Interview mit Michael Martin
Planet Wissen (PW): Woher kommt denn Ihre Liebe zur Wüste?
Michael Martin (M.M.): Ach, die ist schon sehr alt. Ich war früher als Junge ein begeisterter Sternegucker und wollte unbedingt mal das Kreuz des Südens sehen, überhaupt den südlichen Sternenhimmel. Also bin ich mit 17 Jahren mit einem Freund mit dem Mofa nach Marokko, bis an den Rand der Sahara, gefahren. Das war spannend, exotisch, ein Abenteuer und eine große Herausforderung! Heute ist die Wüste für mich als Fotograf ein El Dorado. Und als Geograf bin ich begeistert, da es kein Gebiet ist, das von Menschen gestaltet wurde.
PW: Was war das schönste Erlebnis?
M.M.: Ich habe auf meinen Reisen so viele phantastische Erlebnisse gehabt. In den letzten 25 Jahren bin ich mehr als hundert Mal in verschiedene Wüsten gereist! Diese Art zu reisen, muss man mögen: immer unterwegs sein, mit den einfachsten Dingen klarkommen, keinen Luxus, dafür aber Natur pur. Am beeindruckendsten sind für mich aber die Menschen der Wüste, ihre Kombination aus Warmherzigkeit und Charakterstärke.
PW: Waren Sie auf Ihren Reisen auch in Gefahr?
M.M.: Früher schon, einfach aus Unerfahrenheit. Da ist es mir dann schon mal passiert, dass ich mich verfahren habe, weil ich damals ohne GPS oder Satellitentelefon unterwegs war. Da bekommt man es dann schon mit der Angst, denn wenn man den Weg nicht findet, muss man schlicht und einfach verdursten. Auch mit Schlangen oder Skorpionen gab es da ein paar unerfreuliche Zusammenstöße, aber das würde mir heute eben einfach nicht mehr passieren.
PW: Das hört sich an, als wäre eine Wüstendurchquerung für Sie heute ein Spaziergang.
M.M.: Keineswegs, aber ich bin darin eben mittlerweile ein alter Fuchs und diese Sachen würden mir heute nicht mehr passieren. Heute ist die Gefahr eine ganz andere: Ich meine damit die Sicherheit. In manchen Gebieten ist die politische beziehungsweise militärische Lage sehr angespannt und das merkt natürlich auch der Reisende. Im Jemen zum Beispiel, in der Sahara, ist die Gefahr entführt zu werden recht hoch. Oder zum Beispiel in Afghanistan - da waren wir in Gebieten unterwegs, die vermint waren. Da wird es einem zwischendurch schon ganz anders.
PW: Aber passiert ist nie etwas?
M.M.: Ein einziges Mal waren wir von Rebellen umstellt, im Niger, in einer Gegend, in der Entführungen nicht selten sind. Als Europäer stellt man einfach einen Wert dar. Am besten verhält man sich dann ganz passiv. Je weniger man selbst tut, umso besser. Nach einigen Diskussionen mit ihrem Chef hat die Rebellengruppe dann aber zum Glück beschlossen, uns doch weiterziehen zu lassen.
PW: Was ist das für ein Gefühl, so ganz auf sich allein gestellt, in diesen unendlichen Weiten der Wüste? Kann man das überhaupt beschreiben?
M.M.: Ich empfinde das als sehr angenehm, ich mag diese Weite und Leere. Das hat etwas sehr Befreiendes. Es gibt aber auch Menschen, bei denen löst diese Landschaft das komplette Gegenteil aus. Sie werden paranoid, fühlen sich allem ausgeliefert, da es keinen Unterstand und nichts gibt. Ich habe sehr viel Respekt vor dem, was ich da tue und ich bin mir bewusst, dass sich die Verhältnisse sehr schnell ändern können - vergleichbar mit Bergsteigen zum Beispiel. Die Wüste ist und bleibt ein lebensfeindlicher Raum. Nackt würde ein Mensch unter diesen Bedingungen genau acht Stunden überleben können. Der Mensch ist zwar kulturell an die Bedingungen dieses Lebensraumes angepasst, nicht aber körperlich.
PW: Sind Sie an diesem Mammutprojekt, alle Wüsten der Welt zu bereisen, nicht auch zwischendurch mal verzweifelt?
M.M.: Oh ja, zwischendurch gab es tatsächlich Phasen, wo ich kurz davor war, aufzugeben. Da hat mich manchmal einfach der Mut verlassen und es gab zeitliche und finanzielle Engpässe. Außerdem ist es ganz schön anstrengend, so viele Kilometer mit dem Motorrad zu reisen. Und es war auch schwierig, das Doppelleben - München und Kinder auf der einen und die Wüsten auf der anderen Seite - zu managen. Trotzdem: Es war einfach unglaublich, dass ich das erleben durfte.
PW: Wie lange wollen Sie Ihren Beruf so eigentlich noch ausüben? Ist da nicht auch körperlich eine Grenze?
M.M.: Das kann man machen, bis man umfällt. Wichtig ist nur, dass nach wie vor die Begeisterung da ist - und das ist bei mir der Fall. Der berühmte Wüstenforscher Theodore Monod war noch mit 100 Jahren in der Wüste. Das geht also! Vielleicht aber steige ich irgendwann einmal von zwei Rädern auf vier Räder um, das ist doch etwas komfortabler.
Interview: Kerstin Eva Dreher, Stand vom 15.01.2007






