Richard Wagner

Persönlichkeiten

Richard Wagner

Er revolutionierte die Oper, beeinflusste die Musikgeschichte, baute sich ein eigenes Festspielhaus und gilt sowohl Kritikern als auch Bewunderern als typischer Deutscher: Richard Wagner. Ein genialer Komponist, der aus kleinen Verhältnissen kam und am Ende mit Kaisern und Königen verkehrte. Wagner hatte viele Facetten: Visionär als Künstler, untauglich als Geschäftsmann, schwierig im privaten Umgang. Sein Leben und Werk fasziniert - bis heute.

Das Kriegskind Wagner kommt früh mit Musik in Berührung

Richard Wagner, geboren am 22. Mai 1813, ist keine fünf Monate alt, da kommt der Krieg in seine Heimatstadt. Am 16. Oktober 1813 beginnt die Völkerschlacht bei Leipzig, in der Napoleon seine entscheidende Niederlage gegen die preußischen, österreichischen und russischen Truppen erleidet. Doch der Sieg im Befreiungskrieg ist teuer erkauft. Über hunderttausend tote Soldaten liegen auf den Straßen der Stadt, auch die Zivilbevölkerung leidet: Epidemien wüten, Essen und Trinken sind knapp, Schlachtenlärm und Leichengeruch traumatisieren viele.

Richard Wagner

Schon früh will Wag­ner Kom­po­nist wer­den

Auch die Familie Wagner ist betroffen: Richard Wagners Vater Friedrich stirbt im November 1813, zwei Monate später seine Schwester, kurz darauf die Großmutter. Und auch Richard selbst, unterernährt und verängstigt, steht in seinem ersten Lebensjahr oft an der Schwelle des Todes.

1814 zieht Wagners Mutter mit ihren acht Kindern nach Dresden und heiratet den Schauspieler Ludwig Geyer, einen Freund der Familie. Der nimmt den kleinen Richard oft mit ins Dresdner Hoftheater, wo er im Alter von vier Jahren seine erste Rolle bekommt. Er spielt einen Engel in Carl Maria von Webers "Der Weinberg an der Elbe". Nach Geyers Tod 1821 kommt Wagner zu dessen Bruder Karl Geyer nach Eisleben, wo er mit neun Jahren Webers populäre Oper "Freischütz" sieht und danach einen Entschluss fasst: Er will ein berühmter Opernkomponist werden, der seine eigenen Werke vertont.

Eine revolutionäre Idee, denn damals liegen Text und Musik einer Oper stets in verschiedenen Händen. Ein Musikdrama als Gesamtkunstwerk gibt es nicht. Das will Wagner ändern. Schon als Jugendlicher verfasst er erste Dramen und schreibt nächtelang die Partitur von Beethovens Neunter Sinfonie ab, um dessen Kompositionstechnik zu verinnerlichen.

Schulden und die Flucht ins Ausland

1831 beginnt Wagner ein Musikstudium in Leipzig und nimmt bei Thomaskantor Christian Theodor Weinlig Kompositionsunterricht. Der erkennt das Talent seines Schützlings, fördert es und verzichtet sogar auf Honorar. Nach diversen Reisen, auf denen ihm viele Ideen für seine Werke kommen, wird Wagner 1834 eine Stelle als Musikdirektor der Magdeburger Theatergesellschaft angeboten. Das Ensemble ist zwar zweitklassig, doch Wagner verliebt sich in die Schauspielerin Minna Planer und bleibt.

In der Zusammenarbeit mit der Theatergesellschaft führt Wagner viele Neuerungen ein: So hält er die Sängerinnen und Sänger an, ihre Auftritte wie Schauspieler zu gestalten, mit großer Mimik und Gestik. Eine Anweisung, die man auf deutschen Opernbühnen bis dato nicht gehört hat. Außerdem definiert Wagner die Rolle des Dirigenten vollkommen neu. Er wendet sich dem Orchester zu, statt ihm - wie bisher üblich - den Rücken zu wenden, sucht den Blickkontakt mit den Musikern und gestikuliert wie ein Berserker. In Sachen Tempi und Spielart ignoriert er oft die Vorgaben der Komponisten und setzt eigene Akzente.

Nach mehreren abgesagten Aufführungen und Theaterpleiten hat Wagner hohe Schulden. Er reist über Berlin nach Königsberg, wo er 1836 Minna Planer heiratet. Als ein weiteres Engagement schiefgeht, entschließen sich die beiden 1839 zur Flucht vor Wagners Gläubigern. Unter abenteuerlichen Umständen reisen sie mit dem Schiff von Ostpreußen über London in die damalige Opern-Weltstadt Paris. Doch Wagners Versuche, in der dortigen Kulturszene Fuß zu fassen, schlagen fehl. Seine Schulden wachsen an, er muss Ehering und Hochzeitsgeschenke verpfänden. Erst 1842 wendet sich das Blatt: Wagners Oper "Rienzi" wird in Dresden uraufgeführt und zu einem großen Erfolg.

Künstlerische und politische Revolutionen

Wagner erhält Angebote von vielen europäischen Bühnen und entscheidet sich für die Dresdner Semperoper. 1843 findet dort die Uraufführung des "Fliegenden Holländers" statt. Im Vergleich zur herkömmlich strukturierten Oper "Rienzi" betritt Wagner kreatives Neuland: Der "Fliegende Holländer" ist eine durchkomponierte Einheit, in der musikalische Leitmotive Stimmungen und Personen charakterisieren, dem Text kommt viel größere Bedeutung zu. Wagner nähert sich so seiner Idealvorstellung des "musikalischen Dramas" an. Doch das Stück wird ein Misserfolg. Wagners Versuch, die Oper zu revolutionieren, scheitert zunächst.

Die revolutionäre Stimmung, die ab 1848 in Deutschland herrscht, erfasst auch Wagner. Er verfasst Pamphlete und beteiligt sich 1849 an der Mai-Revolution in Dresden. Doch als diese von preußischen Truppen niedergeschlagen wird, nützen ihm auch seine Meriten nichts mehr. Er wird steckbrieflich gesucht und muss Deutschland verlassen. Wagner flüchtet mit falschem Pass in die Schweiz. Seine Werke werden jedoch weiter gespielt und erfreuen sich national und international immer größerer Beliebtheit.

Freundschaft mit dem "Märchenkönig"

Richard Wagner

Ludwig II. ist Wagners größter Geldgeber

Erst 1862 wird Wagner amnestiert und kann ins Deutsche Reich zurückkehren. Er geht nach Wien, um "Tristan und Isolde" zu inszenieren. Doch nach 77 Proben kommt das Ende: Die extrem anspruchsvolle Oper könne man nicht aufführen, so das Urteil der Beteiligten. Wagner droht aufgrund seiner Schulden das Gefängnis, doch bevor er in den Schuldturm geworfen wird, um Zahlungen an seine Gläubiger zu erzwingen, flüchtet er in Frauenkleidern aus der Stadt.

Das finanzielle und künstlerische Debakel bestärkt ihn in einem Plan, den er schon lange hegt: Ein eigenes Theater muss her, wo er seine Musikdramen ganz nach seinen Vorstellungen aufführen kann, ohne auf andere Inszenierungen Rücksicht nehmen zu müssen. Doch wie soll Wagner diesen Traum realisieren?

Die Hilfe kommt von unerwarteter und noch dazu höchster Stelle: Der frisch gekrönte bayerische König Ludwig II., ein glühender Wagner-Verehrer, beruft ihn an den Hof und kommt für seine Schulden auf. Auch die Idee eines Wagner-Festspielhauses trifft beim "Märchenkönig" auf offene Ohren. Doch in Bayern wird an den kostspieligen Plänen Kritik laut. Als bekannt wird, dass Wagner versucht, den König politisch zu beeinflussen, droht das Kabinett mit Rücktritt. Ludwig II. kann seinen Freund nicht mehr halten, Wagner wird im Dezember 1865 vom Hof verbannt und geht abermals in die Schweiz.

Wenig später stirbt seine Frau Minna, von der er sich schon vorher getrennt hatte. Seine Geliebte Cosima von Bülow, eine Tochter des Komponisten und Pianisten Franz Liszt, mit der Wagner bereits eine Tochter hat, zieht zu ihm in seine Villa am Vierwaldstätter See. Und das, obwohl sie noch mit dem Dirigenten und Wagner-Bewunderer Hans von Bülow verheiratet ist.

"Ring"-Uraufführung in Bayreuth: Das Lebenswerk ist vollendet

In der Schweiz vollendet Wagner die "Meistersinger von Nürnberg", sein humorvollstes Werk, und schreibt weiter am "Ring des Nibelungen", an dem er seit 1851 mit Unterbrechungen arbeitet. Er will das mehrteilige "Bühnenfestspiel" als Gesamtwerk an vier aufeinander folgenden Tagen zeigen, doch Ludwig II. durchkreuzt seine Pläne: Der bayerische König, der die Rechte am "Ring" besitzt, ordnet gegen Wagners Willen 1869 die Aufführung von "Rheingold" an, des ersten Teils der Tetralogie. Ein Jahr später lässt er auch den zweiten Teil "Walküre" uraufführen.

Richard Wagner

Wagner stirbt kurz nach Vollendung seines "Weltabschiedswerks"

1870 heiratet Wagner die inzwischen geschiedene Cosima von Bülow, mit der er drei Kinder hat: Isolde, Eva und Siegfried. Er sucht weiter eine passende Stadt für seine Festspiele und wird 1871 endlich in Bayreuth fündig. 1872 wird der Grundstein für das Festspielhaus gelegt, das mit vielen Traditionen bricht: So bleibt das Orchester unsichtbar im Graben, dem "mystischen Abgrund", wie Wagner ihn nennt. Zudem sitzt das Publikum - im Gegensatz zu den meisten anderen Theatern - im Dunkeln. Abermals wird Wagner das Geld knapp. Er schreibt Auftragskompositionen, geht als Dirigent auf Tournee und setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Oft klagt er über Herzbeschwerden.

Am 21. November 1874 ist der "Ring des Nibelungen" schließlich fertig komponiert, Wagner kündigt die ersten Festspiele für den Sommer 1876 an. Am 13. August 1876 wird der rote Teppich ausgerollt, über den nahezu die gesamte politische und kulturelle Elite Europas schreitet, darunter Kaiser Wilhelm I., Peter Tschaikowski und Friedrich Nietzsche. Obwohl diverse Pannen passieren, ist das Publikum von Musik und Inszenierung begeistert. Wagner wird weltweit als Erneuerer der Oper gefeiert.

Doch er ruht sich nicht auf seinem Ruhm aus, sondern setzt sich an sein letztes Werk: "Parsifal". Wagner vollendet sein "Weltabschiedswerk" 1882, die Aufführungen werden ein voller Erfolg - auch finanziell. Der Fortbestand der Bayreuther Festspiele ist damit gesichert. Wagner fährt mit seiner Familie nach Venedig, um seine angeschlagene Gesundheit wiederherzustellen. Doch die Luftveränderung nützt nichts. Am 13. Februar 1883 stirbt er in den Armen seiner Frau.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 07.10.2014, 13:00

Darstellung: