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Zeitzeugen - Alltag in der Siedlung

In vielen Siedlungen entwickelte sich unter anderem durch die Entfernung zu den Städten und die gemeinsame Arbeit auf der Zeche ein reges Gemeinschaftsleben und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf der anderen Seite lebten gerade größere Familien in den Werkswohnungen häufig sehr beengt. Drei Menschen, die in einer Zechensiedlung aufgewachsen sind, erinnern sich.

Schwarzweiß-Bild von 1965: Vier Kinder stehen vor einem Arbeiterhaus in Duisburg-Hamborn. (Rechte: dpa)

Siedlung in den 60er Jahren in Duisburg-Hamborn

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"Die Hilfsbereitschaft war eine tolle Sache"

Hans-Heinrich Post (Jahrgang 1938) wurde in der Oberhausener Siedlung Vondern groß. Die Siedlung entstand von 1907 bis 1917 für die Arbeiter der Zeche Vondern. 1932 wurde die Zeche geschlossen. Von den Anlagen steht heute nichts mehr. Hans-Heinrich Post machte an der Zeche Jacobi (ebenfalls in Oberhausen) eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der Verwaltung der Ruhrkohle AG.

Zwei junge Männer stehen neben einem Gemüsebeet im Garten. Hinter ihnen steht ein eineinhalbgeschossiges Haus. (Rechte: Hans-Heinrich Post)

Im Garten baute Posts (l.) Familie Gemüse an

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"Den Bergleuten sagt man ja nach, dass sie zuverlässig und hilfsbereit sind. Und zumindest Hilfsbereitschaft ist unter Tage eine Selbstverständlichkeit. Wenn einer mal in Not war, sind immer andere für ihn eingesprungen. Und so wie im Beruf haben sich die Bergleute auch weitgehend im Alltag verhalten. Wenn einer eine gute Kartoffelernte hatte, hat er dem, der wenig hatte, schon mal einen Eimer abgegeben. Und wenn ein Schwein geschlachtet wurde, bekamen die engsten Nachbarn immer was ab. Und wir Blagen haben immer auf die Schweinsblase gewartet. Daraus haben wir uns dann einen kleinen Fußball gemacht. Der hielt zwar nicht lange, war aber immer noch besser als nichts.

Ein älterer Mann steht vor einem eineinhalbgeschossigen Haus. (Rechte: Christoph Teves)

Zurück zu den Wurzeln: Hier ist Hans-Heinrich Post aufgewachsen

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Ich erinnere mich besonders an eine Situation: 1953 wohnte in unserer Nachbarschaft eine Familie mit vier Kindern und der Großmutter in einer Vierzimmerwohnung. Und dann wurden da Drillinge geboren. Da war natürlich Holland in Not. Als das bekannt wurde, sind sämtliche Nachbarn durch die gesamte Siedlung gelaufen und haben Kinderkleidung und Bettwäsche gesammelt. Soviel konnten die gar nicht gebrauchen, wie da zusammen kam.

Die Solidarität, die Hilfsbereitschaft war schon eine tolle Sache, wahrscheinlich hauptsächlich geboren aus der Bergwerkstätigkeit. Ich selbst war während meiner Ausbildung zwar nur zwei Monate unter Tage, aber ich habe zumindest einen Einblick bekommen, wie es da zugeht und wie schwer die Leute für ihr Geld schuften müssen. In unserer Siedlung lebten drei Akkordeonspieler. An Sommerabenden erklang oft irgendwo Akkordeonmusik. Dann kam es nicht selten vor, dass sich 30, 40 Leute versammelten - der eine hatte eine Flasche Bier, der andere Zigaretten - und zusammen Musik machten. Das war in der Siedlung das Freizeitvergnügen."

 

Drei Kinder stehen vor einem eineinhalbgeschossigen Haus. (Rechte: Heinrich Busch)

Heinrich Buschs (M.) Geburtshaus in der Jacobi-Siedlung...

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"Jeder kannte jeden"

Heinrich Busch (Jahrgang 1939) ist in der Arbeitersiedlung der Zeche Jacobi in Oberhausen-Osterfeld aufgewachsen, die zwischen 1913 und 1916 gebaut wurde. Mit elf Jahren zog er mit seinen Eltern ins benachbarte Bottrop-Fuhlenbrock, wo er auch heute noch lebt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Heinrich Busch auf der Zeche Sterkrade als Maschinenreviersteiger unter Tage. Das Gelände der Zeche ist heute ein Volksgolfplatz.

Ein älterer Mann steht vor einem eineinhalbgeschossigen Haus. Die linke Seite des Hauses ist renoviert, die rechte nicht. (Rechte: Christoph Teves)

...ist heute zur Hälfte renoviert

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"Von unserer Verwandtschaft aus der Stadt wurden wir immer ein bisschen mitleidig oder abwertend als "die Kolonisten" bezeichnet. Wir haben uns dann dagegen gewehrt, indem wir gesagt haben, wir wohnen an der Kolonie und nicht drin. Das war nicht ernst gemeint. Aber eigentlich waren wir in der Siedlung wirklich so ein bisschen anders, weil mein Vater auf der Kokerei gearbeitet hat und nicht wie die anderen Männer auf der Schachtanlage. Die Nachbarschaft kannte sich besser als heute. Man sprach auf der Straße viel miteinander und die Männer kannten sich sowieso alle von der Zeche. Damals kam es öfter vor, dass Leute auf der Zeche tödlich verunglückten. Und da jeder jeden kannte, wirkte sich das dann in der ganzen Siedlung aus. Die Nachbarn kamen in der Wohnung des Toten zusammen, beteten für den Verstorbenen und haben die Beerdigung mit organisiert. Und die Messdiener der Totenmesse waren wir, die Kinder aus der Siedlung.

Als Kind habe ich immer geglaubt, ein Keller muss immer Balken haben. Das kam daher, dass bei uns die Keller während des Krieges genauso gesichert wurden wie die Stollen im Bergwerk. Balken und Stempel sollten die Decke abstützen, falls das Haus mal getroffen wird. Und zum Nachbarn hin war ein Loch durch die Wand gebrochen, damit wir im Notfall zu denen oder die zu uns flüchten konnten. Wir kannten den Alarm genau. Und wenn es Alarm gab, sind wir sofort nach Hause gesaust. Da stand dann schon meine Mutter mit einem Rucksack mit Anziehsachen. Wir sind dann zusammen zum Bunker geflitzt.

Ich weiß noch, wie ich für meine Mutter das erste Mal im Konsum, der Verkaufsanstalt in der Siedlung, Schokolade kaufen sollte. Da musste ich erst mal das Wort auswendig lernen. Ich kannte das ja gar nicht. Und meine Mutter sagte nur, das ist was Braunes und die Verkäuferin weiß Bescheid. Kurz bevor ich dran kam, gab es Bombenalarm, und wir mussten schnell zum Bunker laufen. Mein erstes Stück Schokolade habe ich dann erst Jahre später von einem englischen Soldaten bekommen."

traßenzug mit eineinhalbgeschossigen Siedlungshäusern, deren Dächer renoviert wurden. (Rechte: Christoph Teves)

Viele Siedlungshäuser in Essen-Katernberg wurden renoviert und modernisiert

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"104 Kinder in sieben Häusern"

Klara Masuth (1914-2008) hat in Essen-Katernberg in zwei Siedlungen der Zeche Zollverein gelebt. Aufgewachsen ist sie in der Nähe des Schachts XII, wo ihr Vater gearbeitet hat. Mit 22 Jahren heiratete sie und zog mit ihrem Mann, der ebenfalls Bergarbeiter war, in die Siedlung am Schacht IV.

Ein alter Herd. Die rechte der beiden Ofenklappen ist offen. Darauf steht eine Kuchenform. Auf dem Herd stehen ein Kessel und ein Topf. (Rechte: Christoph Teves)

In der Küche spielte sich oft das gesamte Familienleben ab

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"In der Kolonie, wo ich aufgewachsen bin, standen sieben Häuser für je vier Familien. Und in diesen sieben Häusern lebten 104 Kinder. So einige Familien hatten acht Kinder, dazu gehörten auch wir. Unsere Wohnung hatte drei Zimmer, darunter zwei Schlafzimmer. In dem einen schliefen die Eltern und wir jüngeren Kinder. Dabei teilten sich zwei von uns ein Bett. Das andere Schlafzimmer war für die größeren Kinder.Das Familienleben spielte sich vor allem in der Küche ab. Hier haben wir uns auch gewaschen. Es gab nur eine Waschgelegenheit für alle. Darum war ganz genau festgelegt, wer wann dran kam. Kleidung gab es meistens nur für die Ältesten von uns. Dann wurden die Sachen immer an die Jüngeren weitergereicht. Obwohl wir so viele Kinder waren, gab es eigentlich kaum Streit. Die Eltern hatten uns schon ziemlich gut im Griff. Wir haben uns aber auch sehr gut vertragen. Und wenn wir mal Streit hatten, haben wir das untereinander ausgemacht. Das durften die Eltern gar nicht erfahren, sonst hätten wir nämlich Stubenarrest gekriegt.

Hinter dem Haus hatten wir ein schönes großes Stück Garten mit Beeten für Gemüse und einem Feld für Kartoffeln. Unser Gemüse hatten wir nur aus dem Garten. Da haben wir alles mögliche angebaut: Erbsen, drei Sorten Bohnen, Wirsing, Blumenkohl, Möhren, Salat, Melde. Und wir Kinder mussten immer mithelfen.

Im Garten haben sich viele Männer auch eine Laube gebaut. Da haben die dann sonntags Karten gespielt und eine Flasche Bier getrunken. Die Mütter haben sonntags oft zusammen gestrickt - alltags hatten sie ja genug Arbeit mit ihren Kindern. Die Nachbarschaft war in der Siedlung wirklich sehr harmonisch. Vor allem haben wir schöne Schützenfeste gefeiert. Da haben dann alle Leute mitgemacht."

Aufzeichnung: Christoph Teves, Stand vom 14.01.2010

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Bildcollage zum Thema Nordrhein-Westfalen. (Rechte: WDR)

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