Perspektiven für das Dorf von morgen

Verkäuferin in einem Hofladen trägt einen Korb frischen Gemüses neben einem Werbetransparent mit dem Schriftzug 'Heimat schmeckt'.

Landleben

Perspektiven für das Dorf von morgen

Haben Deutschlands Dörfer ausgedient? Oder können sie durch frische Konzepte wieder attraktiv werden? Planer, Kommunalpolitiker, Verbände und Unternehmer entwickeln seit einigen Jahren Konzepte zur Rettung des deutschen Dorfs. Dabei entstehen pfiffige Ideen – vom Babysitter-Service des Bürgermeisters über die Vermarktung von Regionalprodukten bis zur architektonischen Umgestaltung alter Scheunen.

Darum geht's:

  • Prämien, Infrastruktur und Co – Wie Dörfer überleben wollen
  • Ein lebendiger Dorfkern ist dafür absolut notwendig.
  • Regionale Produkte können die Wirtschaft ankurbeln.
  • "Unser Dorf hat Zukunft" bewertet bundesweit die lebendigsten Dörfer.

Zwischen Aufgaben und Gegensteuern

Oft herrscht beharrliches Schweigen, wenn es um die trüben Aussichten für die deutschen Dörfer geht. Im Osten Deutschlands stehen erste Orte ganz leer und verfallen. Im Westen schrumpfen die Dörfer und überaltern. Eine Entwicklung, die angesichts sinkender Bevölkerungszahlen und weniger Landwirtschaft unausweichlich scheint.

Im Frühjahr 2011 sorgte der Zukunftsrat des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer für Aufruhr, als er ankündigte, künftig die Leistungszentren stärker fördern zu wollen und – unausgesprochen – den ländlichen Raum weniger.

2007 hatte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ganz offen eine Abzugsprämie vorgeschlagen, um schrumpfende Dörfer im Osten ganz zu entvölkern. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung: Menschen, die ihre Dörfer nicht aufgeben, sondern gezielt nach Mitteln suchen, sie wieder lebenswert zu machen.

Wenn Bürgermeister Brötchen backen

Einige Bürgermeister versprechen Neubürgern inzwischen Prämien aller Art: Im niedersächsischen Tiftlingerode backen die neun Ortsräte gelegentlich über 2000 Brötchen und verteilen sie frühmorgens an die Dörfler.

Der Ort bietet auch eine originelle Babyprämie an, zu der unter anderem der Babysitter-Service des Bürgermeisters gehört.

Und statt Infrastruktur abzubauen, wurden die Spielplätze saniert, die Kindergartenkinder werden kostenlos zur Betreuung in den Nachbarort gefahren, junge Familien erhalten günstige Bauplätze in guter Lage. Auch Droyßig in Sachsen-Anhalt lockt mit einer Prämie: Für jedes Neugeborene gibt es 50 Euro.

Abwasserrohre liegen auf einem Bauplatz vor bereits fertiggestellten Eigenheimen.

Auch ein Lockmittel: günstige Bauplätze

Andere Gemeinden besinnen sich auf ihre Tradition – als Künstlerdorf, als Weindorf oder historisch bedeutsamer Ort – und stärken diese Aspekte, um Besucher und neue Bewohner anzulocken. Für Belebung sorgt auch sanfter Tourismus, beispielsweise in Form von Urlaub auf dem Bauernhof. Mancherorts werden Wirtschaftsgebäude ehemaliger Höfe ausgebaut und bieten Fremdenzimmer.

Das Herz des Dorfs

Wer Touristen oder Bewohner halten will, muss allerdings eines haben: einen lebendigen Dorfkern mit Lebensmittelgeschäft, Post- und Bankdiensten, – kurzum allem, was für den Alltag nötig ist. Doch genau dies fehlt inzwischen vielen Orten, da sich die einzelnen Betriebe nicht mehr lohnen.

Eine Lösung sind dörfliche Dienstleistungszentren, die inzwischen vielerorts entstehen: Brötchen, Getränke, Post- und Bankdienste gehen über die gleiche Ladentheke, möglicherweise betreibt der gleiche Anbieter auch die Dorfkneipe.

Bei Schule und Kindergarten setzen etliche Dörfer inzwischen auf auf klassenübergreifenden Unterricht und Kooperationen mit Nachbargemeinden. Die Kombination von kommerziellen Dienstleistungen, Arztpraxis und Gemeinschaftsräumen für Vereine, Kurse und Feiern unter einem Dach ist ein weiterer Weg, dem Dorfkern wieder Leben einzuhauchen. Die Ortsmitte entwickelt sich auf diese Art schnell wieder zum Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft.

Um die ärztliche Grundversorgung auf dem Land sicherzustellen, gehen inzwischen auch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) ganz neue Wege: Mit Umsatzgarantien lockten die KVen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt niederlassungswillige Ärzte, die das finanzielle Risiko scheuten. In Bayern setzte die KV auf die Neuorganisation des Notdienstes, um die Arbeitsbelastung der Landärzte zu senken.

Auch die Bewohner selbst gründen Initiativen, um die Dörfer lebendig zu machen: Viele Vereine und Genossenschaften sorgen dafür, dass das Dorf sich wieder zu dem entwickelt, was einmal war: einer Gemeinschaft von Menschen, die nicht nur am Ort wohnen, sondern die sich treffen und zusammen aktiv werden.

Mit Hund und Katze können die Ferienkinder in ihrem Heubett spielen und schlafen.

Mit Hund und Katz im Heubett schlafen

Regionale Produkte als Chance

Mit dem Rückgang der Landwirtschaft begann der Niedergang vieler Dörfer. Doch gerade die Landwirtschaft kann auch eine große Chance sein: Neben Bio-Produkten sind inzwischen auch regionale Erzeugnisse sehr gefragt – nicht nur auf dem Land selbst, sondern auch in den Städten.

Zahlreiche Landwirte und regionale Verbände setzen gezielt auf die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte aus der Region. Mit diesen meist kleineren Betrieben, von denen manche einen eigenen Hofladen betreiben, entstehen vor Ort auch wieder Arbeitsplätze.

2005 wurde der "Bundesverband der Regionalbewegung" gegründet, der vom Landwirtschaftsministerium gefördert wird. Er versteht sich als Dachverband für die zahlreichen Regionalinitiativen, die sich für die Vermarktung lokaler Produkte und die Stärkung des ländlichen Raums einsetzen.

Gegen den allgemeinen Trend bewegen sich auch Neueinsteiger in die Landwirtschaft. Eine Studie der Universität Kassel aus dem Jahr 2006 ergab, dass es sich bei diesen Existenzgründern keineswegs um Aussteiger handelt, sondern um gut ausgebildete Fachkräfte. Die Mehrheit betreibt ökologischen Landbau und hat einen eigenen Hofladen.

Frisches Obst und Gemüse in der Filiale des Stendaler Bauernmarktes in Tangermünde.

Regionale Lebensmittel sind wieder gefragt

Unser Dorf hat Zukunft

Gut gemeint, aber mancherorts folgenschwer war der Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" ab Anfang der 1960er Jahre. Damals war nicht das Dorfsterben das Thema, sondern schlicht die optische Aufwertung durch Ordnung und Pflanzen.

Der Ordnungsliebe fiel einiges zum Opfer, was heute liebevoll restauriert und renoviert wird: charakteristische Gebäude, Mauern, Brunnen, Wege und Plätze, die dem Dorf sein individuelles Aussehen verleihen.

Aus dem Wettbewerb wurde schließlich 1997 "Unser Dorf hat Zukunft" – ebenfalls ein bundesweiter Wettbewerb des Landwirtschaftsministeriums, an dem sich alle drei Jahre mehrere tausend Dörfer aus ganz Deutschland beteiligen. Bewertet werden die Initiativen zur nachhaltigen Entwicklung der Dörfer und der Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum.

Dabei werden alle Aspekte berücksichtigt – von architektonischen Ansätzen über die wirtschaftliche Entwicklung, kulturelle Angebote und vor allem das Gemeinschaftsleben.

Etliche positive Beispiele zeigen, dass die Dörfer durchaus eine Zukunft haben können, wenn sie rechtzeitig die Initiative ergreifen, viel Gemeinschaftssinn und Phantasie an den Tag legen.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 07.06.2017, 10:57

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