Kultobjekt: die Doppelkappnahthose

Detail einer blauen Jeans mit Metallknopf

Hose

Kultobjekt: die Doppelkappnahthose

Jeans galten in der DDR lange als kapitalistisches Teufelszeug. Sie standen für eine westliche Beat-Kultur, die die DDR-Führung vehement ablehnte. Oder wie es der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht einmal in einer Rede ausdrückte: "Müssen wir jeden Dreck, der aus dem Westen kommt kopieren? Mit der Monotonie des Yeah, yeah, juh oder wie das heißt, sollte man Schluss machen!" Schließlich musste die DDR-Führung doch auf den Druck der Mode reagieren. Man produzierte selbst eine "DDR-Jeans". "Nietenhose" hieß sie oder ganz offiziell "Doppelkappnahthose".

Blauhemden ja – Blauhosen nein

In den 1950er Jahren explodierte der Rock' n' Roll in der westlichen Welt. "Rock around the Clock" von Bill Haley and the Comets, aufgenommen 1954, machte den Anfang. Was trugen die Rock' n' Roller? Jeans natürlich. Die blaue Hose mit den Nieten und den doppelten Nähten trat ihren Siegeszug rund um die Welt an.

Nur vor den Ländern des Ostblocks machte sie halt. Rock' n' Roller wurden in der offiziellen DDR-Presse nur als "Gammler" bezeichnet, als nutzlose Objekte für die Gesellschaft. Ein Sozialist hatte andere Werte – zumindest nach der Vorstellung der SED.

Mit dem Bau der Mauer 1961 wurde die Abgrenzung von der "westlichen Unkultur" noch einmal zusätzlich untermauert. Doch dann kamen vier Jungs in Jeans aus Liverpool und brachten die Jugend zum Weinen: die Beatles.

Während die Jugendlichen in der BRD sich wie ihre Stars kleideten, trugen ihre Altersgenossen im Osten lediglich blaue Hemden, die Uniform der Freien Deutschen Jugend (FDJ).

FDJ-Jugendliche in blauen Hemden

Blau sollten nur die Hemden sein

Die Leiden des jungen Werther – Theater um die Jeans

1972 wurde am Deutschen Theater in Ost-Berlin das Stück "Die neuen Leiden des jungen Werther" von Ulrich Plenzdorf aufgeführt. Die Schauspieler trugen Jeans. Das Stück brachte den Hunger einer ganzen Generation nach diesem Kleidungsstück zum Ausdruck.

"Jeans sind die edelsten Hosen der Welt" – sagte der Hauptdarsteller in einer Szene – "dafür verzichte ich auf die synthetischen Lappen, die ewig tiffig aussehen". Das war der Durchbruch.

1974 wurden in Sachsen die ersten Jeans produziert. Sie waren aus braunem Cord, also nicht gerade der allerneuste Schrei. Ihr offizieller Name war "Doppelkappnahthose". Die SED lobte die Designer und sprach von einem "schnellen Reagieren auf Kundenwünsche".

Eine gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass die DDR-Jugend schon 20 Jahre sehnsüchtig auf die Blauhose wartete. Zum ersten Mal konnten sie nun Jeans in den "JuMos" kaufen, den Jugendmodeläden der DDR. 1978 wurden die ersten Hosen in blau produziert.

1974: Junge Frauen aus Ostberlin in "westlicher" Kleidung

In den Siebzigern glich sich die Mode immer mehr dem Westen an

Stone-washed im Fünf-Jahresplan nicht vorgesehen

Es wurde ein echter Produktionskampf. Mal fehlte der richtige Stoff, mal die Nieten. Und dann das: 1980 erhielt die DDR-Regierung ein Schreiben von der Firma Levis. Die geschwungene Naht auf der hinteren Hosentasche dürfe nicht einfach kopiert werden. Das sei das Markenzeichen von Levis.

Das war für die DDR-Jeans ein schwerer Rückschlag. Je authentischer die Hose nämlich aussah, desto besser verkaufte sie sich. In den folgenden Jahren bekam die Partei das Problem trotz aller Hindernisse ganz gut in den Griff. Diejenigen, die sich nicht von West-Verwandten mit den original Jeans versorgen lassen konnten, kauften tapfer die Ost-Produkte.

1989 holte allerdings der Westen zum nächsten Tiefschlag aus. Stone-washed! Das war im Fünf-Jahres Plan nicht vorgesehen. Das Problem erledigte sich bekanntermaßen von alleine. Kurz darauf fiel die Mauer. Freie Jeans-Wahl für jedermann!

1987: Ost-Berliner Punker

Ost-Berliner Punker 1987: Von den Vorbildern im Westen nicht mehr zu unterscheiden

Autorin: Andrea Oster

Stand: 17.01.2017, 10:33

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