Hühnerwirtschaft - Vom Tier zum Produkt

Ein Hahn und mehrere Hennen laufen im Gras.

Hühner

Hühnerwirtschaft - Vom Tier zum Produkt

Scharren, picken und staubbaden – viel mehr braucht ein Huhn nicht, um sich wohlzufühlen. Doch ein Huhn, das ein solches Leben führen kann, darf sich glücklich schätzen. Denn ein Großteil der Eier und die meisten Tiefkühlhühnchen aus dem Supermarkt sind Produkte einer gigantischen Geflügelindustrie, die sich in den vergangnen 60 Jahren entwickelte.

Das Huhn als Wirtschaftsfaktor

Bis in die 1950er Jahre scharrten und gackerten deutsche Haushühner auf den Wiesen eines Bauernhofes oder in den Gärten von Privathaushalten. Nachts schliefen sie geschützt vor Fuchs und Marder im Hühnerstall.

Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Nachfrage nach Fleisch und Eiern – das Huhn entpuppte sich als Wirtschaftsfaktor. Wer jetzt gutes Geld mit Eiern und Fleisch verdienen wollte, rationalisierte die Hühnerhaltung. Auf manchen Höfen lebten jetzt bis zu 500 Hühner in fensterlosen Ställen. Auf Tageslicht und grüne Wiesen mussten die Tiere von nun an häufig verzichten.

Vom Zwiehuhn zum Hochleistungshybrid

Ein Mann läuft durch einen Stall auf dessen Boden hunderte Küken sitzen.

Straff durchorganisierter Hähnchenmastbetrieb

Das Hühnergeschäft boomte. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen Fleisch und Eier noch von sogenannten Zwiehühnern: Hennen legten Eier, Hähne wurden zum Sonntagsbraten. Zu wenige Eier, zu wenig Fleisch, fanden die Hühnerbauern und züchteten ab jetzt Lege- und Masthühner getrennt auf Hochleistung.

Da kam eine neue Methode aus Amerika gerade recht – die Hybridzucht: Inzuchtlinien von Rassen mit besonders herausragenden Eigenschaften wurden gekreuzt. Die Nachkommen waren besonders leistungsfähig, allerdings zur Weiterzucht nicht mehr geeignet.

Eier im Akkord

In den 1950er Jahren erprobten die USA, Dänemark und Großbritannien das sogenannte Pennsylvania-System. Erstmals wurden Legehennen auf durchgehend abgeschrägten Gitterböden gehalten. Das Geschäft mit dem Ei kam ins Rollen. Das Einsammeln der Eier war jetzt ein Kinderspiel.

Auch der Parasitenbefall, bis dahin ein Problem in der Hühnerhaltung, nahm durch die fehlende Einstreu ab. Allerdings entstand ein anderes: Die Hennen zeigten erste Verhaltensstörungen. Doch für die Wirtschaft galt: Hühner, die viele Eier legen, sind gut – viele Hühner, die viele Eier legen, noch besser.

Die Käfighaltung entwickelte sich weiter: Immer mehr Tiere wurden auf immer weniger Fläche gehalten. Kunstlicht schraubte die Legeleistung in die Höhe. Eine deutsche Hochleistungslegehenne legt heute etwa 300 Eier im Jahr.

Die Hähne der heutigen Legehybriden dagegen sind wirtschaftlich unrentabel. 40 Millionen männliche Küken werden deshalb pro Jahr direkt nach dem Schlüpfen aussortiert und vergast oder in einen Trichter mit rotierenden Messern geworfen. Erst im Dezember 2013 untersagt Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland die massenhafte Tötung männlicher Küken.

Das Oberverwaltungsgericht Münster entschied jedoch im Mai 2016 das Schreddern der männlichen Küken für wieterhin zulässig. Es sei mit dem Tierschutzgesetz vereinbar.

In 34 Tagen zum Broiler

Küken an der Wassertränke.

Die Küken haben nur noch wenige Wochen zu leben

Masthühner, auch Broiler genannt, werden nicht nach Geschlecht selektiert. Das Grillhähnchen kann heute genauso ein Grillhennchen sein. Auch wenn die Hähne hier überleben dürfen – ein langes Leben ist ihnen nicht beschieden: Schon nach fünf Wochen hat ein Mastküken sein Schlachtgewicht von etwa einem Kilogramm erreicht.

Die Weiterverarbeitung erfolgt per Fließband: betäubt, geschlachtet, gerupft, ausgenommen, tiefgefroren und verpackt. In einem Masthuhn-Großbetrieb können täglich mehr als 100.000 Hühner geschlachtet werden. Die Turbomast hat Folgen: Kreislauf, Muskeln, Knochen und Lungen einiger Masthuhnrassen kommen bei dem rasanten Größenwachstum nicht mehr mit.

Mehr Lebensqualität für Hühner

Inzwischen haben die jahrzehntelangen Bemühungen von Tierschützern in der Haltung von Legehennen Verbesserungen bewirkt: Es gibt Alternativen wie Freiland- und Biohaltung, und seit 2010 ist die Käfighaltung in Deutschland verboten.

Die Masthühner dagegen sind für den Tierschutz noch immer eine große Herausforderung. In Deutschland werden in der konventionellen Haltungsform in einem Stall Zehntausende von Hühnern gemästet. Dabei leben bis zu 25 Tiere auf einem Quadratmeter, das entspricht am Ende der Mastperiode einem Gesamtgewicht von ungefähr 35 Kilogramm pro Quadratmeter Stallfläche.

Nur ein sehr geringer Anteil der mehr als 350 Millionen Masthühner, die pro Jahr in Deutschland geschlachtet werden, wächst unter besseren Bedingungen auf. Im Ökolandbau ist die Tierzahl pro Stalleinheit auf 4800 Masthühnchen begrenzt. Biomasthühner haben Zugang nach draußen und erreichen ihr Schlachtgewicht nach frühestens elf Wochen.

Autorinnen: Susanne Decker/Claudia Heidenfelder

Stand: 14.09.2016, 15:31

Darstellung: