Great Barrier Reef

Korallenriffe

Great Barrier Reef

Selbst wenn man wochenlange Tauchgänge an der Ostküste Australiens hinter sich hat, müsste man die Frage, ob man das Great Barrier Reef gesehen hat, ehrlicherweise mit "Nein" beantworten. Denn das Great Barrier Reef ist entgegen seinem Namen keine große Riffformation, sondern besteht aus fast 3000 einzelnen Riffen. Diese reichen vom Nordosten Australiens bis nach Papua-Neuguinea. Sie erstrecken sich auf einer Länge von fast 2500 Kilometern - das entspricht ungefähr dem Abstand zwischen Neapel und Südnorwegen.

Eine verfahrene Situation

Nicht nur für Hunderttausende von Touristen sind die Dimensionen des Great Barrier Reefs schwer vorstellbar. Als Kapitän James Cook im Jahr 1770 mit seinem Schiff von Süden her in Australien ankam, segelte er genau in die bis zu 270 Kilometer breite Senkung zwischen Riff und Festland. Erst nach mehreren Tagen merkte er, dass er sich nicht auf dem offenen Meer befand und suchte nach einem Durchschlupf. Nach mehreren hundert Kilometern Fahrt fand er schließlich eine Passage mit einer Breite von zwei Kilometern auf der Höhe des heutigen Cooktown, durch die er das Riff verlassen konnte.

Trügerischer Name

Verästelte Korallensysteme durchziehen das gesamte Bild. Dahinter scheint die Silhouette eines Tauchers durch.

Tauchgang am Great Barrier Reef

Der sichtbare Teil des Korallenriffs an der Oberfläche ist in den vergangenen 15.000 Jahren entstanden. Die älteren Formationen, die weiter in der Tiefe liegen und zum Teil schon von den Kalkablagerungen mehrerer jüngerer Generationen überlagert werden, sind bis zu 18 Millionen Jahre alt. Große Gebiete des Riffs gehörten vor langer Zeit noch zum Festland. Durch den steigenden Wasserspiegel wurden Erhebungen auf dem Festland zu Inseln. Neben den echten Barriere-Riffen entstanden durch das steigende Wasser auch Saumriffe und Atolle, die zu einem mehr oder weniger eng verbundenen Komplex verschmolzen sind.

In dieser Zeit haben sich auch die rund 700 sogenannten Kontinentalinseln gebildet, die zwischen Küste und Riffgürtel liegen. Bislang wurden nur 20 dieser Inseln für den Tourismus erschlossen. Von ihnen aus lassen sich die einzelnen Riffe sehr gut erkunden, denn teilweise ist der Abstand von der Küste zum Riff so groß, dass man eine eintägige Bootstour einplanen muss. Für die Regierung ist der Tourismus in dieser Region ein Balanceakt: Auf der einen Seite sind die Menschen auf die Einnahmen angewiesen, auf der anderen Seite muss die Regierung das Great Barrier Reef, das den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes genießt, schützen. Bis in die 70er Jahre hinein hat ein unkontrollierter Tourismus an den küstennahen Regionen des Riffs große Schäden angerichtet.

Verwaiste Korallenskelette

Großaufnahme eines Sepia-Tintenfisches.

Flüchtender Sepia-Tintenfisch

Das Great Barrier Reef gilt als eine der artenreichsten Regionen der Welt. 400 der weltweit 700 Korallenarten, 1500 Fischarten und 4000 verschiedene Weichtiere sind hier beheimatet. Sogar seltene Wal-, Delphin-, und Schildkrötenarten leben hier noch. Leider sind sich viele Wissenschaftler darüber einig, dass das Riff im Jahre 2100 kaum noch an das Naturparadies von heute erinnern wird. 1998 wurde besonders deutlich, wie zerbrechlich das Ökosystem ist. Einhergehend mit dem Klimaphänomen "El Niño" vertrieb ein ungewöhnlich hoher Luftdruck die Schatten spendenden Wolken über der Küste Nordaustraliens. Die Wassertemperatur stieg auf über 30 Grad, was zur Folge hatte, dass die Korallenpolypen die lebenswichtigen Zooxanthellen abstießen.

Durch das Abstoßen verloren die Korallen ihre Farbe, sodass die Kalkstruktur sichtbar wurde. Aus der farbenprächtigen Unterwasserwelt wurde innerhalb weniger Tage eine Wüste aus weißen Kalkskeletten. Man nennt diesen Effekt deshalb "coral bleaching". 88 Prozent der küstennahen Korallen hatten fast einen Monat lang ihre Farbe beziehungsweise ihre Algen verloren, von denen sie einen Großteil ihrer Nährstoffe erhalten. Der Umschwung der Großwetterlage brachte Besserung: Mit der Abkühlung des Wassers erholten sich die Korallen und traten wieder in die Symbiose mit den Algen ein. Der Schaden war trotzdem enorm: In bestimmten Regionen starben bis zu 80 Prozent des Korallenbestandes ab. Die vollständige Regeneration wird mehrere Jahrzehnte dauern.

Die Politik zieht nach

Großaufnahmen von Seeanemonen.

Stark bedroht: Seeanemonen des Great Barrier Reefs

1975 hat die australische Regierung ein Umweltschutzbüro ("Great Barrier Reef Marine Park Authority") für das Great Barrier Reef ins Leben gerufen. Die Arbeit der mehr als 500 Angestellten beschränkt sich nicht nur auf die Kontrolle des Tourismus und der Fischerei. Ein ebenso wichtiges Anliegen ist die Aufklärung über die Bedrohung des Riffs, sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Touristen. Dies geschieht über das Internet, durch Unterrichtsreihen für die australischen Schulen und in einem großen Informationscenter. Wie ernst die Regierung den Umweltschutz in dieser Region nimmt, zeigt sich auch daran, dass zwei Vertreter des Parks im Umweltschutzministerium in Canberra sitzen und dort maßgeblichen Einfluss auf die Umweltpolitik des Landes nehmen.

Auch Touristen müssen Einschränkungen in Kauf nehmen. Campen ist nur auf sehr wenigen Inseln des Riffs erlaubt und auch die Tauchmöglichkeiten sind durch die Parkverwaltung begrenzt worden.

Das Ökosystem Great Barrier Reef unterhält viele Wechselbeziehungen mit seiner Umwelt, sodass ein wirklicher Schutz nur durch landesweite Regelungen gewährleistet werden kann. Besonders die küstennahe Verwendung von Dünger auf dem Festland ist eine Gefahr für das Riff, da der Dünger mit dem Regen ins Meer gespült wird und dort ein zu starkes Algenwachstum begünstigt. Seit dem Jahr 2003 gilt für ein Drittel des Riffs, also rund 100.000 Quadratkilometer, die höchste Schutzstufe, was bedeutet, dass die Fischerei dort verboten und die Schifffahrt stark eingeschränkt ist. In den Jahren zuvor waren es nur knapp fünf Prozent.

Hinter den jüngsten Maßnahmen zum Schutz des Riffs stehen aber nicht nur umweltpolitische Erwägungen. Das Great Barrier Reef ist eine der größten touristischen Attraktionen Australiens und bringt der Ostküste jährlich Einnahmen in Höhe von über 1,2 Milliarden Euro. Rund 12.000 Arbeitsplätze, vor allem in der Fischerei und der Tourismusbranche, hängen am Riff.

Der Abschied vom Riff

Ein Riff mit solchen Ausmaßen zu schützen ist eine logistische Meisterleistung, da die Einflusssphäre eines Ökosystems dieser Größe mehrere hundert Kilometer über die eigenen Grenzen hinausgeht. 2003 drohte ein Algenteppich die Korallen an der Küste von Cairns zu ersticken. Die Algen waren das Ergebnis der küstennahen Landwirtschaft an der Ostküste Australiens, deren starker Düngemittel-Einsatz das Wachstum der Algen beschleunigte. Solche über die Region hinausgehenden Einflussnahmen durch den Menschen, aber auch die Seesternplage ("Crown of Thorns") im Jahr 2000, zeigen, dass die Möglichkeiten zum Schutz des Riffs begrenzt sind.

Die größte Bedrohung ist jedoch die prognostizierte Erwärmung der Erdatmosphäre um zwei Grad in diesem Jahrhundert. Allein der Temperaturanstieg dürfte zu einem Massensterben der Korallen und in der Folge auch der Fische, Krebse und anderer Riffbewohner führen. Mit den Temperaturen steigt der Meeresspiegel und es wird immer häufiger zu heftigen Stürmen kommen. Dies alles wird den Lebensraum des Great Barrier Reefs stark verändern. Wissenschaftler fürchten, dass die Anpassungsfähigkeit der Korallen nicht ausreicht. Sie glauben, dass wir die letzte Generation sind, die das achte Weltwunder in seiner vollen Pracht erleben kann.

Weiterführende Infos

Autor/in: Götz Bolten

Stand: 26.06.2012, 13:00

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