Interview: Schauspieler Thomas Mikusz
Planet Wissen (PW): Warum sind Sie damals nach Hollywood gegangen?
Thomas Mikusz (T.M.): Als ich 17 oder 18 war, wollte ich unbedingt in die USA. Ich hatte dann ein Stipendium für eine Schauspielschule, konnte aber im Anschluss leider nicht bleiben und musste zurück nach Österreich. Ich habe dann als Schauspieler in Europa gearbeitet, aber der Wunsch nach Hollywood zu gehen blieb. Bei einer Greencard-Lotterie habe ich eine Aufenthaltserlaubnis für die USA bekommen und bin 1997 nach Miami, später nach New York und dann 2004 nach Hollywood gezogen.
Was mich neben der Schauspielerei an Los Angeles besonders fasziniert hat, war der amerikanische Traum und der Lebensstil. Hier kann man mehr erreichen als in Europa. Hier zählt, was du kannst und welche Persönlichkeit du hast. Die Strukturen sind flexibler als in Europa, wo meistens zählt, welche Ausbildung du gemacht hast und wo weniger Platz für Veränderung ist.
Tomas Mikusz – Schauspieler in Hollywood (1'41'')
Zur Video-Großansicht
PW: Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen der Arbeit als Schauspieler in den USA und in Europa?
T.M.: Ich glaube, dass man insgesamt hier in den USA mehr Unterstützung und Zuspruch bekommt, seinen Träumen zu folgen, oder es zumindest zu probieren. Entweder es klappt, oder nicht. Wichtig ist, dass du es zumindest versuchst. Und es gibt keine Regeln. Es kann sein, dass Leute mit viel Talent daheim sitzen und Leute mit wenig Talent im Filmstudio arbeiten. Es ist sicher, dass weit mehr als nur Talent dazugehört, um es hier zu schaffen.
Außerdem sind viele Schauspieler hier auch bereit, für viele Jahre neben der Schauspielerei noch einen oder zwei Jobs zu haben. Das ist ganz normal. Ich war erst vor einigen Tagen Abendessen mit Kate Linde aus der TV-Soap "Young and Restless". Sie ist schon seit 20 Jahren regelmäßig in dieser Serie zu sehen und genauso lange arbeitet sie an Wochenenden als Flugbegleiterin für United Airlines.
Ein weiterer Unterschied ist: Wenn man in Hollywood zu einem Vorsprechen geht, muss man die Rolle komplett gelernt haben, man muss ein fertiges Produkt abliefern. In Europa hat man mehr Zeit, die Rolle zu entwickeln. Als ich bei der Serie "Days of our Lives" gearbeitet habe, hatten wir eine technische Stellprobe für das Licht und die Kameraeinstellungen. Nach der Probe sagte der Regisseur "Danke, das war super", und die Szene war im Kasten. So schnell kann das gehen.
Harter Beruf Schauspieler (4'11'')
Zur Video-Großansicht
PW: Wieso haben es deutsche Schauspieler in Hollywood so schwer?
T.M. Viele deutsche Schauspieler, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, haben eine Einstellung, dass man hier praktisch "über Nacht" zum Star wird. Sie kommen nach Hollywood und denken, hier hat man auf sie gewartet. Aber wer nach Los Angeles kommt, muss ganz von unten anfangen, egal was er oder sie vorher gemacht hat. Kontakte und Vorsprechen sind wichtig, aber es dauert eben seine Zeit. Es gibt in Hollywood eine Statistik: Man muss mindestens 100 Vorsprechen machen, bevor man einen Anruf vom Regisseur bekommt, der einen bucht.
Es gibt zirka 300.000 Schauspieler in Los Angeles und nur maximal fünf Prozent haben einen Job. Den deutschen Schauspielern fehlt deswegen oft die Geduld, sich hier durchzubeißen, da sie in Europa schon so erfolgreich waren. Was wir in den Medien vom schnellen Erfolg hören, entspricht oft nicht der Wirklichkeit, da meistens harte Arbeit und Ausdauer dahinterstecken.
PW: Hat das auch etwas mit der Sprache zu tun?
T.M.: Deutsche werden durch ihren Akzent oft auf die Rolle des Bösewichts oder des Nazis festgelegt. Ich selbst habe oft solche Rollen gespielt. Als ich nach Hollywood kam, dachte ich deswegen, mein deutscher Akzent sei ein Nachteil. Ich habe sehr lange mit einem Sprachtrainer daran gearbeitet, ihn abzutrainieren. Aber nach langen Drehtagen bin ich wieder zurück in den deutschen Tonfall gefallen. Ich habe dann gemerkt, dass es besser ist, den Akzent als etwas Positives zu sehen und zu vermarkten. Jetzt bekomme ich viele Rollen gerade wegen meines Akzentes.
PW: Zum Hollywood-Star sind Sie nicht geworden. Sind Sie von Hollywood desillusioniert?
T.M.: Nicht desillusioniert. Aber vielleicht mehr am Boden der Realität angekommen. Als Schauspieler alleine kann ich hier nicht überleben, deswegen arbeite ich auch als Fotograf und Model. Aber aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Ich bin in den letzten Jahren schon sehr weit gekommen und hier in der Filmmetropole angekommen. Eine Fahrt über den Sunset Boulevard erzeugt ein prickelndes Gefühl. So viel Filmgeschichte, so viel bekannte Orte, das ist schon toll. Du stehst vor einem Filmstudio und weißt, dort wurden die Fernsehserien produziert, die dich in deiner Kindheit beeinflusst haben.
PW: Los Angeles nennt man ja auch die Traumfabrik. Haben Sie nach fünf Jahren noch Träume?
T.M.: Als ich noch jünger war, habe ich mich mehr unter Druck gesetzt. Ich bin nach Hollywood gegangen und habe allen gesagt, dass ich es schaffen will. Heute arbeite ich regelmäßig, habe ein gutes Leben in Los Angeles und lebe meinen Traum. Der Weg selbst wurde mein Ziel, und jeder Tag hier ist aufregend und abwechslungsreich. Ja, und den Traum von einem Oscar, den gibt man natürlich nie auf.
Eva Mommsen, Stand vom 30.10.2009
Sendung: Hollywood - Mythos und Realität, 27.11.2009






