Im Kirchenbuch des Dorfes fand sie zwar eine Eintragung, die zum Geburtsdatum ihres Vorfahren passte, doch statt seinem stand da der Name eines anderen Kindes, das kurz darauf gestorben war. Offenbar war der Familie ein "Kuckuckskind" ins Nest gelegt worden, aber von wem? Nach weiteren Recherchen fand die Forscherin heraus, dass der Vater ihres Urahnen Prinz Georg-Wilhelm von Hessen-Darmstadt gewesen sein musste. Der hatte im 18. Jahrhundert gelebt und mit einer "hohen Dame" ein Kind gezeugt. Offenbar war dieser königliche Spross nicht erwünscht und so jubelte man ihn kurzerhand einer fremden Familie unter.

Der Familiengeschichtsforscher Dr. Lupold von Lehsten musste dagegen entdecken, dass einer seiner Vorfahren ein Hexenrichter war. Über 20 Frauen hatte der Mann im Mittelalter hinrichten lassen. Über diese Erkenntnis war von Lehsten verständlicherweise wenig erfreut. "Doch es lässt sich nicht verhindern, dass man auf solche Geschichten stößt." meint er dazu. "Letztendlich ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit immer ein Gewinn: Schließlich können wir aus der Geschichte ja lernen und Schlüsse für unsere eigene Lebensgestaltung ziehen."

DNS-Doppelhelix in der Vergrößerung. (Rechte: dpa)

Ein Gentest bringt die Wahrheit ans Licht

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"Falsche" Verwandte"

Je weiter die Vergangenheit zurück liegt, desto mehr Abstand haben die Menschen zu den Personen jener Zeiten und umso leichter fällt ihnen der Umgang mit unliebsamen Geschichten. Wesentlich schwieriger ist es für die Betroffenen, wenn überraschende Erkenntnisse noch nicht so lange zurück liegen. Ute Baur-Timmerbrink erfuhr im Alter von 52 Jahren, wer ihr eigentlicher Vater war: ein amerikanischer Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert gewesen war. Ihre Mutter hatte ihr diese Tatsache verschwiegen, hatte immer ihren Ehemann als den leiblichen Vater ausgegeben. Erst Nachfragen bei der Freundin ihrer Mutter brachten die Wahrheit ans Licht. Jahrelang versuchte sie danach, ihren wahren Vater in den USA ausfindig zu machen. Doch als sie ihn endlich fand, leugnete er die Vaterschaft. Die Geschichte über ihre lange Suche nach dem Vater hat Ute Baur-Timmerbrink veröffentlicht, um Menschen in ähnlichen Fällen zu helfen und Tipps für die Suche zu geben.

Wer seine Herkunft überprüfen will, kann heute einen Gentest machen und auf diese Weise "falsche" Väter oder Vorfahren entlarven. Mit Hilfe von DNA-Analysen kann die Vaterschaft mit fast hundertprozentiger Sicherheit festgestellt werden. Seit den 90er Jahren sind diese Vaterschaftstests auch für Privatpersonen erschwinglich. Offensichtlich ist das Bedürfnis, zweifelsfrei zu wissen, von wem man abstammt, sehr groß: Allein in Deutschland werden jährlich rund 30.000 solcher Vaterschaftstests vorgenommen.

Familienbande

Ob der vermeintliche Vater tatsächlich der biologische Erzeuger ist, bleibt manchmal das Geheimnis der Mutter. Nach heutigen Schätzungen ist jedes zehnte Neugeborene in Deutschland ein Kuckuckskind. Für Familienforscher stellt sich dabei die Frage: Wie wichtig ist die genetische Abstammung? Wie definiert man überhaupt den Begriff "Familie"? Die meisten Genealogen haben sich darauf verständigt, dass die soziale Abstammung eine viel größere Rolle spielt, als die genetische. Von Interesse ist demnach vor allem, ob jemand glaubt, dass er von jemand abstammt - nicht ob er wirklich von jemand abstammt: Für die Biografie einer Person sei entscheidend, in welchen Verhältnissen sie aufwächst, welche familiären Traditionen sie prägen und mit welchen Personen sie alltäglich zu tun hat. Und nicht, ob diese blutsverwandt sind oder nicht.

Claudia Heidenfelder, Stand vom 01.06.2009

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