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Interview: Das Phänomen Mozart

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Mozart - ein ewiges Rätsel für die Nachwelt

Volker Gebhardt, Jahrgang 1962, hat unter anderem Kunstgeschichte studiert und arbeitet als freier Autor. 2005 erschien sein Buch "Schnellkurs Mozart", eine gelungene Aufarbeitung der gesamten Mozart-Geschichte mit einer Einführung in Mozarts Musik. Planet Wissen hat mit ihm über das Phänomen Mozart gesprochen.

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Planet Wissen (PW): Was ist für Sie das Faszinierende an Mozart?

Volker Gebhardt (V.G.): Eigentlich sind es zwei Aspekte. Einmal das Leben Mozarts, ein Mensch der im Spannungsfeld zwischen dem Rokoko-Zeitalter und dem bürgerlichen Zeitalter hin und her gerissen wird. Als Wunderkind gehätschelt, dann die schwierige Pubertät und dann der Versuch eines bürgerlichen Lebens. Damit war er seiner Zeit weit voraus, mit all seinen Problemen wie Geldsorgen, Statusfragen und diesen Dingen. Zum anderen ist das Faszinierende an Mozart sicherlich, dass die Musik, die er von den ersten bis zu den letzten Tönen geschrieben hat, immer als solche erkennbar ist. Das, denke ich, gibt es bei keinem anderen Komponisten.

Volker Gebhardt steht an der Reeling eines Schiffes und schaut in die Kamera. (Rechte: Volker Gebhardt)

"Mozarts Musik wirkt über alle Grenzen hinaus"

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PW: Findet man heute als Autor oder Forscher noch Neues über Mozart oder ist nicht langsam alles entdeckt und gesagt?

V.G.: Man bemüht sich eigentlich, die wenigen Dinge, die es zu seiner Person gibt, immer wieder neu zu beleuchten. Da ist immer noch die Frage des Grabes. Mozart ist 1791 in einem Massengrab beerdigt worden, was seinem Status als Bürger auch angemessen war. Es geht immer noch darum den Leichnam zu finden. Es gab gerade die Diskussion um einen Schädel Mozarts; man hat Fragmente eines Schädels, hat Proben genommen aus dem Grab des Vaters und anderer Angehöriger, hat es aber DNA-technisch nicht zuordnen können. Dann gab es 2005 eine ziemliche Sensation in Berlin, als man meinte, ein neues Mozart-Porträt gefunden zu haben. Da gab es aber gleich Gegenstimmen, die meinten, das wäre nicht Mozart gewesen. Es gibt nicht viel erhaltenes Eigentum von Mozart, wenige Dinge wie ein Reisekartenspiel und einige Instrumente. Insofern ist man immer froh, wenn man meint, etwas Neues gefunden zu haben.

PW: War Mozart ein "Wunderkind"?

V.G.: Das war er ganz bestimmt! Die ersten zehn Jahre war er eines der meistgefeierten Wunderkinder seiner Zeit. Mozart ist schon als Sechsjähriger durch Europa an die großen Fürstenhöfe gereist und hat allen Monarchen imponiert. Er ist als Wunderkind aufgefasst worden, das kann man auch den erhaltenen Presseberichten entnehmen. Sogar der alte Goethe hat sich an einen Auftritt des kleinen Mozart in Frankfurt erinnert. Selbst die ersten Kompositionen sind nicht schlecht, die kann man heute noch alle spielen. Die ersten Klavierkompositionen sind schlichte Dinge, aber die sind nicht schlechter als reife Werke der Konkurrenzkomponisten dieser Zeit.

PW: Wenn man sich heute Porträts von Mozart ansieht, dann sieht jede Darstellung völlig anders aus, es könnte jedes Mal ein anderer sein. Wie kommt das?

V.G.: Es gibt nicht das eine Mozartbild, das einen authentischen Eindruck vermittelt. Das ist sehr merkwürdig. Von Bach oder von Haydn gibt es gute Porträts, nur von Mozart nicht. Das Problem seines gesellschaftlichen Status spiegelt sich darin wider, weil er überhaupt keine wichtigen Künstler gefunden hat, die ihn porträtieren wollten, weil sie meinten, mit dem Porträt kein Geschäft machen zu können. Das Bild, was man jetzt auf allen Büchern sieht, mit dem roten Jackett, das ist erst 1819, also lange nach dem Tod entstanden. Zwar in Abstimmung mit seiner Frau Constanze, aber wie Mozart wirklich ausgesehen hat, werden wir wohl nie erfahren.

PW: Was ist an der Musik von Mozart so besonders, warum hat sie so lange überlebt?

V.G.: Das ist eine der zentralen Fragen, die merkwürdigerweise schwer zu beantworten ist. Mozart ist, wenn man zum Beispiel die Opern sieht, ein ausgesprochen robuster Komponist. Also man kann eine mittelmäßige oder schlechte Mozart-Aufführung sehen und die Musik ist immer noch toll. Wenn man einen schlechten Wagner, Puccini oder Verdi sieht, ist es einfach grauenhaft. Mozarts Musik ist extrem gut durchgearbeitet. Er hatte sehr gute Ideen und hat sie dann schlüssig und sehr ökonomisch umgesetzt, so dass dann was herauskommt wie im Fall der "kleinen Nachtmusik". Man hört das, man behält es im Ohr und es kann eigentlich gar nicht anders klingen. Es ist so natürlich dahingesetzt, als wäre es schon immer da gewesen, als hätte es gar nicht erfunden werden zu brauchen. Das ist es vielleicht, was man das "Genie Mozarts" nennen muss, was das große Fragezeichen bleibt und nicht zu klären ist.

PW: Gibt es Schwankungen in seinem Werk, Phasen, wo er besser oder schlechter war?

V.G.: Es gibt so gut wie nichts Mittelmäßiges geschweige denn Schlechtes, wenn man von den Jugendwerken bis zum letzten geht, was er geschrieben hat. Wenn man das von der Harmonielehre aufdröselt, dann kommt man dahin, dass das Ganze ziemlich avantgardistisch ist für die Zeit. Dass er ganz verrückt immer Tonarten wechselt, was andere sich um die Zeit gar nicht getraut haben. Und dass man sich an den ganzen Kühnheiten aber nicht stört. Er hat für zweierlei Ohren geschrieben: für die Kenner, vielfach aber auch nur für ein gesellschaftliches Publikum, was einfach nur unterhalten werden wollte. Und genau diese Zweigleisigkeit ist heute noch da. Man kann Mozart noch heute weltweit jedem vorsetzen als eine universale Tonsprache. Und über alle Kulturen und Grenzen hinaus von Japan bis nach Afrika wirkt diese Musik auf eine ganz universale Weise. Da ist Mozart noch vor Bach und Beethoven eigentlich das größte Phänomen aller Komponisten weltweit.

PW: Wenn man sich mal mit seiner Musik als Neueinsteiger befassen will, womit sollte man anfangen, was sollte man meiden?

V.G.: Die Frage ist, ob man offen ist für Musiktheater. Mozart hat sich Zeit seines Lebens zuallererst als Opernkomponist verstanden. Seine späteren Opern sind die meistgespielten Opern überhaupt. Und da würde ich auch mit anfangen. Vielleicht nicht mal mit der Zauberflöte, sondern mit Don Giovanni oder Figaros Hochzeit. Da kann man nicht viel falsch machen, da ist eigentlich der ganze Mozart drin. Wenn eine Aversion gegen Gesang besteht, dann sind die Klavierkonzerte ein toller Einstieg. Wo ich eher nicht mit anfangen würde, sind die Sinfonien. Wer die Sinfonien von Beethoven oder Brahms aus dem 19. Jahrhundert gewohnt ist, dem wird auf den ersten Blick bei Mozart erst mal was fehlen. Und wo ich auf keinen Fall anfangen würde, wäre Kammermusik, weil das ist immer etwas schwierig und gewöhnungsbedürftig. Wobei die Mozart’sche Kammermusik zu dem Schönsten gehört, was es überhaupt gibt.

Interview: Helmut Brasse, Stand vom 18.05.2006

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Bildcollage zum Thema Weltmusik (Rechte: dpa)

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