Haithabu – das Tor zur Wikingerzeit

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Haithabu – das Tor zur Wikingerzeit

Einst war Haithabu für die Wikinger das Tor zur Welt: Von der mittelalterlichen Stadt an der Schlei in Schleswig-Holstein brachen sie zu Eroberungen auf, von hier trieben sie Handel mit Skandinavien, Irland, Konstantinopel oder Bagdad. Heute ist Haithabu das Tor zu einer 1000 Jahre alten, vergangenen Welt. Stück für Stück wird die älteste Stadt Nordeuropas, eine der größten Wikinger-Siedlungen weltweit, freigelegt, erforscht, im Museum präsentiert und teilweise rekonstruiert.

Stadtgründung - die Wikinger kommen

Aquarell von Haithabu - einst Hauptumschlagplatz für den Handel im Norden.

Einst Hauptumschlagplatz für den Handel im Norden

Vermutlich waren es friesische Kaufleute, die sich im 8. Jahrhundert an der Schlei niederließen, einem schiffbaren Seitenarm der Ostsee, der 40 Kilometer weit ins Land reicht. Anfang des 9. Jahrhunderts siedelte der dänische König Kaufleute aus Dänemark zwangsweise in Haithabu an und folgte später selbst mit dem gesamten Heer. Von Haithabu aus trieben die Kaufleute Handel mit der gesamten damals bekannten Welt. Und vom Hafen an der Schlei aus starteten die Nordmänner mit ihren schlanken, schnellen Schiffen, um auf Wikingfahrt zu gehen - kurz gesagt: um andere Völker zu überfallen und Beute zu machen.

Häuser, Schiffs- und Handelswege

Originalgetreu nachgebildete Häuser der Wikingersiedlung.

Originalgetreu nachgebildete Häuser der Wikingersiedlung

Die Schiffe konnten im flachen Wasser des Haddebyer Noores zum Anlegen auf dem Ufer gestrandet werden. Nach und nach wurden Uferbefestigungen gebaut und ein Weg angelegt. In der Uferzone, in der die Bewohner immer mit Überschwemmungen rechnen mussten, entstanden einfache Holzhäuser. In den höher gelegenen Gebieten Haithabus hingegen standen die typischen Grubenhäuser, in die Erde eingetiefte Häuser, deren Wände aus Spaltbohlen oder lehmverkleideten Flechtwerk bestanden. Das rund 26 Hektar große Siedlungsgebiet von Haithabu wurde von einem halbkreisförmigen Schutzwall umgeben, der rund neun Meter hoch war.

Der Wasserweg über die Schlei war nicht der einzige Zugang zu Haithabu: Die Wikinger nutzten die Schleswiger Landenge, die zwischen Haithabu und der Nordsee nur 18 Kilometer betrug. Schiffe, die von der Nordsee aus über die Eider fuhren und in Hollingstedt anlegten, wurden dort entladen und die Waren dann über Land bis Haithabu gebracht. Dies alles geschah im Schutz des Danewerks, eines rund zwei Meter hohen Walls mit vorgelagerten Gräben. Das Danewerk schützte das Dänische Reich gegen Angreifer aus dem südlich angrenzenden Fränkischen Reich.

Handel und Handwerk

Das Zentrum der Stadt, die in ihrer Blütezeit 1500 bis 2000 Einwohner hatte, bildete der Hafen. Er wurde immer weiter ausgebaut, sodass auch größere Schiffe anlegen konnten. Dazu wurden zunächst kleine Steganlagen und danach mehrere Landebrücken aus Holz gebaut. Bei Grabungen im Hafen wurden inzwischen über 1600 Pfostenstandspuren entdeckt. Doch der Hafen Haithabus war mehr als nur ein Anlegeplatz für die Schiffe. Er diente auch als Marktplatz, hier wurden Waren gelagert und: Er war auch die Mülldeponie der Stadt.

Durch den Import von Gütern, die vor Ort nicht verfügbar waren, entwickelten sich in Haithabu zahlreiche hoch spezialisierte Handwerke: Sehr weit entwickelt war die Kunst des Holzdrechselns, es entstanden aufwändige Goldschmiedearbeiten, filigrane Pressblecharbeiten, Perlen, Metallwerkzeuge und andere Schmiedearbeiten wie die Waffen der Wikinger. Diese Waren wiederum dienten als Handelsgüter. Bodenuntersuchungen haben ergeben, dass Haithabu planmäßig angelegt war: Es gab Straßen, Wohn- und Gewerbegebiete. Gerade die feuergefährlichen Gewerbe, die die Holzhäuser leicht in Brand setzten konnten, waren sicherheitshalber abseits der Bebauung angesiedelt.

Der Alltag

Originalgetreu hergerichtetes und ausgestattetes Haus in Haithabu.

Originalgetreu hergerichtetes und ausgestattetes Haus in Haithabu

Haithabu war das bedeutendste Fernhandelszentrum in ganz Nordeuropa - hier liefen nicht nur alle wichtigen Routen zusammen, es trafen Menschen unterschiedlichster Länder und Regionen zusammen. In der Blütezeit lebten in Haithabu vermutlich Skandinavier, Sachsen und Slawen, außerdem Händler und Handwerker aus so entfernten Gegenden wie dem byzantinischen Reich. Doch auch wenn Haithabu eine wichtige und für ihre Zeit wohlhabende Stadt war, war das Alltagsleben der Menschen von harter Arbeit und dem Kampf ums nackte Überleben geprägt. Für die Versorgung mit Lebensmitteln waren die Bewohner Haithabus auf den Handel angewiesen, denn Getreide und andere wichtige Güter mussten im Umland beschafft werden. Selbst versorgen konnte sich die Stadt nicht.

Die Wiederentdeckung Haithabus

Im Jahr 1066 endete die nur 300-jährige Geschichte Haithabus. Nachdem die Stadt im Lauf der Jahrhunderte viele Angriffe überstanden hatte, bedeutete ein Überfall slawischer Truppen nun das Ende. Haithabu wurde zerstört, seine Funktionen als Handelszentrum gingen auf Schleswig am anderen Ufer der Schlei über. Der Ort, an dem Haithabu einst stand, geriet in Vergessenheit, lediglich der Schutzwall blieb erhalten. Dass die Stadt existiert hatte, belegten schriftliche Quellen, nicht jedoch, wo sie gestanden hatte.

Erst 1897 kam der dänische Archäologe Sophus Müller zu der Auffassung, Haithabu müsse innerhalb des immer noch sichtbaren Halbkreises an der Schlei gelegen haben. Seine Theorie wurde 1900 bestätigt, als Johanna Mestorff, Direktorin des Museum vaterländischer Altertümer in Kiel, erste Grabungen in Auftrag gab.

Nach über 100 Jahren archäologischer Ausgrabungen und Forschungen ist bis heute ist nur ein geringer Teil Haithabus wiederentdeckt. Etwa fünf Prozent der Siedlung und 1,5 Prozent des Hafens wurden bisher ausgegraben. Seit einigen Jahren kommen modernste Untersuchungsmethoden zum Einsatz: Mit geomagnetischen Messgeräten wurden ab 2002 die Fläche innerhalb und außerhalb des Halbkreiswalls untersucht. Auf diese Art können archäologische Funde ohne Ausgrabung entdeckt werden, da ihre Strukturen als magnetische Anomalien auftreten. Dank dieser Methode konnten inzwischen Lage und Aufbau der Stadt rekonstruiert werden. Durch gezielte Ausgrabungen wurde der Erfolg der Geomagnetik bewiesen.

Das Museum

Übersichtskarte von Haithabu.

Übersichtskarte von Haithabu

1985 wurde das Wikinger Museum Haithabu in unmittelbarer Nähe der Fundstätten eröffnet. Es wird seither immer wieder erweitert. Neben den archäologischen Funden werden die Stadt und die umgebende Region präsentiert, Politik, Religion und Handelsbeziehungen der Zeit. In der Schiffshalle ist das sogenannte „Wrack 1“ zu besichtigen, das im Hafen von Haithabu geborgen wurde. Neu seit 2006 sind Rekonstruktionen von Häusern aus Haithabu. Sie wurden, samt Landungsbrücken-Nachbau, 2008 fertiggestellt. Der rekonstruierte Siedlungsabschnitt umfasst sieben Häuser, darunter das Versammlungshaus und die Herberge. Die Dauerausstallung im Wikinger Museum bietet den Besuchern heute ein sehr anschauliches Bild des Alltagslebens vor 1000 Jahren.

Weltkulturerbe

2010 gaben sechs Staaten mit Wikingerstätten bekannt, sich gemeinsam um die Anerkennung als Weltkulturerbe bei der Unesco bewerben zu wollen. Deutschland beteiligt sich mit Haithabu und dem Danewerk am „Welterbe Wikinger“. Das Welterbe soll die Wikinger in ihren unterschiedlichen Facetten umfassen und ihre Kultur in ihrer Gesamtheit darstellen. Einige der Stätten sind bereits einzeln auf der Welterbeliste vertreten. Mit dem transnationalen Antrag, der 2012 abgegeben werden soll, betreten die beteiligten Staaten Deutschland, Island, Dänemark, Norwegen, Schweden und Lettland absolutes Neuland. Die Anerkennung als Weltkulturerbe ist besonders für Deutschland interessant, da Haithabu und das Danewerk zu den bedeutendsten Stätten der Wikingerkultur gehören.

Autor/in: Martina Frietsch

Stand: 24.09.2012, 13:00

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