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Papier

Nur wenige Erfindungen in der Geschichte der Menschheit haben einen derart großen Einfluss auf unsere Gesellschaft genommen wie die des Papiers. Gäbe es unsere modernen und demokratischen Industriegesellschaften auch ohne erschwingliche Bücher, Zeitschriften und Zeitungen? Was bewirkte die Verwandlung vom Luxusartikel über ein billiges Massenprodukt bis hin zum Umweltproblem?

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Der lange Weg zum Papier

Bevor die Kunst der Papierherstellung in Europa Verbreitung fand, wurden Texte vor allem auf Pergament niedergeschrieben. Es bestand aus den enthaarten Häuten von Tieren. Diese wurden gespannt, intensiv geschabt und geschliffen, bis eine beschreibbare Oberfläche entstand. Durch Abschleifen mit Bimsstein konnte Pergament sogar mehrfach beschrieben werden. Trotzdem war es extrem wertvoll und vor allem religiösen Texten vorbehalten.

Auf leicht vergilbtem Papier ist kunstvoll ein japanisches Dorf gezeichnet, im Hintergrund ein spitzer Berg. (Rechte: Hokusai 1760-1849, Katsushika, Japan/visipix.com)

Der Fujiama im Sturm

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Wesentlich preisgünstiger als Tierhäute sind Pflanzenfasern. In China war schon zur Zeit der frühen Han-Dynastie (180 bis 50 vor Christus) die Herstellung von Papier aus Hanf bekannt. Später konnte Papier auch aus Bambusfasern hergestellt werden und Stärke wurde als Leim verwendet, so dass sehr feine Papiersorten geschaffen werden konnten. Papier gewann in China eine große Verbreitung, da die Nachfrage aus der Verwaltung und aus dem Bereich der Künste sehr groß war. Die Chinesen hielten die Kunst der Papierherstellung bis ins 7. Jahrhundert vor Außenstehenden geheim. Erst dann verbreitete sie sich nach Korea und Japan.

Auf zwei Regalböden stehen rund zwei Dutzend abgegriffene, zum Teil nahezu zerfledderte Bücher. (Rechte: WDR Freeze)

Lange Zeit entstanden Bücher aus Lumpen

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Papier in Europa

Nach Europa gelangte die Papierherstellung durch die Araber, die ihr Reich im 8. Jahrhundert bis nach Spanien ausbreiteten. Zunächst wurde Papier von ihnen nach Europa exportiert, doch im 12. Jahrhundert begannen die Araber mit der Papierherstellung auf spanischem Boden. Später verbreitete sich die Kunst über Italien auf die anderen europäischen Länder. Auf deutschem Gebiet wurde im Jahre 1390 die erste Papiermühle in Nürnberg eingerichtet und damit eine wichtige Voraussetzung für die Massenproduktion gedruckter Bücher geschaffen. In Europa musste man mit den hier verfügbaren Materialien auskommen. So bestand Papier bis Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem aus den Fasern von Leinen, Hanf und Flachs (Hadern). Da die wertvollen Rohstoffe zunächst zu Kleidung verarbeitet wurden, entwickelte sich eine erste Recyclingkultur, die der Lumpensammler.

Vergilbte Seite aus einem Plinius-Band, die in lateinischer Schrift und mit der Grafik eines Pferdes mit Flügeln bedruckt ist. (Rechte: WDR Freeze)

Das medizinische Wissen der Antike in 37 Bänden

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Nachfragesteigerung durch den Buchdruck

Während des gesamten Mittelalters konnte kaum jemand in Europa außer den Priestern und Mönchen lesen und schreiben. Selbst Könige waren mitunter Analphabeten. Das umfangreiche Wissen der Antike, das von den Arabern überliefert worden war, blieb nur in wenigen Büchern erhalten. Diese wurden in Klöstern handschriftlich vervielfältigt und mit kunstvollen Illustrationen versehen. So konnten wenigstens Bruchstücke des Wissens die unruhigen Zeiten überdauern. Doch die Handschriften waren unermesslich teuer. Wie in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" eindringlich geschildert, konnte durch den Brand einer einzigen Bibliothek das Wissen einer ganzen Forschergeneration vernichtet werden.

Erst als Johannes Gutenberg etwa um 1445 den Buchdruck mit beweglichen Lettern entwickelte und 1446 der Kupferstich folgte, konnten Schriften auch in größeren Stückzahlen erzeugt werden. Dies erhöhte natürlich auch die Nachfrage nach Papier. So stieg die Zahl der Papiermühlen in Deutschland zwischen 1500 und 1600 von 60 auf 200 an.

In einer Produktionshalle steht eine moderne Papiermaschine, über die meterweise Papier rollt. (Rechte: dpa)

Maschinen produzieren heute tonnenweise Papier

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Papier als Massenware

Bis ins 19. Jahrhundert blieb die Verwendung von Papier jedoch überwiegend auf Bücher und auf Schreibmaterial beschränkt. Der Verbrauch pro Kopf lag um 1800 in Deutschland bei etwa 0,5 Kilogramm. Dies lag nicht zuletzt auch an dem immer knapper werdenden Rohstoff Lumpen, der eine größere Produktionsmenge gar nicht zuließ. Die Industrielle Revolution konnte erst dann die Papierproduktion ansteigen lassen, als ein alternativer Rohstoff genutzt werden konnte: Holz.

Grundlage hierfür war die Erfindung des Sachsen Gottlob Keller. Ihm gelang es 1843 Papier aus Nadelholzfasern herzustellen. Mit zunehmendem Bildungsgrad der Bevölkerung stieg in der Folge auch der Papierverbrauch. Zeitungen, Zeitschriften und schließlich auch Verpackungsmaterial ließen den Verbrauch ansteigen. Wissen ist dadurch für jeden erschwinglich und zugänglich geworden. Trotzdem hat der Papierhunger unserer Gesellschaft auch Probleme geschaffen, vor allem für die Umwelt.

Ein großer, bunt gestrichener Container für Altpapier, Dosen, Weiß- und Buntglas. (Rechte: dpa)

Altpapier kann die steigende Papierproduktion nicht aufhalten

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Steigende Papierproduktion

1974 betrug der weltweite Papierverbrauch 8,7 Millionen Tonnen, 2009 alleine in Deutschland der Verbrauch von neu produziertem Papier mehr als 18 Millionen Tonnen. Dazu kommt noch ein ähnlich hoher Altpapierverbrauch. Ein deutsches Kind verbraucht in seinem ersten Lebensjahr bereits so viel Papier wie manch ein Bewohner der Dritten Welt sein ganzes Leben lang nicht. Dieser Vergleich lässt erahnen, wie stark die weltweite Papierproduktion noch ansteigen wird, wenn es Schwellen- und Entwicklungsländer erst gelingt, wirtschaftlich zu uns aufzuschließen.

Trotz umfangreicher Altpapiersammlung ist es nicht möglich, unsere Papierproduktion alleine durch Recycling zu bestreiten. Da die Fasern beim Recyceln immer kürzer werden, muss vor allem bei hochwertigen Papieren, zum Beispiel für Hochglanz-Zeitschriften und grafische Papiere, rund 80 bis 85 Prozent Zellstoff zugegeben werden. Für die Herstellung von einer Tonne Zellstoff werden aber bis zu 2,5 Tonnen Holz benötigt. Diese stammen in Deutschland zumeist aus skandinavischen und weltweit zumeist aus nordamerikanischen Nadelwäldern. Die in diesen Ländern abgeholzten, teilweise sehr alten Urwälder sind zwar auf immer verloren, werden aber zumindest durch junge Bäume wieder aufgeforstet.

Auswege aus dem Überfluss?

Die Holzvorräte der Taiga werden seit dem Zusammenbruch der UdSSR dagegen rücksichtslos ausgebeutet. Ursache für die durch Korruption ermöglichte Vernichtung der Ressourcen: Armut und wirtschaftliche Not stehen ausländischem Gewinnstreben gegenüber. Die abgeholzten Bäume treiben die Flüsse hinab zu den fernöstlichen Märkten.

Ökologisch notwendig wäre eine Senkung des Papierverbrauchs. Technische Alternativen waren schon oft in der Diskussion. Die Hoffnung auf das "papierlose Büro" ist in der Flut der Ausdrucke versunken. Neuentwicklungen wie das E-Book, ein Display auf dem elektronisch gespeicherte Bücher dargestellt werden, oder das elektronische, immer wieder beschreibbare Papier, benötigen noch viele Jahre bis zum Durchbruch. Bis dahin sollte jeder sein Möglichstes tun, Papier sparsam zu verbrauchen.

Mehrere Menschen stehen vor Zeitungsregalen, die mit Hunderten von Hochglanzzeitschriften bestückt sind. (Rechte: dpa)

Magazine bestehen nur zu wenigen Prozent aus Altpapier

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Wie kann man seinen persönlichen Papier- und Holzverbrauch senken?

Solange noch keine technischen Ersatzmöglichkeiten in Sicht sind, ist vor allem ein sehr bewusster Umgang mit Papier zu empfehlen.

1. Wo immer es geht, sollten Papiere verwandt werden, die einen möglichst hohen Anteil an Recyclingpapier enthalten. Bei Schulheften und Schreibpapieren zum Beispiel gibt es hervorragende Alternativen.
2. Haushaltspapiere sind häufig unnötig. Wischen kann man auch mit einem waschbaren Lappen.
3. Hochglanzpapiere bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Recyclingpapier. Hier sollten die Verleger aufgefordert werden, umweltfreundlicheres Papier einzukaufen.
4. Verbrauchtes Papier gehört in die Sammlung. So hilft es, unnötigen Holzverbrauch einzudämmen.

Vladimir Rydl, Stand vom 20.10.2011
Sendung: Wunderwelt Papier - Von Papyrus, Stein und edlen Kleidern, 24.10.2011

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Bildcollage zum Thema Werkstoffe. (Rechte: WDR)

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