Die Pyrenäen – Die wilden Berge Kataloniens

Blick auf einen See in den Pyrenäen, dahinter verschneite Berge.

Katalonien

Die Pyrenäen – Die wilden Berge Kataloniens

Wild und majestätisch erheben sie sich im Norden Kataloniens, wie ein Bollwerk schirmen sie die Region von Frankreich ab: die Pyrenäen. Die meisten Katalonien-Urlauber verirren sich nur selten in die abgelegenen Täler und Höhen, sie nehmen die Pyrenäen eher als lästiges Hindernis auf dem Weg an die Strände der Costa Brava wahr. Doch wer sich ein bisschen Zeit nimmt, wird in den Bergen eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft finden.

Abgelegene Täler und Höhen

Die Pyrenäen bilden die natürliche Grenze Kataloniens zu Frankreich. Im östlichen Teil an der Küste haben sie noch mittelgebirgsähnlichen Charakter. Doch die anfangs noch leicht welligen Hügel steigen langsam immer höher an, bis sie nach knapp 50 Kilometern gen Westen schon fast 3000 Meter Höhe erreichen.

Bis zum Vall d'Aran, das die westliche Grenze Kataloniens zur Region Aragón bildet, erstreckt sich eine Vielzahl von hohen Bergen und abgelegenen Tälern mit einer wildromantischen Tier- und Pflanzenwelt, die in Europa ihresgleichen sucht.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die Pyrenäen verkehrsmäßig nur sehr dürftig erschlossen. Im Gegensatz zu den Alpen verlaufen die meisten Täler quer zum Hauptkamm und lassen somit eine bequeme Überschreitung der Berge nicht zu.

Bis heute führen nur einige wenige kurvenreiche Passstraßen über die Pyrenäen. Die meisten Autofahrer wählen deshalb lieber den unbeschwerlichsten Weg über die weit im Osten gelegene Autobahn A 9 und lassen das Kerngebiet der Pyrenäen links liegen.

Nichtsdestotrotz können auch die Bergbewohner in den letzten Jahren auf stetig wachsende Besucherzahlen zurückblicken. Das liegt zum einen am wachsenden Skitourismus in einigen Gebieten der westlichen Pyrenäen, zum anderen an der stetig wachsenden Zahl von Wanderern, die in den National- und Naturparks unberührte Natur genießen wollen.

Raue Landschaft mit Gebirgsbach in der Nähe von Jacca in den spanischen Pyrenäen.

Die Pyrenäen sind noch wild und ursprünglich

Hort des Widerstands

Obwohl die Pyrenäen so abgeschieden liegen, wurden sie schon früh besiedelt. Griechen, Karthager und Römer, die in der Antike zahlreiche Stützpunkte an der katalanischen Küste errichteten, zeigten jedoch noch kein großes Interesse an den unwirtlichen Bergen.

Auch die Germanenstämme der Alanen, Sueben, Vandalen und Westgoten, die ab dem 5. Jahrhundert nach Christus über Frankreich nach Spanien kamen, nutzten die Pyrenäen nur als Übergang und ließen sich lieber in den Ebenen nieder. Erst als die Mauren ab 711 die Iberische Halbinsel eroberten, flüchteten die Bewohner der Ebenen in die Berge.

In der Folgezeit machten sie die Täler urbar und schufen auf den Hochflächen Weiden für ihr Vieh. Kleine Feudalherren zogen von ihren sicheren Burgen bald immer wieder aus, um den Mauren in den Ebenen empfindliche Schlappen beizubringen. Von den geraubten Reichtümern errichteten sie vor allem zahlreiche Kirchen im romanischen Stil.

Im Vall de Boí, ganz im Westen der katalanischen Pyrenäen, ist die schönste und größte Ansammlung der teilweise fast 1000 Jahre alten Kirchen zu sehen. Sie stehen oft nicht mal einen Kilometer voneinander entfernt und bergen ungeahnte Kunstschätze, die erst Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden. Die Unesco erklärte das gesamte Tal im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe.

Blick auf eine alte kleine Kirche. Im Hintergrund felsige und verschneite Berge.

Romanische Kirche im Vall de Boí

Nachdem die Mauren aus Katalonien vertrieben waren, blieben die meisten Bewohner der Pyrenäen in den Bergen. Man wollte die mühsam urbar gemachten Flächen nicht wieder aufgeben, zudem waren die abgelegenen Gegenden nur selten Zankapfel der Großmächte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Landwirtschaft in den Pyrenäen eine äußerst mühsame, aber einträgliche Angelegenheit, von denen die meisten Bewohner ausreichend leben konnten.

Erst in den 1950er Jahren setzte eine massive Landflucht ein, da die Landwirtschaft aufgrund steigender und billiger Konkurrenz aus dem Ausland für viele Familien nicht mehr genug abwarf. Gerade die jungen Männer verließen die Berge, viele Dörfer verfielen oder wurden aufgegeben.

Erst in den vergangenen Jahren zog es einige Menschen wieder zurück in die Pyrenäen. Der wachsende Tourismus bietet wieder Chancen, ein Auskommen in den Bergen zu finden. Die Felder und Hochweiden dagegen sind heutzutage viel zu mühsam zu bestellen. Sie liegen zum großen Teil brach und werden der Natur überlassen.

Ein paar Schafe grasen auf einem kargen Hochplateau in den Pyrenäen.

Landwirtschaft ist in den Bergen zu mühsam

Zuflucht für bedrohte Tiere

Durch die Abgeschiedenheit und die geringe Siedlungsdichte hat sich in den Pyrenäen noch eine Tierwelt erhalten, die in Europa einzigartig ist. In ganz abgelegenen Tälern sollen noch einige Braunbären durch die Gegend streifen, auch wenn Parkranger zur Beruhigung der Touristen immer wieder behaupten, in "ihrem" Park gäbe es keine.

Die in Europa sehr selten gewordenen Bartgeier haben hier ihr größtes Brutgebiet. Mit etwas Glück kann man auch Gänsegeier und Steinadler ihre Runden am Himmel ziehen sehen.

In großen Höhen gibt es noch zahlreiche Gämsen, der Pyrenäen-Steinbock dagegen gilt seit dem Jahr 2000 als ausgestorben. Auch das in den Alpen stark bedrohte Auerhuhn kann man in den Pyrenäen noch häufiger vorfinden.

Die Hauskatzen-große, aber schlankere Ginsterkatze ist dagegen nur noch sehr selten anzutreffen und vom Aussterben bedroht.

Blick auf eine grau-schwarz gefleckte Ginsterkatze, die über Felsen läuft.

Die Ginsterkatze ist fast ausgestorben

Etwas ganz Besonderes stellt der Pyrenäen-Desman dar. Er ist eine Maulwurfunterart und lebt an und in Gewässern. Das nachtaktive, scheue Tier ist durch die zunehmende Verschmutzung von Gewässern sowie durch eingeschleppte Nerzarten stark bedroht.

National- und Naturparks

Die katalanische Regierung versucht seit langer Zeit, ausreichend Schutzraum für die einzigartige Tierwelt bereitzustellen. Bereits 1955 wurde der erste und bisher einzige Nationalpark auf katalanischem Boden, der "Parc Nacional d'Aigüestortes i Estany de Sant Maurici", eingerichtet.

"Aigüestortes" heißt "gewundene Wasser", und tatsächlich ist der Park äußerst wasserreich. Er erstreckt sich über ein Kerngebiet von knapp 14.000 Hektar und eine fast ebenso große Randzone. Hier leben vor allem zahlreiche Gämsen und Steinadler sowie einige seltene Lämmergeierpaare.

Großaufnahme auf den Kopf eines Lämmergeiers.

Lämmergeier sind äußerst selten in Europa

Weitere 120.000 Hektar Schutzraum verteilen sich auf drei Naturparks: Der "Parc Natural de l'Alt Pirineu" in den Hochpyrenäen bietet große Bestände an Gämsen, Mufflons, Geiern und Adlern. Hier sollen dann doch noch einige Braunbären versteckt leben.

Der "Parc Natural del Cadí-Moixeró" ist den Pyrenäen etwas vorgelagert, erreicht aber dennoch Höhen bis 2600 Metern. Dieses Gebiet ist wegen seiner ausgedehnten Wälder und blumenreichen Bergwiesen besonders bei Wanderern sehr beliebt.

Der "Parc Natural de la Zona Volcanica de la Garrotxa" umfasst einen vulkanisch geprägten Gebirgszug, der den Pyrenäen vorgelagert ist. Der Park ist für seinen Amphibien-, Reptilien- und Fischreichtum bekannt, zudem nisten viele seltene Vogelarten an seinen Gewässern. Alle Naturparks wurden bereits in den 1960er beziehungsweise 1980er Jahren geschaffen.

Tourismus contra Naturschutz

Auch wenn in einigen Gebieten der Pyrenäen Naturschutz groß geschrieben wird, so kollidieren in anderen Teilen die Interessen der Tourismusbranche massiv mit denen der Umweltschützer. Besonders der Wintersporttourismus boomt in Katalonien und ist häufig nicht in Einklang mit der Natur zu bringen.

Direkt neben dem Nationalpark existiert zum Beispiel der Wintersportort Super-Espot. Auch wenn sich hier die Behausungen der Skifahrer noch halbwegs dem Bild der Landschaft anpassen, so fahren im Winter dennoch jeden Tag Tausende von Touristen in direkter Nachbarschaft zu den Refugien bedrohter Tierarten die Hänge hinunter.

Weitaus schlimmer anzusehen sind die Umweltzerstörungen im nördlich des Nationalparks gelegenen Vall d'Aran. Hier macht sich zu jeder Skisaison der spanische Jet-Set breit. Nur wenige Autostunden von Madrid und Barcelona entfernt, hat sich das Tal seit den 1960er Jahren zum größten Skigebiet auf katalanischem Boden gemausert. Der Quadratmeterpreis ist mittlerweile so hoch wie in den angesagtesten Vierteln Barcelonas. Und es wird weitergebaut.

Blick auf Hunderte von Skilangläufern, die nebeneinander auf einem verschneiten Hochplateau ein Rennen ausführen.

Massenskilauf in Salardú im Vall d'Aran

Während man sich in den Alpen langsam Gedanken über die Zeit nach dem Wintertourismus macht, wird das Vall d'Aran kräftig weiterentwickelt. Es gibt sogar schon Pläne, auf das benachbarte Vall d'Arreu auszuweichen, das bisher nur zu Fuß zu erreichen ist.

In diesem abgeschiedenen Tal tummeln sich noch Braunbären, Gänsegeier und Auerhühner. Naturschutzorganisationen wie der spanische "Word Wide Fund for Nature" (WWF) laufen deshalb Sturm gegen das Vorhaben.

Autor: Tobias Aufmkolk

Weiterführende Infos

Stand: 21.02.2017, 16:19

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