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Interview: Gentechnik in der Nahrung

Kartoffeln und Mais mit extra Vitaminen, Fleisch das länger haltbar ist - Gentechnik soll dies möglich machen. Erstrebenswert oder gefährlich? Wir haben mit Jutta Jaksche über Gentechnik in der Nahrung gesprochen. Sie studierte Landbau in Soest und Agrarwissenschaften am "Institut für Internationale Agrarentwicklung" der Technischen Universität in Berlin. Seit 2002 arbeitet sie als Referentin für Agrar- und Ernährungsfragen für den Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv).

Porträtfoto von Jutta Jaksche. (Rechte: Bundesverband der Verbraucherzentralen)

"Ziel ist, Pflanzen und Tiere zu nutzen und nicht auszubeuten"

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Planet Wissen (PW): Wachsen in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen bereits in größerem Umfang?

Jutta Jaksche (J.J.): Deutschland ist weitgehend gentechnikfrei, was den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen anbelangt. Es gibt Freisetzungsversuche im Forschungsbereich auf Versuchsfeldern, die im Wesentlichen Kartoffeln und Mais betreffen und es gab im Jahr 2008 in Deutschland auf rund 3000 Hektar den Anbau von Genmais. Im April hat die Bundesregierung den Anbau von Genmais gestoppt, sodass es derzeit keinen großflächigen kommerziellen Anbau gibt. Doch werden gentechnisch veränderte Futterpflanzen wie Mais und Soja importiert, die vor allem in der Tiermast eingesetzt werden.

Flasche mit gentechnisch verändertem Sojaöl. (Rechte: Mauritius)

Soja ist in vielen Produkten enthalten

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PW: Und das nicht zu knapp. Bis zu 40 Millionen Tonnen Sojarohstoffe werden jährlich in die EU eingeführt und überwiegend zu Futtermitteln verarbeitet, die zu 40 bis 60 Prozent aus gentechnisch veränderten Pflanzen bestehen. Also essen unsere Nutztiere Genfutter und wir essen diese Tiere?

J.J.: Ja, das trifft für viele konventionell erzeugte Produkte zu. Das ist ein gravierender Mangel des europäischen Kennzeichnungsrechtes, da Verbraucher nach der EU-Logik nicht erfahren, welches Futter die Tiere bekommen haben. Verbraucherinnen und Verbraucher werden dadurch in ihrer Wahlmöglichkeit stark eingeschränkt.

PW: Hat das gesundheitliche Auswirkungen für uns?

J.J.: In Europa haben wir ein Zulassungsverfahren, das auf der Grundlage einer Risikobewertung durchgeführt wird. Nur das wird zugelassen, was im Sinne dieser Bewertung kein höheres Risiko birgt als das herkömmliche Produkt. Es gab in der Vergangenheit Auffälligkeiten nach Fütterungsversuchen, die jedoch unter Wissenschaftlern umstritten sind. So wurden bei Tieren beispielsweise Organveränderungen festgestellt. Von den verantwortlichen Stellen in der Europäischen Union wird davon ausgegangen, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen haben.

PW: Was muss gekennzeichnet werden und was nicht?

J.J.: Es muss immer gekennzeichnet werden, wenn gentechnisch veränderte Stoffe gezielt eingesetzt werden. Wenn ein Unternehmen jedoch nachweisen kann, dass das Auftreten der gentechnisch veränderten Zutat technisch nicht zu vermeiden oder zufällig war, muss diese Zutat erst ab einer Schwelle von 0,9 Prozent gekennzeichnet werden.

Produkte von Tieren (Milch, Eier, Fleisch), die gentechnisch veränderte Futtermittel gefressen haben, müssen nach EU-Recht nicht gekennzeichnet werden. Ebenso besteht keine Kennzeichnungspflicht, wenn Mikroorganismen gentechnisches Futter "gefressen" haben und dies im Endprodukt, zum Beispiel einem Vitamin, nicht mehr auftaucht.

Taco-Chips. (Rechte: Mauritius)

Tacos aus Mais, der gentechnisch verändert sein kann

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PW: Wie kann ich sicher sein, dass die leckeren Taco-Chips nicht aus gentechnisch verändertem Mais hergestellt wurden?

J.J.: Die Importeure sind verantwortlich dafür, dass eingeführte Lebensmittel dem EU-Recht entsprechen, also auch das Kennzeichnungsrecht eingehalten wird. Weil sehr viele Verbraucher den Einsatz der Grünen Gentechnik bei der Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung ablehnen, haben die Unternehmen ein hohes Eigeninteresse, ohne Gentechnik auszukommen. Sollten gentechnisch veränderte Organismen in Lebensmitteln auftauchen, müssen sie von einem großen Imageverlust ausgehen. Die Lebensmittelüberwachung führt Kontrollen durch, um sicherzustellen, dass Importeure und Lebensmittelverarbeiter richtig kennzeichnen. In der Regel ist das auch so. Es gab Einzelfälle, wie Frittieröl, das nicht gekennzeichnet war und von der Lebensmittelüberwachung entdeckt wurde.

Das größere Problem in der Vergangenheit bestand allerdings eher darin, dass neue, bei uns nicht bekannte gentechnisch veränderte Organismen importiert wurden, wie beispielsweise Reis oder Papayas. Man konnte die gentechnische Veränderung erst gar nicht nachweisen, weil man das genetische Konstrukt nicht kannte. Das ist natürlich auch für die Zukunft ein Problem. Wenn in der Welt immer mehr Gentechnik eingesetzt wird, könnte es sein, dass Produkte auf den Markt gelangen und wir Veränderungen nicht erkennen können. Bisher sind dies jedoch glücklicherweise Einzelfälle.

PW: Seit Anfang 2009 ist ja der Verkauf von Klonfleisch in den USA zugelassen. Liegt bald Klonfleisch auch auf unseren Tellern?

J.J.: Erzeugerländer wie die USA drängen im Welthandel auf eine Gleichbehandlung. Ob dieses Fleisch bald auf unseren Tellern liegt, hängt davon ab, wie unsere europäischen politischen Vertreter verhandeln. Und ob sie das Recht für Verbraucher durchsetzen können, Produkte auch aus ethischen Gründen abzulehnen. Denn mit diesem Verfahren erleiden Tiere unnötiges Leid, sie sterben oft früher oder werden, wenn die genetische Veränderung nicht wie gewünscht gelingt, einfach "entsorgt".  Nach einer Umfrage der EU (Eurobarometer) aus dem Jahr 2008 lehnen Verbraucher zu über 80 Prozent Klonfleisch ab, weil die Folgen für Mensch und Natur nicht bekannt sind, für über 60 Prozent ist Klonen moralisch falsch und 77 Prozent haben Angst, dass nach dem Klonen der Tiere der Mensch folgt.

PW: Wo werden in Europa gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut und für was werden diese verwendet?

J.J.: Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU betrug im Jahr 2008 rund 108.000 Hektar und ist auf Mais beschränkt. Damit ist die Anbaufläche für gentechnisch veränderte Pflanzen in der Europäischen Union leicht zurückgegangen. Dieser Rückgang erklärt sich aus der Tatsache, dass  Frankreich den Anbau von gentechnisch verändertem Mais inzwischen verboten hat. In Ländern wie Tschechien und Rumänien nimmt die Anbaufläche aber zu.

Logo "Ohne Gentechnik". (Rechte: BMELV )

Das offizielle Logo "Ohne Gentechnik"

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PW: Seit Mitte 2009 gibt es das bundesweit einheitliche Logo "Ohne Gentechnik". Was garantiert das Logo?

J.J.: Es handelt sich um ein nationales Logo in Ergänzung zu dem europäischen Kennzeichnungsrecht. Dieses nationale Recht ist seit Mai 2008 in Kraft. Es schließt die Lücke, die das europäische Recht bei der Kennzeichnung von Produkten von und aus Tieren gelassen hatte. Produkte mit diesem Logo garantieren im Wesentlichen, dass die Tiere keine gentechnisch veränderten Futterpflanzen gefressen haben. Für viele Verbraucher ist die Frage des Anbaus entscheidend, weil sie eine ungesteuerte Ausbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen in unserer Umwelt fürchten.

PW: Was empfehlen Sie dem Verbraucher, wenn er sicher sein möchte, Nahrung ohne Gentechnik zu kaufen?

J.J.: Die Zutatenliste zu lesen, möglichst unverarbeitete Lebensmittel zu kaufen, Produkte aus dem ökologischen Anbau beziehungsweise Produkte mit dem "Neuland"-Label oder dem "ohne Gentechnik"-Label zu bevorzugen.

Monika Sax, Stand vom 12.10.2009

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