Troja - ein archäologisches Puzzle
Homer - Quelle oder Fiktion?
Homer spricht darüber, dass der Krieg um Troja im mykenischen Zeitalter spielt. Diese Angabe setzen Archäologen und Historiker um und belegen, dass die Erzählung Homers in der Bronzezeit, der Zeitspanne um 1300 – 1200 Jahre vor Christus anzusiedeln ist. Das griechische Mykene erlebte damals seine Blütezeit und war daher durchaus in der Lage Kriege zu führen. Aber hat ein Krieg zwischen Griechen und Trojanern in dieser Zeit tatsächlich stattgefunden, wurde Troja von den Griechen niedergebrannt, wie Homer es beschrieben hat? Dann besäßen seine Erzählungen tatsächlich einen historischen Kern und wären nicht nur Weltliteratur sondern auch historisch verwertbare Quellen.
Die Antwort findet sich nicht als belegbare Tatsache, sie muss aus den Funden der Frühgeschichtler, die Troja ausgraben, herausgelesen werden. Und die Interpretationen sind keineswegs eindeutig, sie lassen Raum für vielseitige Spekulationen.
Deutsche Archäologen in Troja
Nachdem Schliemann gestorben war, führten 1893/94 der Deutsche Wilhelm Dörpfeld und in den Jahren 1932 bis 1938 der US-Amerikaner Carl William Blegen von der Universität Cincinatti die Augrabungen fort. Bereits Wilhelm Dörpfeld hatte in seinen Beobachtungen am Grabungshügel erkannt, dass es "das" Troja nicht gab, vielmehr die Anhöhe von Hisarlik in über 3000 Jahren immer wieder neu besiedelt wurde, Stadtkulturen entstanden und wieder untergegangen waren. Der Siedlungshügel ist aufgeschichtet wie eine Torte, neun Stadtschichten wurden lokalisiert, deren Fundamente ineinander übergreifen. Die Besiedlungszeit beginnt mit der Schicht I in der frühen Bronzezeit, etwa 2920 – 2450 vor Christus und endet mit der Schicht IX, der römischen Schicht in der Zeit von 85 - 500 nach Christus. Hatte Schliemann das Troja Homers noch in der Schicht II vermutet, so konnte bereits Dörpfeld nachweisen, dass das bronzezeitliche Troja mit der Siedlungsschicht VI identisch war (später kam noch Troja VIIa hinzu).
Erst im Jahr 1988 sollte nach 50 Jahren Grabungspause erstmals wieder ein Archäologe eine Grabungslizenz erhalten: Der Tübinger Frühgeschichtler Professor Manfred Korfmann. Er führte bis zu seinem Tod jedes Jahr im Sommer Grabungskampagnen durch. Im August 2005 erlag Korfmann einem kurzen, schweren Krebsleiden. Da die exklusiv ausgestellte Grabungslizenz der türkischen Regierung an die Person Korfmanns gebunden war, steht nicht fest, ob die Grabungen und Untersuchungen auch in Zukunft fortgesetzt werden. Korfmann hatte Spektakuläres entdeckt. Längst konzentrieren sich die Archäologen nicht mehr allein nur auf die Erkenntnisse der eigenen Disziplin. Die Frühgeschichtler um Korfmann arbeiteten Hand in Hand mit Archäobiologen, die Untersuchungen zur historischen Tier- und Pflanzenwelt Trojas vornehmen. Paleographen bemühen sich um die Rekonstruktion des Terrains, unter anderem durch Bohrungen und Sondagen. Die Archäometrie forscht auf verschiedenen Gebieten der anorganischen Naturwissenschaften, etwa auf dem Gebiet der Metallurgie oder dem der Tonanalyse von Keramikprodukten. Alles in allem versammelte Korfmann alljährlich ein Team von 60 – 80 Wissenschaftlern und Technikern, die versuchten, den vielen Rätseln um das geheimnisvolle Troja auf die Spur zu kommen.
Das bronzezeitliche Troja
Wie kam es, dass Troja ein so gewichtiger Siedlungsort war, so dass Menschen über Jahrtausende hinweg dort immer wieder an der gleichen Stelle gebaut und gelebt haben? Knackpunkt ist die Lage Trojas. Die Stadt liegt an der Meerenge der türkischen Dardanellen. Troja kontrollierte also die überaus wichtige Meerenge zwischen Europa und Asien, den Zugang zum schwarzen Meer. Die Schiffe der Bronzezeit konnten damals nicht gegen den Wind kreuzen, sie waren also auf günstige Winde angewiesen. Fielen diese aus, warteten sie im Hafen der Festung Trojas auf die richtige Wetterlage. Das konnte sich die Stadt zunutze machen, Tribute und Wegezoll erheben. Dadurch konnten sich die Menschen auf dem Hisarlik-Hügel wichtige ökonomische Vorteile sichern: Troja wurde reich.Die Archäologen konnten zahlreiche Belege für eine große wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit von Troja VI nachweisen. Es existierte eine aufwendige und fortschrittliche Keramikproduktion, eine rege und ausgefeilte Bautätigkeit mit quaderförmig behauenen Steinen, und auf dem Gebiet der Metallverarbeitung waren die Trojaner führend, sie besaßen die Fähigkeit Zinn und Kupfer zu beschaffen um damit Bronze herzustellen. Metallurgen gelang der Nachweis, dass die in Troja gefundene Zinnbronze nicht aus der Gegend stammen konnte, da es dort keine Vorkommen gab. Das Metall musste vielmehr aus dem fernen Mittelasien importiert werden, genauso wie der von der Ostsee stammende Bernstein nach Troja importiert wurde. Troja VI/VIIa muss also eine Stadt von entsprechender Bedeutung gewesen sein, wenn sie in der Lage war, so ausgedehnten Handel zu betreiben. Darüber hinaus war Troja VI/VIIa eine wehrhafte Stadtanlage. Um die Stadt führte ein Wehrgraben, der feindliche Angriffe von Streitwagen zum Erliegen bringen konnte. Darüber hinaus besaß Troja VI/VIIa fünf Meter tiefe und mindestens acht Meter hohe Burgmauern aus Stein.
Troja – Stadt oder Städtchen?
War das bronzezeitliche Troja am Ende gar ein großer, bedeutender Handelsposten, eine Metropole?
Homer schilderte in seiner Ilias ein Troja, in dem viele Tausend Einwohner Platz fanden. Doch die Archäologen hatten in Troja nur einen Burgberg ausgegraben, der für eine große Ansiedlung viel zu klein war. Doch dann gelang es dem Team um Korfmann mittels moderner Methoden der geophysikalischen Bodenprospektion den Grundriss einer Unterstadt zu bestimmen, in der 5 – 10.000 Menschen Platz gehabt hätten. Waren die Ausgräber anfangs von einem Burgberg mit einer umwehrten Fläche von 270.000 Quadratmetern ausgegangen, 13 mal größer als früher angenommen, so berechneten die Archäologen seit Sommer 2003 bereits eine Fläche von 350.000 Quadratmeter. Korfmanns Gewichtung dieser Unterstadt führte im Jahr 2001 zu einem erbitterten, fragwürdigen und bisweilen grotesken Streit mit Althistorikern, die der Bedeutung der bronzezeitlichen Stadt auf dem Hisarlik-Hügel in ihrer wirtschaftlichen und politischen Ausdehnung eine weitaus geringere Rolle beimessen, als der Tübinger Frühgeschichtler Korfmann rekonstruiert haben will. Korfmann betonte daher nachdrücklich: Troja "war in jeder Beziehung, so meinen wir, auffällig für die damalige Zeit, wenn man es aus der Sicht Europas und des Schwarzmeerraumes bewertet. Aus der Sicht der Städte der Hochkulturen jedoch, wie etwa Assur, Babylon, Uruk oder Hattusa, war Troia ein relativ kleiner Ort am Rande der damaligen Welt, an der Peripherie derjenigen Staatenwelt, die Wirtschaft, Kultur und Politik bestimmte. Das wurde unsererseits immer schon und immer wieder in Publikationen herausgestrichen. Troia war somit nie der Nabel der bronzezeitlichen Welt oder gar deren Metropole."
Troja - Vasallenstaat der Hetither?
Eine entscheidende Frage, die die Wissenschaft lange Zeit beschäftigte, war die Frage nach der Identität Trojas. War die Stadt, die Schliemann am Hisarlik ausgegraben hat wirklich der Ort des von Homer beschrieben Troja? Die Archäologen konnten keine Beweise für diese These zutage fördern, aber gewichtige Indizien gibt es zur Genüge. Der Name des Homerschen Epos "Illias" geht auf "Illios" oder "Illion" zurück, so wurde Troja in frühgriechischer Zeit genannt.
Zu Zeiten des bronzezeitlichen Troja beherrschte im Osten ein mächtiges kleinasiatisches Volk den anatolisch-syrischen Raum: die Hethiter. Sie waren damals eine Art Supermacht, ein Großreich. In hethitischen Quellen lässt sich die Existenz einer Stadt mit dem Namen Wilusa nachweisen.
Wahrscheinlich formten die Mykener Wilusa zu Wilios um, aus Wilios wurde dann Illios oder Illion, als die Griechen um das Jahr 1000 vor Christus das ‚W’ in ihrer Sprache wegfallen ließen. Dem Altorientalist Frank Starke ist die wissenschaftliche Untermauerung für die Gleichung Ilios = Wilios = Wilusa gelungen. In den hethitischen Quellen ist von einem Staatsvertrag zwischen dem hethitischen Großkönig Muwatalli II und König Alaksandu von Wilusa die Rede, der um das Jahr 1280 geschlossen wurde. Demnach war Troja/Wilusa eine Vasallenstadt der Hethiter, Troja also von den Hetithern abhängig.
Im Jahr 1995 entdeckte das Team um Korfmann ein Bronzesiegel mit luwischen Inschriften, dass die These von der Nähe Trojas zum hethitisch-luwischen Kulturkreis bestätigt. Luwier und Hethiter waren eng miteinander verwandte Völker, die in Anatolien lebten, die gleiche Schrift besaßen, aber nicht die gleiche Sprache sprachen. Wenngleich es wissenschaftlich betrachtet nicht ganz unproblematisch ist, von einem einzelnen Siegel ausgehend weit reichende Schlussfolgerungen zu ziehen, steht die These im Raum, dass Troja als Vasallenstaat der Hethiter eher dem anatolischen als dem griechischen Kulturkreis angehört hat.
Troja zwischen Legende und Wirklichkeit
Die Blütezeit des bronzezeitlichen Troja endet abrupt zwischen 1190 und 1180 vor Christus. Korfmann und sein Team haben massive Hinweise auf einen großen Brand und Spuren der Zerstörung gefunden. Wurde Troja Opfer eines Großbrandes oder eines Erdbebens? Oder war Troja durch einen Krieg zerstört worden? Korfmann sieht zahlreiche Anzeichen dafür, "dass es ein kriegerisches Ereignis war, und zwar ein verlorener Krieg." Dafür sprechen Skelettfunde, die flüchtige Bestattung der Toten, auch die Stapel von Schleudergeschossen, die die Archäologen vor Ort gefunden haben. Doch Korfmann warnte immer wieder vor zu eiligen Rückschlüssen auf DEN trojanischen Krieg: "Der Archäologe kann hier nur sagen: es war offenbar einer der vielen Kriege, die immer wieder um diese Stadt geführt worden sein dürften. Wir reden nicht vom Trojanischen Krieg mit Achäern [Griechen] als Siegern!"
Streit um Troja
So wird eifrig über einen möglichen historischen Kern in den Erzählungen Homers spekuliert, und das nicht nur in Wissenschaftskreisen. Gründe für einen Krieg, für die tatsächliche Zerstörung des bronzezeitlichen Trojas wie Homer sie beschreibt mag es viele geben. Es wird vermutet, dass aus dem Westen die Griechen, die Mykener am Reichtum Trojas interessiert waren genauso wie die Hethiter im Osten. Fiel Troja einem kriegerischen Raub zum Opfer? Oder begünstigte es seinerseits als regionale Großmacht Kriege und fiel es daraufhin der eigenen Politik zum Opfer? Wurde Troja am Ende zum Zankapfel zwischen Hethitern und Griechen, das wirtschaftlich attraktive Troja, aufgerieben in einem Konflikt zwischen den Blöcken Griechen und Hethiter, den Supermächten der damaligen Zeit?
Gleichzeitig kamen in der Bronzezeit aber auch die mysteriösen "Seevölker" auf. Es handelte sich um wandernde Völker aus dem Norden und Westen, die in den bronzezeitlichen Raum vordrangen und die Küsten und Inseln des östlichen Mittelmeerraums bedrohten, Angaben hierzu finden sich in ägyptischen Quellen. Diese uns wenig bekannten Seevölker haben damals die Ägäis erschüttert, vermutlich den Niedergang der mykenische Kultur bewirkt und auch Ägypten angegriffen. Dieses kulturelle Trauma könnte sich möglicherweise in Homers Erzählung vom langen Krieg widerspiegeln. Fest steht nur: Das Troja Homers, die Stadt der Helden und Mythen beschäftigt und fasziniert die Menschen immer wieder aufs Neue, auch noch 3000 Jahre nach ihrer Zerstörung.
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Abenteuer Archäologie - Die neuesten Entdeckungen, 06.08.2007








