Zugvögel - Nomaden der Lüfte
Ein weltweites Streckennetz
Fernweh und Reiselust: Wer Zugvögel über sich hinweg ziehen sieht, wird unweigerlich davon gepackt. Einige Zugvögel fliegen alleine, andere in langen Reihen, in V-Formationen oder in großen Scharen. Dabei legen manche nur kurze Strecken von einigen hundert Kilometern zurück, andere ziehen mmehr als 20.000 Kilometer weit.
Manche legen unterwegs eine Rast ein, andere überqueren ganze Kontinente, Wüsten oder Meere im Non-Stop-Flug. Was viele nicht wissen: Rund drei Viertel aller Vogelarten sind Zugvögel. Von den in Deutschland lebenden Vogelarten sind nur acht Prozent sesshaft. Alle anderen unternehmen im Laufe eines Jahres mehr oder weniger weite Wanderungen. Würde man alle Zugrouten der Vögel nachzeichnen, so würde unser Globus unter einem dichten Streckennetz fast verschwinden. Schätzungen zufolge sind pro Jahr weltweit 50 Milliarden Vögel als Zugvögel unterwegs.
Warum Vögel wandern
Hauptursache für den Vogelzug sind die Nahrungsgrundlagen. Vor allem Insektenfresser ziehen dorthin, wo das Nahrungsangebot gerade günstig ist. Anstatt im insektenarmen Winter in Mitteleuropa zu bleiben, was für viele Arten den sicheren Hungertod bedeuten würde, ziehen die Tiere zum Beispiel nach Westafrika. Dort gibt es Nahrung im Überfluss. Dabei ist es nicht der Hunger, der die Zugvögel losziehen lässt: Sie brechen vielmehr Jahr für Jahr zur gleichen Zeit ins Überwinterungsgebiet auf und fliegen von dort wieder Jahr für Jahr zur gleichen Zeit zurück ins Brutgebiet. Diese Art der Wanderung nennt man "Pendelwanderung". Vogelzug findet das ganze Jahr über statt. So geht der Heimzug spät brütender Arten fast nahtlos in den Wegzug der "Frühzieher" über. Viele Zugvögel verlassen uns bereits mitten im Sommer, manche treffen noch im Winter ein.
Sogenannte "Vagabundenvögel", wie zum Beispiel der Kreuzschnabel, wandern hingegen nur einmal im Jahr weiträumig umher, so lange, bis sie wieder einen Lebensraum mit günstigem Nahrungsangebot gefunden haben. Vögel, die immer an einem Ort bleiben, nennt man Standvögel. Das sind unsere typischen Futterhäuschen-Besucher im Winter.
Beim Ansteuern ihres Zielortes sind Zugvögel wahre Meister der Präzision. Typische menschliche Schwächen, wie Unpünktlichkeit und Verirren in einer fremden Umgebung, das könnte einem Zugvogel nicht passieren. Ankunft- und Wegflugzeiten können bei manchen Arten bis zu wenigen Tagen genau vorherbestimmt werden. Und sie finden ihre Ziele punktgenau wieder. Eine Rauchschwalbe beispielsweise kann Jahr für Jahr zwischen dem selben kleinen Nest in einem ganz bestimmten Kuhstall in Deutschland und ihrem Lieblingsschlafplatz im selben kleinen Papyrusdickicht im Winterquartier im Kongo pendeln. Eine für uns gänzlich unvorstellbare Leistung. Und das ohne Landkarte und GPS.
Zug- oder Standvogel: Wer lebt erfolgreicher?
Die weite Reise der Zugvögel ist mit vielen Gefahren verbunden. Wer nicht genug Fettreserven gespeichert hat, erreicht sein Ziel nicht. Und auch Unwetter wie Stürme oder Hagelschauer bedeuten das Aus für ein Zugvogel-Leben. Nicht zu vergessen sind die Gefahren, die vom Menschen durch Jagd oder Zerstörung der Lebensräume ausgehen. Von den zwei Milliarden Vögeln, die zum Beispiel die Sahara überqueren, sterben etwa 80 Millionen, bevor sie ihr Ziel erreichen. Wäre es da nicht sicherer, ein Standvogel-Dasein zu führen? Vergleicht man den Bruterfolg von Zugvögeln und Standvögeln, so zeigt sich bei den Zugvögeln, dass ein Gelege pro Jahr ausreicht, die Arten zu erhalten. Standvögel hingegen müssen oft mehrmals pro Jahr brüten, um die gleiche Nachwuchsrate zu erzielen. Das bessere Nahrungsangebot für die Zugvögel macht also die Verluste durch die mit dem Zug verbundenen Gefahren wieder wett. Zugvögel reifen zudem bereits im Ei schneller heran als ihre sesshafte Verwandtschaft und sind daher bestens gerüstet für den rechtzeitigen Jungfernflug in ihr Winterquartier.
Beginn der Vogelzugforschung
Schon vor Tausenden von Jahren war man von der Anmut und der zeitlichen Präzision des Vogelzuges fasziniert. Aristoteles (384-322 vor Christus), einer der bekanntesten Philosophen der griechischen Antike, hat die Vogelkunde erstmals in den Rang einer Wissenschaft erhoben. Seine Hypothese: Schwalben überwintern, wie auch Amphibien, schlafend im Schlamm am Grunde eines Sees. Und seine "Transmutations-Theorie" besagte, dass das "Rot" auf der Brust von Vögeln im Winter in den Schwanz hinunterwandert und im Sommer wieder nach oben. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um zwei verschiedene Singvögel: das bei im Süden überwinternde Rotkehlchen, das sein Brutgebiet in Skandinavien hatte und den Rotschwanz, der in Griechenland im Sommer vorkam. Aus heutiger Sicht mag diese Theorie skurril erscheinen, allerdings hatte man zu jener Zeit natürlich nicht die Möglichkeiten, weite Reisen zu unternehmen, um mehr über Vögel in anderen Ländern zu erfahren.
Das änderte sich erst im 15. Jahrhundert, als die Zeit der weiten Handlungsreisen und der großen Entdeckungen anbrach. Reisende beobachteten zum Besipiel, dass sich Störche auch in Afrika aufhielten. Und dies zu einer Zeit, in der sie in Mitteleuropa fehlten. Viele alte Vogelzug-Hypothesen brachen jetzt zusammen. Neue waren allerdings noch nicht greifbar. So hielt sich lange noch die Theorie vom "Winterschlaf der Vögel". Selbst Vermutungen von Vogelzügen bis zum Mond kamen auf. Erst 1702 wurde von dem Deutschen Ferdinand Adam von Pernau (1660-1731) erkannt, dass es so etwas wie eine gesteuerte innere Unruhe der Vögel geben muss und sie nicht erst durch Hunger und Kälte zum Ziehen veranlasst werden.
Erste erfolgreiche Forschungsmethoden
1884 fand in Wien der erste internationale Ornithologenkongress statt. 17 Jahre später wurde die erste ornithologisch-biologische Forschungsstation der Welt gegründet, um den Vogelzug systematisch zu erfassen: die Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung im ehemaligen Ostpreußen (heute zu Russland gehörend). Nur ein paar Jahre vorher, 1899, hatte der dänische Lehrer Hans Christian Cornelius Mortensen (1856-1921) damit begonnen, Störche und Krähen am Bein mit Metallringen zu versehen. In die Ringe hatte er seine Adresse und eine fortlaaufende Nummer eingeritzt und bekam so Rückmeldung, wenn ein Tier an einem anderen Ort wieder aufgefunden wurde. Dadurch konnten Wissenschaftler erstmals die Zugwege der Vögel in etwa nachvollziehen. Das Beringungsexperiment übernahmen Wissenschaftler von der Vogelwarte Rossitten. Die Methode wird auch heute immer noch erfolgreich eingesetzt. Inzwischen haben Vogelkundler in Europa über 120 Millionen und weltweit mehr als 200 Millionen Vögel beringt. Aufgrund der gewonnenen Daten durch die Beringung konnte 1931 der erste Atlas des Vogelzuges herausgegeben werden.
Das Geheimnis "Vogelzug" wird gelüftet
Die Theorie des angeborenen Zuginstinktes, die von Pernau schon 1702 aufbrachte und die immer mehr Anhänger in Forscherkreisen fand, konnte lange nicht durch Experimente bestätigt werden. Wie konnten also die Vermutungen über unmittelbare genetische Steuerungen des Vogelzuges und über schnelle Selektionsvorgänge bewiesen werden? Das war nur durch Kreuzungsexperimente im großen Maßstab möglich. An der Vogelwarte Radolfzellam Bodensee führten Wissenschaftler über Jahre hinweg ein Großexperiment mit über 3000 Mönchsgrasmücken durch. Da diese Vogelart weit verbreitet ist und sowohl Nichtzieher, Kurz- und Langstreckenzieher unter ihnen vorkommen, waren Mönchsgrasmücken für die Entschlüsselung der genetischen Grundlagen des Vogelzuges besonders gut geeignet. Messungen der Zugunruhe und Orientierungen unterschiedlicher Mönchsgrasmücken-Kreuzungen bestätigten bald die Theorie eines angeborenen Zuginstinktes. Bei Zugvögeln sind der Zeitpunkt des Abfluges die Flugdauer und -richtung also genetisch festgelegt.
Und noch etwas bekam die Radolfzeller Forschergruppe heraus: Vögel scheinen generell Teilzieher zu sein, die entweder stärker in Richtung Zugvogel oder in Richtung Standvogel tendieren. Aus einer reinen Zugvogelpopulation konnte man Standvögel züchten und umgekehrt. Und das in einem Rekord-Tempo. Solche genetischen Veränderungen nehmen normalerweise Tausende von Jahren in Anspruch. Bei den Mönchsgrasmücken zeigte sich hingegen schon nach wenigen Generationen eine starke Verhaltensänderung. Dies ist die schnellste genetisch verankerte Verhaltensänderung, die Biologen bisher bei Wirbeltieren feststellen konnten.
Mit Hightech auf Nils Holgerssons Spuren
Hightech hat inzwischen auch vor der Zugvogelforschung nicht haltgemacht. Auch die Vogelforscher bedienen sich inzwischen der Radar- und Funkpeilung, um den Tieren folgen zu können. Doch die Reichweite dieser Techniken sind begrenzt. Deshalb müssen die Wissenschaftler den Tieren mit Auto und Flugzeug folgen und immer wieder kommt es vor, dass die Vögel aus dem Peilbereich hinausfliegen. 1990 kam dann aber der Durchbruch: Die Vogelwarte Radolfzell führte, in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Naturschutz, die Satelliten-Telemetrie in Europa ein. Dabei wird einem Objekt, dessen Bewegungen man verfolgen will, mit einem Sender ausgestattet. Die Methode wurde bereits schon zehn Jahre vorher bei Eisbären und Karibus getestet, aber erst jetzt waren die Minisender so klein und leicht geworden, dass man sie auch Vögeln auf den Rücken schnallen konnte. Die Antenne des Senders ist permanent in Verbindung mit vier Satelliten, die in 850 Kilometern Höhe die Erde umkreisen. Bis zu 15 Ortungen sind damit am Tag möglich. So können zum Beispiel an die 2000 Ortungen während eines Zuges von Sachsen-Anhalt bis hinunter an die Südspitze Afrikas durchgeführt werden.
Susanne Decker, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Zugvögel - Reisende mit Schnabelkompass, 17.07.2008













