Ausgrabungen in Troja – ein archäologisches Puzzle

Zeichnung: Die ausgegrabene Stadtmauer Trojas

Troja

Ausgrabungen in Troja – ein archäologisches Puzzle

Fasziniert von Homers Erzählungen brach im 19. Jahrhundert der reich gewordene Kaufmann Heinrich Schliemann auf, um Troja zu entdecken. Mit Schätzen reich beladen kehrte er in seine deutsche Heimat zurück.

Homer – Quelle oder Fiktion?

Büste: Der blinde Erzähler Homer

Der blinde Erzähler Homer

Schliemann schrieb Geschichte, er begründete die Wissenschaft der Archäologie. Seit 1988 sind abermals Deutsche vor Ort, die die Stadt Troja ausgraben. Das Team geht dem Geheimnis der legendären Stadt auf den Grund, die Homer einst so eindrucksvoll beschrieb.

Homer spricht darüber, dass der Krieg um Troja im mykenischen Zeitalter spielt. Diese Angabe setzen Archäologen und Historiker um und belegen, dass die Erzählung Homers um 1300 bis 1200 Jahre vor Christus anzusiedeln ist. Das griechische Mykene erlebte damals seine Blütezeit und war daher durchaus in der Lage Kriege zu führen.

Aber hat ein Krieg zwischen Griechen und Trojanern in dieser Zeit tatsächlich stattgefunden? Wurde Troja von den Griechen niedergebrannt, wie Homer es beschrieben hat? Dann besäßen seine Erzählungen tatsächlich einen historischen Kern und wären nicht nur Weltliteratur sondern auch historisch verwertbare Quellen.

Die Antwort muss aus den Funden der Frühgeschichtler, die Troja ausgraben, herausgelesen werden. Und die Interpretationen sind keineswegs eindeutig, sie lassen Raum für vielseitige Spekulationen.

Schicht für Schicht eine Stadt

Nachdem Schliemann gestorben war, führten 1893/94 der Deutsche Wilhelm Dörpfeld und in den Jahren 1932 bis 1938 der US-Amerikaner Carl William Blegen von der Universität Cincinnati die Augrabungen fort.

Troja von der Brücke über den alten Skamander aus gesehen. Holzstich aus: Heinrich Schliemann: Ilios, Stadt und Land der Trojaner, Leipzig 1881

Hat der Krieg um Troja tatsächlich stattgefunden?

Bereits Wilhelm Dörpfeld hatte in seinen Beobachtungen am Grabungshügel erkannt, dass es "das" Troja nicht gab. Vielmehr war die Anhöhe von Hisarlik in über 3000 Jahren immer wieder neu besiedelt worden. Stadtkulturen entstanden und gingen wieder unter.

Der Siedlungshügel ist aufgeschichtet wie eine Torte. Insgesamt neun Stadtschichten wurden lokalisiert, deren Fundamente ineinander übergreifen. Die Besiedlungszeit beginnt mit der Schicht I in der frühen Bronzezeit, etwa 2920 bis2450 vor Christus, und endet mit der Schicht IX, der römischen Schicht in der Zeit von 85 bis 500 nach Christus.

Hatte Schliemann das Troja Homers noch in der Schicht II vermutet, so konnte bereits Dörpfeld nachweisen, dass das bronzezeitliche Troja mit der Siedlungsschicht VI identisch war.

Die Vereinigung der Disziplinen

Manfred Korfmann in Troja

Manfred Korfmann

Erst im Jahr 1988 sollte nach 50 Jahren Grabungspause erstmals wieder ein Archäologe eine Grabungslizenz erhalten: der Tübinger Frühgeschichtler Professor Manfred Korfmann. Er führte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 jedes Jahr im Sommer Grabungskampagnen durch. Danach übernahm sein enger Mitarbeiter Professor Ernst Pernicka die Grabungsleitung.

Korfmann hatte Spektakuläres entdeckt. Längst konzentrieren sich die Archäologen nicht mehr allein nur auf die Erkenntnisse der eigenen Disziplin. Die Frühgeschichtler um Korfmann arbeiteten Hand in Hand mit Archäobiologen, die Untersuchungen zur historischen Tier- und Pflanzenwelt Trojas vornahmen.

Paleografen bemühten sich um die Rekonstruktion des Terrains, unter anderem durch Bohrungen und Probegrabungen.

Die Archäometrie forschte auf verschiedenen Gebieten der anorganischen Naturwissenschaften, etwa auf dem Gebiet der Metallurgie oder der Tonanalyse von Keramikprodukten. Alles in allem versammelte Korfmann alljährlich ein Team von rund 80 Wissenschaftlern und Technikern, um den vielen Rätseln Trojas auf die Spur zu kommen.

Das bronzezeitliche Troja

Wie kam es, dass Menschen über Jahrtausende hinweg immer wieder an der gleichen Stelle gebaut und gelebt haben? Der wichtigste Faktor ist die Lage Trojas. Die Stadt liegt an der Meerenge der türkischen Dardanellen. Troja kontrollierte also die wichtige Meerenge zwischen Europa und Asien, den Zugang zum Schwarzen Meer.

Die Schiffe der Bronzezeit konnten damals nicht gegen den Wind kreuzen, sie waren also auf günstige Winde angewiesen. Fielen diese aus, warteten sie im Hafen der Festung Trojas auf die richtige Wetterlage. Das konnte sich die Stadt zunutze machen, Tribute und Wegezoll erheben. Troja wurde reich.

Blick auf das Amphitheater im antiken Troja.

Amphitheater im antiken Troja

Die Archäologen konnten zahlreiche Belege für eine große wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit von Troja VI nachweisen. Es existierte eine fortschrittliche Keramikproduktion und eine rege Bautätigkeit mit quaderförmig behauenen Steinen. Auch auf dem Gebiet der Metallverarbeitung waren die Trojaner führend.

Metallurgen gelang der Nachweis, dass die in Troja gefundene Zinnbronze nicht aus der Gegend stammen konnte, da es dort keine Vorkommen gab. Das Metall musste vielmehr aus dem fernen Mittelasien importiert werden, genauso wie der von der Ostsee stammende Bernstein nach Troja gebracht wurde.

Troja VI muss also eine Stadt von entsprechender Bedeutung gewesen sein, wenn sie in der Lage war, so ausgedehnten Handel zu betreiben. Darüber hinaus war Troja durch fünf Meter dicke und mindestens acht Meter hohe Burgmauern aus Stein vor feindlichen Angriffen bestens geschützt.

Um die Stadt führte ein Wehrgraben, der ein Fortkommen von Streitwagen unmöglich machte.

Stadt oder Städtchen?

Homer schilderte in seiner Ilias ein Troja, in dem viele Tausend Einwohner Platz fanden. Die Archäologen hatten allerdings in Troja nur einen Burgberg ausgegraben, der für eine große Ansiedlung viel zu klein war.

Schwarzweiße Landkarte mit Troja im Mittelpunkt

Troja mit der Skamanderebene

Doch dann gelang es dem Team um Korfmann den Grundriss einer Unterstadt zu bestimmen, in der etwa 10.000 Menschen Platz gehabt hätten. Die Sadt war also deutlich größer, als lange angenommen.

Trotz dieser Funde kam es im Jahr 2001 zu einem erbitterten Streit mit Althistorikern, die der Bedeutung der bronzezeitlichen Stadt auf dem Hisarlik-Hügel eine weitaus geringere Rolle beimaßen.

Korfmann betonte daher nachdrücklich: Troja "war in jeder Beziehung, so meinen wir, auffällig für die damalige Zeit, wenn man es aus der Sicht Europas und des Schwarzmeerraumes bewertet."

"Aus der Sicht der Städte der Hochkulturen jedoch, wie etwa Assur, Babylon, Uruk oder Hattusa, war Troia ein relativ kleiner Ort am Rande der damaligen Welt, an der Peripherie derjenigen Staatenwelt, die Wirtschaft, Kultur und Politik bestimmte. Das wurde unsererseits immer schon und immer wieder in Publikationen herausgestrichen. Troia war somit nie der Nabel der bronzezeitlichen Welt oder gar deren Metropole."

Ein Vasallenstaat der Hetither?

Eine entscheidende Frage, die die Wissenschaft lange Zeit beschäftigte, war die Frage nach der Identität Trojas. War die Stadt, die Schliemann am Hisarlik ausgegraben hatte, wirklich der Ort des von Homer beschrieben Troja?

Der Turm von Ilion, das Tor und die Truemmer eines grossen Hauses . Holzstich aus: Heinrich Schliemann: Ilios, Stadt und Land der Trojaner, 1881

Der Turm von Ilion

Die Archäologen konnten keine Beweise für diese These zutage fördern, aber gewichtige Indizien gibt es zur Genüge. Der Name des Homerschen Epos "Illias" geht auf "Illios" oder "Illion" zurück, so wurde Troja in frühgriechischer Zeit genannt.

Zu Zeiten des bronzezeitlichen Troja beherrschte im Osten ein mächtiges kleinasiatisches Volk den anatolisch-syrischen Raum: die Hethiter. In hethitischen Quellen lässt sich die Existenz einer Stadt mit dem Namen Wilusa nachweisen.

Wahrscheinlich formten die Mykener Wilusa zu Wilios um. Aus Wilios wurde dann Illios oder Illion, als die Griechen um das Jahr 1000 vor Christus das 'W' in ihrer Sprache wegfallen ließen.

In den hethitischen Quellen ist von einem Staatsvertrag zwischen dem hethitischen Großkönig Muwatalli II. und König Alaksandu von Wilusa die Rede, der um das Jahr 1280 vor Christus geschlossen wurde. Demnach war Troja/Wilusa eine Vasallenstadt der Hethiter, also von den Hethitern abhängig.

Zwischen Legende und Wirklichkeit

Die Blütezeit des bronzezeitlichen Troja endet abrupt zwischen 1190 und 1180 vor Christus. Korfmann und sein Team haben massive Hinweise auf einen großen Brand und Spuren der Zerstörung gefunden. Wurde Troja Opfer eines Großbrandes oder eines Erdbebens? Oder war es durch einen Krieg zerstört worden?

Korfmann sah zahlreiche Anzeichen dafür, "dass es ein kriegerisches Ereignis war, und zwar ein verlorener Krieg." Dafür sprechen Skelettfunde, die flüchtige Bestattung der Toten, auch die Stapel von Schleudergeschossen, die die Archäologen vor Ort gefunden haben.

Die Trojaner ziehen das Trojanische Pferd in ihre Stadt, Aquarell von Peter Connolly

Das Trojanische Pferd auf dem Weg in die Stadt

Doch Korfmann warnte immer wieder vor zu eiligen Rückschlüssen auf "den" trojanischen Krieg: "Der Archäologe kann hier nur sagen: es war offenbar einer der vielen Kriege, die immer wieder um diese Stadt geführt worden sein dürften. Wir reden nicht vom Trojanischen Krieg mit Achäern [Griechen] als Siegern!"

So wird eifrig über einen möglichen historischen Kern in den Erzählungen Homers spekuliert. Gründe für einen Krieg, wie Homer ihn beschreibt, mag es viele geben. Es wird vermutet, dass im Westen die Mykener am Reichtum Trojas interessiert waren, genauso wie die Hethiter im Osten. Wurde Troja am Ende zum Zankapfel zwischen diesen beiden Großmächten?

Gleichzeitig kamen in der Bronzezeit aber auch die mysteriösen "Seevölker" auf. Es handelte sich um wandernde Völker aus dem Norden und Westen, die die Küsten und Inseln des östlichen Mittelmeerraums bedrohten. Angaben hierzu finden sich in ägyptischen Quellen.

Diese uns wenig bekannten Seevölker haben damals die Ägäis erschüttert, vermutlich den Niedergang der mykenischen und hethitischen Kultur bewirkt und auch Ägypten an den Rand des Untergangs gebracht. Dieses kulturelle Trauma könnte sich möglicherweise in Homers Erzählung vom langen Krieg widerspiegeln.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 20.01.2015, 13:00

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