Inuit

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Inuit

Die rund 150.000 Inuit sind wohl eines der bekanntesten Völker der Erde. Jahrtausende überlebten sie ohne technische Hilfsmittel in Schnee und Eis. "Inuit" – "Mensch", nennen sie sich selbst, von ihren Nachbarn, den Indianern, wurden sie "Eskimo" genannt, das bedeutet wahrscheinlich "Rohfleischesser". Eine genaue Belegung des Begriffs steht noch aus. Sie überlebten als Jäger von Karibus, Robben und Walen. Doch in der modernen Gesellschaft zählt ein guter Jäger nicht mehr viel. Was können sie von ihrem traditionellen Leben für die Zukunft bewahren?

Die Ursprünge der Inuit

Die Inuit stammen wahrscheinlich von einem asiatischen Volk von Jägern und Sammlern ab. Sie gelangten über die Beringstraße nach Amerika, lange nach den Indianern, etwa ab 3000 bis 2500 vor Christus. Sie siedeln heute von der Tschuktschen-Halbinsel an der Beringstraße über Alaska entlang des Arktischen Ozeans auf den Inseln des nördlichen Kanadas bis Grönland. Archäologen fanden Hinweise für mehrere Einwanderungswellen, wobei die Neuankömmlinge meist technisch weiter entwickelt waren und die Einheimischen verdrängten oder sich mit ihnen vermischten.

Die letzte Einwanderung, etwa 1000 nach Christus, fand wie die vorherigen in einer wesentlich wärmeren Klimaphase als heute statt. Doch die Inuit konnten sich an kälteres Klima anpassen. Sie waren als reine Jäger, auch im Unterschied zu den Indianern, nicht auf landwirtschaftliche Erzeugnisse oder gesammelte Früchte und Beeren angewiesen. Solange es genügend Jagdbeute gab, war die Existenz der Inuit-Gemeinschaft gesichert. Selbst die sogenannte "Kleine Eiszeit" von 1550 bis 1850 konnte sie nicht als Volk gefährden.

Wie lebten die Inuit?

Die Inuit lebten während der Warmzeiten meist in festen Siedlungen, zumindest solange es in der Umgebung ganzjährig ausreichend Beute gab. In kälteren Phasen wechselten sie jahreszeitlich mit der wandernden Beute zwischen mehreren Jagdcamps. Je nach Region jagten sie überwiegend die unterschiedlichen Beutetiere der Arktis: Karibus, Moschusochsen, Fische, Robben, Walrösser und Wale. Dabei lebten sie üblicherweise nicht in den legendären Schneehäusern, den Iglus. Diese dienten meist nur als kurzfristige Unterkünfte während Reisen oder Jagdausflügen.

Die Begegnung mit den Weißen

Inuk zielt mit einem Jagdgewehr.

Viele Inuit tauschten Pelze gegen Jagdwaffen

Bis in die Neuzeit hatten Begegnungen mit Weißen für viele Inuit Nordkanadas nur geringe Auswirkungen auf ihr tägliches Leben. Allerdings gab es immer wieder Epidemien durch Krankheiten, wie Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten, die auf die Inuit übertragen wurden. Besuchten Walfänger die Siedlungen oft nur für kurze Zeit, hatten Missionare schon größeren kulturellen Einfluss. So missionierten etwa um 1770 deutsche Missionare, die Herrnhuter aus Sachsen, an der Küste von Labrador. Dies hatte zur Folge, dass dort die Inuit christliche und manchmal sogar deutsche Vornamen annehmen mussten. In das dortige Inuktitut, die Sprache der Inuit, sind auch deutsche Worte mit nur geringfügig abgeänderter Schreibweise eingegangen, so etwa die Wochentage: Sontag, Montag, Dinstag.

Abgesehen von den südlicheren Küstenregionen waren aber weite Gebiete ohne intensiven Kontakt mit der westlichen Kultur. Ein erster Schritt waren Anfang des 20. Jahrhunderts die Aktivitäten der "Hudson Bay Company", die Pelze gegen Jagdgewehre, Zelte und ähnliche Waren tauschte. Damit kamen viele Inuit zum ersten Mal mit den Regeln der modernen Wirtschaft in Kontakt. Die begehrten Waren mussten bezahlt werden. Die Inuit wurden Opfer skrupelloser Händler, die sie beim Kauf der begehrten Jagdgewehre schamlos übervorteilten.

Überleben im modernen Kanada

Inuit-Siedlung Cambridge Bay mit Holzhäusern und Motorboot.

Die Inuit mussten sesshaft werden

Mit dem Zweiten Weltkrieg wuchs der strategische Wert des nördlichen Kanada. Der Staat begann, sich verstärkt um die Inuit zu kümmern. Neben militärischen Interessen waren hierzu auch Rohstoffvorkommen wie Blei, Silber, Zink, Erdöl und Erdgas ein Anreiz. Die Inuit mussten innerhalb kurzer Zeit in einer modernen Gesellschaft leben, vor allem jedoch in einem Wirtschaftssystem, in dem jede Ware mit Geld bezahlt werden muss.

Mit der Jagd konnten die Inuit aber kaum Geld verdienen, allenfalls Robbenfelle ließen sich verkaufen. Aber nur so lange, bis die großen Absatzmärkte in Europa und Amerika durch Boykottaufrufe von Tierschützern zusammenbrachen.

Andere bezahlte Arbeit gibt es in der Arktis jedoch kaum. Zwar wird heute kein Inuk mehr verhungern. Aber viele verdienen nicht genug, um die aus dem Süden eingeführten Lebensmittel und Waren bezahlen zu können, von denen sie aufgrund der sesshaften Lebensweise zunehmend abhängig werden. Die modernen Holzhäuser sind zwar komfortabel, aber so lässt sich nicht mehr ausschließlich von der Jagd leben. Viele Inuit wurden zu Empfängern staatlicher Zuwendungen.

Dramatische Folgen

Die Ausweglosigkeit dieser Situation, verbunden mit einer extremen Abgeschiedenheit, führte dazu, dass in manchen Gemeinden extrem hohe Selbstmordraten auftreten. Oftmals bei Jugendlichen, die zwar im Fernsehen die weite Welt erleben, sich aber wie lebendig begraben vorkommen. Die hohen Reisekosten in der Arktis bewirken, dass sie kaum jemals auch nur das Dorf verlassen können. Auch Alkoholmissbrauch stellt ein Problem dar, vor allem dort, wo kein gewachsenes soziales Gefüge besteht, etwa in Minensiedlungen oder in der Nähe von Militäreinrichtungen. In neuerer Zeit ist der Verkauf von Alkohol in selbstverwalteten Regionen weitgehend verboten.

Viele gut gemeinte Ansätze der Regierung, den Inuit aus ihrer schwierigen Lage zu helfen, verursachten jedoch neue Probleme. So führte die Schulpflicht dazu, dass die angestammte Sprache, das Inuktitut, teilweise in Vergessenheit geriet, weil es in der Schule und in Internaten nicht gesprochen werden durfte. Da in abgelegenen Gemeinden aber keine Schulen existierten, mussten viele junge Inuit Internate besuchen und empfanden die dort aufgezwungene Kultur als großen Zwang.

Autor/in: Vladimir Rydl

Stand: 17.10.2013, 13:00