Essen - Ruhr 2010
Essen - vom Landstädtchen zur Industriestadt
Das Ruhrgebiet ist kaum älter als 150 Jahre. Vor der Industrialisierung war die Region ein ländliches Gebiet mit vielen kleinen Dörfern und Städten. Einige davon, darunter auch Essen, entstanden zwar schon im frühen Mittelalter, verloren aber später wieder an Bedeutung. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts war Essen ein Städtchen mit weniger als 3500 Einwohnern, dessen Bürger hauptsächlich von Handel, Handwerk und Landwirtschaft lebten. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte die Kohle, das wichtigste Kapital des Ruhrgebiets, mittels neuer technischer Errungenschaften erstmals industriell gefördert werden.
Zwischen 1840 und 1860 entstanden allein im Essener Revier 15 neue Zechen. Die Zechen beeinflussten auch den Siedlungsbau, denn die Menschen ließen sich dort nieder, wo sie Arbeit fanden. So entstanden Dörfer und Kleinstädte ohne klassische Infrastruktur. Flaniermeilen mit Kinos, Kaffeehäusern oder Theatern wie in Hamburg oder Berlin gab es nicht, dafür ein Gemisch aus Fabriken, Güterbahnhöfen, Brachen, Siedlungen und alten Dorfkernen. Kultur war deshalb nicht - wie in vielen anderen Städten - etwas Gewachsenes, sondern musste regelrecht erarbeitet werden. Im Ruhrgebiet waren es vor allem reiche Industrielle, die die Theater und Museen in die Region brachten.
Krupp, Grillo und Osthaus
Einer der Mäzene war der Unternehmer Friedrich Grillo. Der Essener spendete den Grundstock für das erste Theater im Ruhrgebiet, das am 16. September 1892 mit einer Aufführung von Lessings "Minna von Barnhelm" eröffnet wurde. Noch heute ist das "Grillo" das offizielle Stadttheater. In den Anfangsjahren waren in dem neoklassizistischen Gebäude die Sparten Oper, Tanz und Schauspiel untergebracht. Ein anderer Industrieller, Friedrich Alfred Krupp, unterstützte die Stadt Essen bei der Finanzierung des "Saalbaus" mit damals 180.000 Mark. Bis zur Zerstörung, zum Ende des Zweiten Weltkriegs, gastierten so berühmte Dirigenten wie Gustav Mahler und Richard Strauss in dem Konzerthaus. In den 50er Jahren wurde der heutige "Saalbau" auf den alten Fundamenten neu errichtet und im Juni 2004 nach einer zweijährigen Umbauzeit wieder eröffnet.
1902 schlossen sich Interessierte zum Essener Museumsverein zusammen. Ihre Sammlungen machten sie später der Stadt zugänglich. So entstand mit dem Ruhrlandmuseum eines der ältesten Museen seiner Art im Ruhrgebiet. 1912 bekam die Kunstabteilung ein eigenes Museum. Zehn Jahre später wurde daraus das Museum Folkwang, das zum größten Teil aus der Sammlung des Hagener Mäzens Karl Ernst Osthaus bestand und welches das weltweit erste Museum für moderne Kunst war. In den späten 1920er Jahren wurde mit der Fachschule für Musik, Tanz und Sprechen die heutige "Folkwang Hochschule" für Musik, Theater und Tanz gegründet. Kurz darauf eröffnete die "Lichtburg". Das Kino war - damals wie heute - mit 1250 Sitzplätzen der größte Filmpalast Deutschlands. 1943 brannte die "Lichtburg" völlig aus, wurde aber nach dem Krieg wieder aufgebaut und 2003 restauriert und renoviert.
Die Kultur unter den Nationalsozialisten
Die in der NS-Zeit am stärksten von "Säuberungskampagnen" betroffenen Institutionen waren das Museum Folkwang und die Folkwang-Schule. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten unter anderem Bilder von Cézanne, Matisse und Munch. Insgesamt wurden 1400 Kunstwerke eingezogen und die Sammlung damit komplett zerstört. Andere Künstler, wie der Komponist Fritz Alexander Cohen, der am Folkwang-Tanztheater-Studio beschäftigt war, gingen ins Exil. Aus der Gestaltungsabteilung der Folkwang-Schule wollten die Nationalsozialisten den "Geist des Dessauer Bauhauses" vertreiben und stattdessen die "Pflege handwerklichen Könnens" in den Vordergrund stellen. Im Theater und in der Oper standen ausschließlich deutsche Klassiker und klassische Komödien auf dem Spielplan.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele kulturelle Einrichtungen zunächst wieder aufgebaut werden, darunter der "Saalbau" und das Opernhaus. 1955 wurde das Ruhrland- und Heimatmuseum wieder eröffnet, zwei Jahre später das Museum Folkwang mit einer Ausstellung von Emil Nolde. Kabaretts, Kinos - allen voran die Lichtburg - und die neu eröffnete Grugahalle ergänzten das kulturelle Angebot. 1959 gab es erstmals die Essener Jazztage, die die Ruhrgebietsstadt zu einem Zentrum des Jazz in Deutschland machten. Zu Gast waren Stars wie Ella Fitzgerald, Stan Getz oder Oskar Peterson.
Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel
Kaum hatte sich in Essen eine kulturelle Szene etabliert, erlebte die Stadt ihre nächste Krise: Anfang der 60er Jahre wurden die ersten Zechen geschlossen und Tausende von Bergleuten entlassen. Mit dem Bergbau starb der wichtigste Wirtschaftszweig des Ruhrgebiets. Als letzte Zeche in Essen wurde 1986 Zollverein geschlossen. Wie andere Ruhrgebietsstädte auch, war Essen auf der Suche nach einem neuen Profil. Eine Richtung, die auch von der Politik vorangetrieben wurde, war die Etablierung Essens als Kulturstadt. Mit dem sogenannten Strukturwandel wurden aus vielen "Kathedralen der Arbeit", wie die Industriegebäude auch genannt werden, Museen und Galerien.
Bestes Beispiel dafür ist die Zeche Zollverein in Altenessen, die die modernste Schachtanlage Europas war, als sie 1932 in Betrieb ging. Das monumentale Gebäude wurde damals als die "schönste Zeche der Welt" bezeichnet. Die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer setzten Maßstäbe in der modernen Industriearchitektur. 2001 hat die UNESCO Zollverein zum Weltkulturerbe ausgerufen, damit gehört die ehemalige Schachtanlage zu den wichtigsten Kulturdenkmälern im Ruhrgebiet. Die Gebäude beherbergen heute unter anderem mehrere Ausstellungen und Museen, die Schule für Management und Design sowie zahlreiche Ateliers. Im Konzept der Kulturhauptstadt 2010 spielt die Zeche als Empfangsort eine wichtige Rolle.
Kultur im Revier: Schostakowitsch und Herbert Knebel
Von einer einzigartigen Verbindung zwischen Industrie und Kultur zeugen auch die Werke des Bildhauers Richard Serra. Seine "Bramme für das Ruhrgebiet", eine fast 15 Meter hohe und 67 Tonnen schwere Metallskulptur, steht auf der Essener Schurenbachhalde. In Essen gibt es aber auch noch andere Beispiele dafür, wie zeitgenössische Kultur in gewachsene Strukturen eingebunden wird. Dazu gehören die Villa Hügel, ehemals Wohnsitz der Industriellen-Familie Krupp, in der regelmäßig Ausstellungen stattfinden, die neue Philharmonie im alten "Saalbau", das Musical-Theater "Colosseum" in einer ehemaligen Maschinenhalle und der Filmpalast Lichtburg. Neben den bestehenden Institutionen wurden in den 90er Jahren weitere Kultureinrichtungen gebaut, darunter mit dem Aalto-Theater ein neues Opernhaus.
Dass das Ruhrgebiet mittlerweile zu einer unvergleichbaren Kulturlandschaft geworden ist, wird aber auch an anderen Stellen deutlich. Hier gibt es zahlreiche renommierte Festivals, darunter die "Ruhrfestspiele" in Recklinghausen und die "RuhrTriennale". In Essen und dem Revier findet man mit zahlreichen Opern-, Konzerthäusern und Theatern aber nicht nur die sogenannte Hochkultur. Hier wächst seit Jahrzehnten auch eine lebendige Kleinkunst- und Kabarettszene, aus der so bekannte Künstler hervorgegangen sind wie der 1994 verstorbene Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier oder Uwe Lyko, den viele nur als Herbert Knebel kennen. Wer das Revier in all seiner Vielfalt erleben will, kann sich als groben Wegweiser an die Route Industriekultur halten. Zwischen der Zeche Zollverein und dem Nordsternpark in Gelsenkirchen gibt es - vor allem auch abseits der Pfade - soviel Kultur wie sonst nur selten in Europa.
Christiane Tovar, Stand vom 14.10.2009
Sendung: Industridynastien - Ein Leben für die Firma, 14.10.2009












