Islam in Deutschland

Religion

Islam in Deutschland

Der Islam kam nicht erst mit den Arbeitsmigranten nach Deutschland: Als 1915 in Berlin-Wünsdorf die erste Moschee Deutschlands gebaut wurde, war der Islam noch fremd, exotisch. Die Muslime waren Studenten und Akademiker, einige vermutlich ehemalige Kriegsgefangene. Heute gibt es in Deutschland rund vier Millionen Muslime. Sie kommen aus Europa, Asien und Afrika. Sie gehören unterschiedlichsten Richtungen an und bilden die drittgrößte Religionsgemeinschaft Deutschlands.

Muslimische "lange Kerls"

Islamisches Leben in Deutschland gibt es schon seit über 260 Jahren - doch über die wenigen Hundert oder Tausend Muslime, die vor allem durch das Militär nach Deutschland kamen, ist nur wenig bekannt. Zu den ersten gehörten übrigens 20 Männer, die bei den "langen Kerls" von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. dienten. Sie bekamen sogar einen eigenen Moscheesaal eingerichtet - in einer Garnisonskirche.

Auch als Goethe sich vor rund 200 Jahren mit dem Islam auseinandersetzte, hatte er noch kaum eine Gelegenheit, Muslime kennenzulernen. Stattdessen entzifferte er dafür den Koran und beschäftigte sich mit dessen Inhalt und Auslegung.

Islamisches Leben in Berlin

Ahmadiyya-Moschee in Berlin-Wilmersdorf, Gebäude, außen, Außenansicht

Die älteste deutsche Moschee steht heute in Berlin-Wilmersdorf

Im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts kamen außer Soldaten auch muslimische Studenten, Diplomaten und Kaufleute vor allem nach Preußen. Einer der Gründe dafür war das Bündnis zwischen dem Osmanischen Reich und Preußen sowie später dem Deutschen Reich. Um die 1920er Jahre entwickelte sich dann hauptsächlich in Berlin islamisches Leben.

1915 wurde in Berlin-Wünsdorf die erste Moschee auf deutschem Boden gebaut. Das Holzgebäude mit Kuppel und Minarett war allerdings bereits in den 1920er Jahren baufällig und wurde abgerissen. Die älteste deutsche Moschee, die Ahmadiyya-Moschee, befindet sich heute in Berlin-Wilmersdorf. Sie wurde von 1924 bis 1927 erbaut. Die erste islamische Gemeinde wurde 1922 gegründet. 16 Jahre lang, von 1924 bis 1940, erschien die Zeitschrift "Moslemische Revue". 1939 lag die erste deutsche Übersetzung des Korans vor.

Bis in die 1930er Jahre wurden zahlreiche islamische Vereine, der Islamische Weltkongress mit Zweigstelle Berlin und die erste moslemische Bildungseinrichtung in Deutschland gegründet. Doch die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte der Entwicklung bald ein Ende. Die Muslime fielen unter die Rassegesetze; sie wurden verfolgt, viele von ihnen deportiert und ermordet. Andererseits nutzten die Nazis islamische Institutionen für Propaganda-Zwecke.

Die zweite Geschichte der Muslime in Deutschland

Mit dem Anwerbeabkommen von 1961 begann ein neues Kapitel muslimischen Lebens in Deutschland. Aus der Türkei kamen sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland. Sie sollten für einige Jahre am deutschen Wirtschaftswunder mitarbeiten.

Mehr als ein Fünftel der angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei waren übrigens Frauen: Viele waren alleinstehend, manche gingen aber auch nach Deutschland, um so ihre Familie finanziell unterstützen zu können. Später kamen muslimische Arbeiter aus Nordafrika und dem damaligen Jugoslawien hinzu.

Aus dem Arrangement auf Zeit entwickelte sich für Viele eine neue Heimat. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt hatten sie das Recht, sich niederzulassen, wo immer sie wollten. Viele holten ihre Familien nach oder gründeten Familien in Deutschland. Das religiöse Leben spielte sich lange Zeit in sogenannten "Hinterhof-Moscheen" ab, einfachsten Räumen, in denen sich die Muslime zum Gebet zusammenfanden.

Die neuen Generationen

Erst mit der zweiten und dritten Generation, den Kindern und Enkeln der Arbeitsmigranten, wurde allen Beteiligten klar, dass aus dem vorübergehenden Aufenthalt ein dauerhafter werden würde. Dies wirkte sich auch auf das religiöse Leben aus. Anstelle von Hinterhof-Provisorien waren nun richtige Moscheen gefragt.

Zwar waren bereits ab 1957 Moschee-Neubauten in Hamburg und Aachen entstanden - dies allerdings auf Initiative von Kaufleuten oder in Aachen sogar unter studentischer Trägerschaft. Die Moschee-Neubauten ab den 1980er Jahren hatten für die Bevölkerung einen anderen Charakter. Nun wurde der Islam plötzlich im Stadtbild präsent - und das auf Dauer. Kuppeln und Minarette wurden zum Zankapfel und sind es noch. Die mehr als 2000 Moscheen in Deutschland hatten bisher kaum für Konflikte gesorgt, solange sie nicht offen erkennbar waren.

Islam ist nicht gleich Islam

Der Vorsitzende des Zentralrat der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek.

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime

Wie viele Einwohner Deutschlands Muslime sind, kann bisher nur geschätzt werden. Die Zahlen reichen von 3,8 bis 4,3 Millionen. Verlässliches Zahlenmaterial gibt es nicht, da die Muslime in verschiedenen Vertretungen organisiert sind, jedoch keinen für alle zuständigen Verband haben. Dies führt wiederum dazu, dass dem Staat für die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft der Ansprechpartner fehlt. Stattdessen gibt es Vertreter verschiedener Richtungen, denn Islam ist nun einmal nicht gleich Islam.

Die vier größten Verbände schlossen sich 2007 zum Koordinationsrat der Muslime (KRM) zusammen: Der größte unter ihnen ist die 1982 gegründete Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB). Der DITIB vertritt vor allem türkischstämmige Muslime. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD) klingen zwar dem Namen nach wie offizielle Vertretungen aller Muslime, sind es jedoch nicht.

Zum konservativen Islamrat gehört die Organisation "Milli Göruş", die als extremistisch eingestuft wird. Der Zentralrat hat wiederum die Moschee-Vereinigung DITIB als Mitglied. Viertes Mitglied des Koordinationsrats ist der Verband Islamischer Kulturzentren, in dem vor allem konservative türkischstämmige Muslime organisiert sind.

Die Islamkonferenz

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) eröffnet die Deutsche Islamkonferenz in Berlin.

Die Deutsche Islamkonferenz tagt seit 2006 einmal jährlich

Im Jahr 2006 riefen Bund und Länder die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ins Leben, an der deutsche Politiker und Vertreter islamischer Organisationen beteiligt sind. Die DIK tagt einmal pro Jahr und dient als Forum für die Verständigung zwischen Staat und Muslimen.

Außerhalb des jährlichen Plenums verfügt die Deutsche Islamkonferenz über zahlreiche Arbeitsgruppen, die sich mit Themen wie islamischem Religionsunterricht, Moscheebauten, Sicherheitsfragen, Medien und mehr beschäftigen und konkrete Handlungsempfehlungen geben. 2010 schloss die Islamkonferenz die Organisation "Milli Göruş" von der Teilnahme aus, da gegen mehrere führende Mitglieder Ermittlungsverfahren laufen.

50 Länder, 7 Glaubensrichtungen

Die Islamkonferenz will zwar so umfassend wie möglich die Vielfalt des Islams in Deutschland abbilden, erreicht aber laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge nur etwa ein Viertel der deutschen Muslime. Muslimische Migranten kommen aus rund 50 verschiedenen Staaten, die Mehrheit stammt aus der Türkei. Fast die Hälfte aller muslimischen Zuwanderer sind nach Erkenntnissen der 2009 erstellten Studie übrigens inzwischen deutsche Staatsbürger.

Rund drei Viertel der in Deutschland lebenden Muslime sind Sunniten, die weltweit größte Glaubensrichtung des Islam. Die Sunniten sind Anhänger der vier Rechtsschulen des Islam, des Kalifats. Der Unterschied zu den Schiiten, die in Deutschland mit etwa sieben Prozent vertreten sind, entstand vor allem durch die Frage, wer die Gemeinschaft der Muslime leiten solle.

Die Schiiten erkennen nur den vierten der Kalifen an, es bildete sich das Imamat heraus. Die Schiiten, die heute in Deutschland leben, stammen überwiegend aus dem Iran. Die zweitgrößte Richtung in Deutschland stellen mit mehr als einem Zehntel der Muslime die Aleviten dar, die sich stark von Sunniten und Schiiten unterscheiden. Sie befürworten einen säkularen Staat, treten für Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung der Frau ein. Im Gegensatz zu den Schiiten lehnen sie die Scharia ab. Nur sehr wenige Muslime in Deutschland gehören anderen Glaubensrichtungen wie den Ibâditen, dem Sufismus oder der Ahmadiyya an.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 11.01.2016, 11:21

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