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Mnemotechnik

Die Griechen haben bekanntlich viele Wissenschaften und Künste erfunden. Wen wundert es, dass sie auch aus der Schulung ihres Gedächtnisses eine Kunst machten. Sie erfanden die "Mnemotechnik", Tricks und Kniffe zum besseren Behalten von Wörtern und Gegenständen. In Zeiten ohne Papier und Bleistift reichte das gewöhnliche Gedächtnis eben manchmal nicht aus. Und wer wollte schon alles auswendig lernen?

Frontalansicht eines antiken Tempels. (Rechte: dpa)

Assoziationen mit Orten erleichtern die Erinnerung an Gegenstände

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Erfinder der Mnemotechnik soll der Grieche Simonides von Keos (557 bis 467 vor Christus) gewesen sein. Er war einer der beliebtesten Dichter des Landes. Wegen seiner eindrucksvollen Bildsprache nannten ihn die Römer später Melicus, den "Honigzüngigen". Bei einem Festmahl hatte Simonides den Auftrag, ein Loblied zu Ehren des Gastgebers vorzutragen. Sein Gedicht enthielt jedoch, wie üblich, auch einige Zeilen zum Ruhm der Zwillingsgötter Kastor und Pollux. Erzürnt weigerte sich der eitle Gastgeber daraufhin, Simonides die volle vereinbarte Summe auszuzahlen. Schließlich war die Hälfte des Gedichts den Göttern gewidmet - sollten sie doch auch ihren Teil beitragen!
Wenig später erhielt Simonides die Nachricht, dass zwei junge Männer nach ihm verlangten. Er verließ das Festmahl, fand aber draußen niemanden vor. Während er noch wartete, stürzte das Dach des Festsaals ein. Der Gastgeber und sämtliche Gäste wurden unter den Trümmern begraben. Ihre Leichen waren so entstellt, dass sie von ihren Verwandten nicht identifiziert und folglich auch nicht begraben werden konnten. Simonides aber erinnerte sich an die Sitzordnung bei Tisch: Er konnte die Angehörigen zu ihren Toten führen.

Eine Marmorbüste zeigt Cicero von vorn. (Rechte: dpa)

Cicero war ein begeisterter Anhänger der Gedächtniskunst

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Geistiges Wandeln zwischen antiken Säulen

Weil Simonides sich an die Sitzordnung erinnerte, schloss er daraus, dass vor allem die Ordnung ein gutes Gedächtnis bedingt. Davon ausgehend malte sich Simonides einen Raum mit markanten Ecken und Vorsprüngen aus und platzierte dort im Geiste eine Reihe von Gegenständen. Wollte er sich diese Dinge wieder ins Bewusstsein rufen, ging er in Gedanken durch den Raum und erinnerte sich an jedem markanten Punkt an den entsprechenden Gegenstand.

Simonides hatte herausgefunden, dass die Assoziation mit Orten die Erinnerung an Gegenstände erleichtert. Diese Erkenntnis führten später die Römer weiter. Der römische Politiker, Redner und Philosoph Cicero beschrieb das Prinzip der Mnemotechnik so:
"Wer diese Fähigkeit (des Gedächtnisses) trainieren will, muss deshalb bestimmte Orte auswählen und von den Dingen, die er im Gedächtnis behalten will, geistige Bilder herstellen und sie an die bewussten Orte heften. So wird die Reihenfolge dieser Orte die Anordnung des Stoffs bewahren, das Bild der Dinge aber die Dinge selbst bezeichnen, und wir können die Orte anstelle der Wachstafel, die Bilder statt der Buchstaben benützen."

Viele römische Redner bereiteten sich mit diesen Regeln auf ihre freien Vorträge vor. Hatten sie sich erst einmal eine Reihe von Orten eingeprägt, begannen sie sich ein geräumiges Gebäude vorzustellen: seinen Vorhof, den Wohnraum, die Schlafgemächer und die Empfangsräume. Auch Statuen und Raumschmuck konnten mit einbezogen werden. Auf jeden Fall mussten es markante Stellen sein, die eine natürliche Reihenfolge bildeten.

Nun kam der schwierigere Teil: Das Umwandeln des vorzutragenden Stoffes in anschauliche Bilder. Die Anweisungen für Rhetorikschüler nennen jedoch kaum konkrete Beispiele dafür. Der Grund: Jeder Schüler sollte sich ein persönliches Symbolsystem erarbeiten, damit die Methode funktionierte. Doch schon die Menschen der Antike wussten, dass vor allem Auffälliges behalten wird. So empfahl ein Rhetoriklehrer seinen Schülern möglichst schaurige Bilder auszuwählen, "etwa, indem wir sie in ein blutbeflecktes oder mit Lehm beschmiertes oder mit roter Farbe bestrichenes Gleichnis einführen". Mnemotechnik war also nicht bloß schnöde Merkhilfe, sondern tatsächlich eine Art Kunst. Sie erforderte ein ungeheures Visualisierungsvermögen.

Eine Zeichnung eines Gehirns mit Armen, das mit Hanteln trainiert. (Rechte: Mauritius)

Das Gedächtnis muss regelmäßig trainiert werden

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Fans und Lästerer

Die Mnemotechnik fand begeisterte Anhänger unter Griechen und Römern. Viele nahmen ihre visuellen Vorstellungen sogar mit in den Schlaf. Aristoteles berichtet, dass einige Menschen in ihren Träumen "die vor ihnen befindlichen Objekte entsprechend ihrem mnemonischen System anzuordnen scheinen."

Die Römer benutzten die Mnemotechnik allerdings nicht nur als Gedächtnisstütze für freie Reden. Von Seneca wird folgendes Kunststück berichtet: Nachdem 200 Schüler einer Klasse je eine Zeile eines Gedichts aufgesagt hatten, konnte Seneca alle Zeilen in umgekehrter Reihenfolge wiederholen. Er begann mit der zuletzt gesprochenen und ging so zurück bis zur ersten. Doch auch solche Triumphe wollten gelernt sein. Ein Leitfaden zur Rhetorik warnte vor Nachlässigkeit: "Wie bei allem Lernen sind die Kunstregeln ohne anhaltende Übung wirkungslos, aber gerade in der Mnemonik sind die Regeln nahezu wertlos, wenn sie nicht durch Fleiß, Eifer, Mühe und Sorgfalt unterstützt werden. Du musst sorgen, recht viele und zu den Vorschriften passende Orte zu erhalten. Im Anbringen von Bildern musst du dich täglich üben."

Mancher Zeitgenosse verspürte jedoch wenig Lust dazu. Cicero berichtet von einem Mann namens Themistokles, der sich weigerte, die Kunst des Gedächtnisses einzustudieren. Er behauptete frech, eine Wissenschaft des Vergessens der des Erinnerns vorzuziehen. Ebenfalls kritisch setzte sich Quintilian mit der Mnemotechnik auseinander. Er glaubte, dass die Bilder und erdachten Orte das beeinträchtigten, was unser Gedächtnis aus eigener Kraft behalten könne. Darum sollten die Mnemotechniker ihre Kunst getrost für sich behalten: "Meine Lehre soll schlichtere Wege gehen."

Julia Ucsnay, Stand vom 23.11.2011

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