Die Entwicklung der Grünen
Planet Wissen (PW): Die Grünen wollten ursprünglich als "Anti-Parteien-Partei" Politik betreiben. Was ist davon geblieben?
Prof. Dr. Lothar Probst (L.P.): Das von Petra Kelly in der Gründungsphase der Grünen geprägte Label der Anti-Parteien-Partei ist von den Grünen selbst längst ad acta gelegt worden. Ursprünglich war damit gemeint, dass die Grünen sich nicht als Partei, sondern als eine neue soziale Bewegung verstehen. Die Grundsätze der Basisdemokratie sowie die Rotation von Ämtern und Mandaten sollten eine Bürokratisierung und Hierarchisierung der Grünen verhindern. Schon wenige Jahre nach der Gründung, und insbesondere seit dem Eintritt der Grünen in Regierungen auf Landes- und dann auch auf Bundesebene, wurden diese Grundsätze aber immer mehr aufgegeben. Heute sind die Grünen selbst eine etablierte Partei im Parteiensystem der Bundesrepublik.
PW: Warum ließen sich die meisten Vorstellungen der Basisdemokratie nicht über längere Zeit umsetzen?
L.P.: Die Grünen mussten den Gesetzmäßigkeiten der parlamentarischen Demokratie und den Zwängen der Mediengesellschaft im Laufe der Zeit immer mehr Rechnung tragen. Die Rotation zum Beispiel erwies sich bald als dysfunktional, weil das von den Abgeordneten und Funktionsträgern erworbene Wissen dadurch schnell wieder verloren ging. Außerdem konnten sich dadurch nur schwer enge Kontakte zur Verwaltung und zu den Medien entwickeln, weil diese sich permanent auf neue Ansprechpartner einstellen mussten. Statt formeller Hierarchien bildeten sich außerdem informelle Hierarchien heraus, die wesentlich undurchsichtiger als in anderen Parteien waren.
PW: Welche Fehler haben die Grünen gemacht?
L.P.: Der Fundi-Realo-Streit in den 1980er Jahren entwickelte sich immer mehr zu einer Hypothek für die innerparteiliche Entwicklung der Grünen. Dieser Konflikt machte die Grünen zwar für die Medien interessant, erschöpfte sich aber schnell und festigte nach außen den Eindruck, dass die Grünen chaotisch und nicht regierungsfähig sind. Man war in dieser Zeit mehr mit den Konflikten untereinander, als mit der politischen Profilbildung nach außen beschäftigt.
PW: Was unterscheidet die Grünen nach wie vor von den Altparteien?
L.P.: Alle anderen Parteien haben zwar Umweltpolitik inzwischen zu einem Bestandteil ihres Programms gemacht, aber nur die Grünen entwickeln ihre politische Programmatik auch in sozialen und wirtschaftlichen Fragen in erster Linie aus einer ökologischen Perspektive. Darüber hinaus ist innerparteiliche Demokratie und Transparenz bei den Finanzen und Abgeordnetendiäten immer noch ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen Parteien.
PW: Wie sieht die parlamentarische Arbeit der Grünen heute aus?
L.P.: Die Grünen sind im Laufe der Zeit programmatisch weiter in die Mitte gerückt. Auf allen Ebenen hat eine Professionalisierung der Arbeit stattgefunden. Dazu gehört auch eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit und die Beschäftigung von Marketingagenturen für Wahlkämpfe. Heute bekennen sich die Grünen ohne Wenn und Aber zur parlamentarischen Demokratie und deren Grundsätzen. Sie fordern zwar mehr Teilnahme für Bürger, aber im Rahmen der parlamentarischen Demokratie. Auch ihre ablehnende Haltung zur Marktwirtschaft haben sie weitgehend hinter sich gelassen. An die Stelle einer diffusen antikapitalistischen Einstellung ist die Forderung nach einer ökologischen Marktwirtschaft getreten.
PW: Hat sich auch die innere Zusammensetzung der Partei verändert?
L.P.: Die Grünen haben im Laufe ihrer Geschichte mehrere Häutungsprozesse durchlaufen und sich dabei von einer Reihe ihrer Gründungsgrundsätze verabschiedet - unter anderem vom Pazifismus in seiner ahistorischen Ausformung. Im Zuge dieser Häutungsprozesse hat sich auch die Wählerschaft verändert. Sie ist nicht nur älter, sondern auch bürgerlicher geworden. Die stärkste Unterstützung erfahren die Grünen heute aus der Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen. Die grünen Wähler sind sehr gut gebildet, zählen zu den gut Verdienenden und wohnen in erster Linie in urbanen Zentren. Bei den letzten Wahlen haben die Grünen wachsende Zustimmung bei der Gruppe der Angestellten und Beamten sowie der Selbstständigen erfahren.
PW: Die Grünen haben in ihrer Anfangszeit jegliche Politprominenz strikt abgelehnt. Wie sieht das heute aus?
L.P.: Die Ablehnung eines Promikults ist bereits im Laufe 1990er Jahre mehr und mehr der realistischen Einsicht gewichen, dass Programme und Positionen einer Partei auch von Personen repräsentiert werden müssen. Die Wahlkampagnen 2002 und 2005 standen in diesem Sinne ganz im Zeichen einer starken Personalisierung, als die Grünen ihren Wahlkampf ganz auf ihr prominentes Zugpferd Joschka Fischer ausgerichtet hatten.
PW: Die Entstehung der Grünen war an bestimmte gesellschaftliche Umstände gekoppelt. Auch heutzutage herrscht große politische Unzufriedenheit innerhalb der Gesellschaft. Ist Ihrer Meinung nach ein Parteienaufstieg, wie ihn die Grünen gemacht haben, wiederholbar?
L.P.: Die Grünen profitierten in ihrer Entstehungsphase von der Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und deren Ignoranz gegenüber den wachsenden Umweltproblemen, von dem Protest gegen Atomanlagen sowie einer breiten Friedensbewegung. Dadurch entstand eine soziale, kulturelle und politische Infrastruktur, auf die die Grünen in ihrem Parteiwerdungsprozess zurückgreifen konnten. Heute ist die Unzufriedenheit mit den Parteien diffuser und zum Teil unpolitischer. Bisher konnte diese Unzufriedenheit entweder von rechten Gruppierungen oder von der Linkspartei mobilisiert werden. Bei der Linkspartei handelt es sich aber nur bedingt um eine neue politische Kraft, weil sie aus der gut organisierten und erfolgreichen PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) in Ostdeutschland hervorgegangen ist. Insofern gibt es bisher keine neue Partei, die die Erfolgsgeschichte der Grünen wiederholen könnte.
Interview: Rebecca Hofmann, Stand vom 19.10.2007
Sendung: Die 80er Jahre - Popper, Punker, Pershings, 11.07.2008








