Frauen im Wilden Westen

Nordamerika

Frauen im Wilden Westen

Billy the Kid, Buffalo Bill, Doc Holliday und Wyatt Earp – ob gut oder böse: die Geschichte des Wilden Westens wurde von Männern geschrieben. Von Frauen ist da wenig die Rede. Dabei war knapp die Hälfte der Pioniere weiblich. Und diese Frauen mussten auf dem Weg in den Westen große Strapazen auf sich nehmen. Aufschluss über das harte Pionierleben der Frauen geben Fotos, Aufzeichnungen und Briefe an die Daheimgebliebenen.

Die neue Frau

Blick von unten auf zwei Pferde, die einen Olanwagen ziehen.

Mit Hab und Gut in den Westen

Mitte des 19. Jahrhunderts zogen Tausende Amerikaner von der Ostküste mit ihrem gesamten Hab und Gut gen Westen. Anstoß waren die Abenteuerlust, der Traum von einem Stück Land, der Freiheit, sein eigener Herr zu sein und der Aussicht auf einen bescheidenen Reichtum. Manche zogen auch in den Westen, weil der Bevölkerungsdruck in den Städten des Ostens zu groß wurde und es immer weniger Arbeitsplätze gab.

Das Pionierleben war voller Entbehrungen. Frauen, die es gewohnt waren, von Hausangestellten bedient zu werden, mussten plötzlich mitten in der Prärie waschen, kochen und gebären. Und nicht nur das: Sie übernahmen auch Aufgaben, die bis dahin den Männern vorbehalten waren. Sie lernten reiten, den Wagen lenken, das Vieh treiben und Kälber mit dem Lasso einfangen. Ein neuer Frauentypus wuchs heran. Diese Frauen waren selbstbewusst, stark und unabhängig.

Geburt "on the road"

Frau mit weinendem Kind.

Kinder wurden oft nach ihrem Geburtsort benannt

Amelia Stewart Knight, eine junge Pionierfrau, beschreibt in ihrem Tagebuch, das 1853 veröffentlicht wurde, die Geburt ihres achten Kindes auf dem Weg über die Cascade Mountains in Oregon: "Es war die schlimmste Straße, die je gebaut wurde... über felsige Hügel, durch matschige Löcher und umgefallene Bäume... Ich war die ganze Nacht über krank und am Morgen nicht in der Lage, den Wagen zu verlassen." Amelia Knights Kind kam kurz nach der Überquerung des Gebirges zur Welt, aber bevor sie ein richtiges Zuhause hatte "von Wagen und Zelt mal abgesehen". Viele Frauen benannten ihr Baby nach dem Ort, an dem es geboren wurde. Cora Montana, Salina Jane oder Gertrude Columbia erinnerten ein ganzes Leben lang an ihren Geburtsort auf dem Treck.

Perfektes Picknick

Frau mit Kindern vor dem Planwagen.

Frühes Wohnmobil: der Planwagen

Der Alltag im Planwagen war spartanisch: Gekocht wurde aus der Kiste. Alles, was die Frauen zur Zubereitung von Mahlzeiten benötigten, befand sich in einer Truhe, ähnlich einem Werkzeugkasten. So waren Geschirr, Besteck, Behälter und sogar Tischtücher immer griffbereit. Vorräte wie Kaffee, Zucker und Reis wurden in Leinensäcken aufbewahrt. Pökelfleisch, Weizen und Maismehl lagerte man in Fässern. Aufgetischt wurde "outdoor", unter dem freien Himmel. Bei vielen Wagen konnte man die Klappe an der Rückseite zu einem Tisch umfunktionieren, denn allzu viele Möbel hatten im Planwagen keinen Platz. Die Siedlerfamilien mussten sich deshalb genau überlegen, was sie an Hab und Gut mit in die neue Heimat nehmen wollten. Was für die Erwachsenen eine Last war, erlebten die Kinder oft als großes Abenteuer. "Vielleicht war es hart für die Eltern, aber für uns Kinder und junge Leute war es bloß ein langes, perfektes Picknick," schrieb ein Pionier, der den Treck in seiner Kindheit erlebt hatte.

Neue Heimat

Treck im Dämmerlicht.

Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft

Erreichten die Siedler nach beschwerlichen und gefährlichen Reisemonaten endlich ihr Ziel, hatte die Knochenarbeit noch lange kein Ende. 1862 wurde per Gesetz jedem neuen Siedler bis zu 65 Hektar kostenloses Land zugesprochen. Die erste Aufgabe bestand darin, auf dem neuen Grund so schnell wie möglich ein Haus zu errichten. Dazu nutzte man jegliches Material, das man bekommen konnte. In der fast baumlosen Prärie mussten sich die Neuankömmlinge mit zentimeterdicken Rasenstücken behelfen, die übereinander geschichtet wurden. Holzhäuser gab es nur, wenn in einer nahe gelegenen Stadt mit Holz gehandelt wurde. Manchmal wurde auch einfach der Planwagen zum Haus umgebaut.

Die schnell errichteten Hütten hatten oft nicht einmal Türen, Fenster oder einen Kamin. Auch waren sie nicht immer so stabil, wie sie sein sollten. "Die Freude hielt nur eine Woche an, dann begann es zu regnen. Nachdem es den ganzen Tag geregnet hatte, begann es, durch das Dach zu tropfen. Ich war so erschöpft, dass ich dennoch zu Bett ging... Die Mädchen weckten mich auf. Sie kamen aus ihrem Zimmer und waren nass wie Ratten." schrieb Pionierfrau Bertha Andersen, die von Dänemark nach Montana gekommen war. Einige Frauen waren ihren Männern in den Westen erst später nachgereist und auf die neue Art von Wohnung nicht gefasst. Die Siedlerin Anna Shaw berichtete über die Ankunft ihrer Mutter in Michigan: "Irgendetwas in ihr schien nachzugeben und sie sank zu Boden." Vor Schreck über die primitive Behausung hatte sie das Bewusstsein verloren.

Leben in der Wildnis

Unberührte Landschaft im Südwesten der USA.

Die Einsamkeit ist nichts für Jedermann

Wollte man das harte Leben in der Wildnis durchstehen, mussten alle mithelfen. Männer und Jungen arbeiteten meist auf den Feldern, bei den Herden oder in den Minen, während die Frauen mit dem Haushalt beschäftigt waren. In der ersten Zeit war es unerschwinglich, etwas zu kaufen. Alles musste selbst hergestellt werden, ob Nahrungsmittel, Möbel, Seife oder Kleidung. Freizeit gab es so gut wie gar nicht. Auf den Schultern der Frauen lastete große Verantwortung. Die Männer blieben oft tagelang draußen bei der Arbeit und den Herden, während die Frauen sich um Haus und Kinder kümmerten. Die nächsten Nachbarn waren oft Mehr als einen Tagesritt entfernt. Die Einsamkeit inmitten der weiten Prärie war für die ehemaligen Städterinnen nicht leicht zu ertragen. Einige Frauen zogen es vor, wieder zurück in den belebten Osten zu gehen. Den Frauen, die sich entschieden hatten zu bleiben, eröffnete sich eine offenere und freiere Welt. Rodeo reiten, schießen oder Glücksspiel - die Frauen ließen sich kaum noch etwas verbieten. Das klassische Rollenbild von Mann und Frau war überholt. Der Weg in den Westen hatte die Frauen selbstständig und selbstbewusst gemacht.

Autor/in: Claudia Heidenfelder

Stand: 08.08.2014, 13:00

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