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Heinrich Himmler: Der biedere Massenmörder

Peter Longerich ist Historiker. Sein Spezialgebiet ist der Nationalsozialismus. Er hat unter anderem die "Enzyklopädie des Holocaust" mit herausgegeben. In der Biografie über Heinrich Himmler beschreibt er, wie aus dem wohlbehüteten Lehrersohn ein Massenmörder wurde, der das NS-Regime geschickt für seine Zwecke nutzte. Planet Wissen sprach mit ihm über den Chef der SS und seine Rolle während des Dritten Reiches.

Porträtfoto von Peter Longerich. (Rechte: Siedler Verlag)

Peter Longerich hat eine Biografie über Himmler geschrieben

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Planet Wissen: Sie haben sich in Ihrem Buch auch ausführlich mit der Kindheit Heinrich Himmlers beschäftigt. Unter welchen Umständen ist er groß geworden?

Peter Longerich: Er war nach den Maßstäben der damaligen Zeit ein Kind, das unter normalen - man könnte sogar sagen - privilegierten Verhältnissen aufgewachsen ist. Er war der mittlere Sohn eines Gymnasialdirektors. Er genoss eine sehr sorgfältige, gediegene, katholische Erziehung. Er war behütet, sein Vater war streng im damaligen Sinne. Man würde vielleicht erwarten, dass er Fliegenbeine herausgerissen oder ähnliche grausame Dinge getan hätte, aber solche Berichte gibt es nicht. Wenn man seine Tagebücher liest, kann man davon ausgehen, dass er eigentlich ein eher schüchterner junger Mann war. Als junger Mann hat er mal ein Buch über die Folter gelesen, das fand er ganz furchtbar. Von daher hat man nicht den Eindruck, dass dieser Massenmörder in ihm schon angelegt war.

Heinrich Himmler galt als schüchterner Kleingeist - ohne Charisma. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund sein Aufstieg zum "Reichsführer SS" und Chef der deutschen Polizei erklären?

Aus einer Mischung aus persönlicher und allgemeiner Geschichte. Himmlers Persönlichkeitskern besteht meiner Meinung nach darin, dass er auf der einen Seite eine sehr unsichere Person war, die aber gleichzeitig - in der Erziehung angelegt - versucht hat, das durch Selbstüberwindung zu kompensieren. Typisch für eine solche bürgerliche Erziehung ist auch, dass man nicht so schnell aufgeben darf, dass man sich Ziele vornehmen und nachhaltig verfolgen muss. Schaut man sich seine Karriere genau an, wird deutlich, dass er sich trotzig gegen alle Rückschläge zur Wehr setzte.

Zudem spielte der Zufall eine Rolle: Er hatte sich entschlossen, in dieser kleinen NS-Bewegung mitzumachen und geriet dann in diesen Sog, als diese Bewegung 1930 eine Massenbewegung wurde. Wenn man damals Funktionär in der NSDAP war, musste man eigentlich Karriere machen. Das war kaum zu verhindern. Er hat sich dann im Laufe der Zeit eine gewisse Geschicklichkeit angewöhnt und seine sozialen Schwächen immer mehr zu kompensieren gewusst. So wird er immer wieder als jovial, freundlich und umgänglich beschrieben.

Himmler steht erhöht und spricht zu SS-Soldaten. (Rechte: dpa)

Himmler mischte sich auch ins Privatleben der SS-Männer ein

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Was unterschied die SS von anderen paramilitärischen Organisationen?

Himmler hat der SS einen höchst eigenartigen Kult verschrieben. Das hat der ganzen Organisation etwas Geheimnisvolles gegeben und auch innerlich die Leute an die SS gebunden. Dann hat er einen speziellen Stil der Personalführung entwickelt, in dem es nichts Privates gab und ihm gegenüber alles offengelegt werden musste. Er hat die Leute richtig erzogen.

Das Dritte ist, dass er einen besonderen Wertekatalog für die SS in Verbindung mit diesem Kult entwickelt hat. Das waren ganz eigenartige Führungsmethoden, die sich doch erheblich von dem unterscheiden, was beim Militär - Himmler sah sich ja immer als "Soldat" - üblich war.

Sie schreiben, dass durch die Verzahnung von SS und Polizei der nationalsozialistische Terror eine besondere Dynamik bekommen hat. War diese Verzahnung von Himmler so bis ins Detail geplant?

Die SS war eine heterogene Organisation, die in einem ganz erheblichen Umfang durch Himmler zusammengehalten wurde. Es gibt sonst keinen rationalen Grund, diese verschiedenen Organisationen unter einem Dach zusammenzubringen. Ohne ihn hätte es diesen besonderen Apparat mit diesen verschiedenen Elementen, die er immer wieder flexibel miteinander kombinierte, nicht gegeben. Insofern war der Terrorapparat in seiner besonderen Zusammensetzung sehr ausgeklügelt und damit auch besonders effektiv. Himmler hatte die Fähigkeit, die verschiedenen Versatzstücke wie Polizei, Waffen-SS, Gestapo, Lebensborn und andere so zusammenzusetzen, dass er sie immer unter eine Gesamtkonzeption stellen konnte, die zu der Zeit zu passen schien.

Diese Anpassungsfähigkeit ist auf gewisse Weise eine besondere Stärke Himmlers gewesen. Denn er war eben doch nicht nur ein Pedant und ein Bürokrat, der einfach nur Kompetenzen um sich herum ansammelte, wie man bisher häufig angenommen hat. In Himmlers Führungsstil findet sich auch Strategie, Flexibilität und politische Anpassungsfähigkeit. Er war in erster Linie ein Politiker und zwar ein relativ geschickter und versierter. Er hatte eindeutig politischen Instinkt; seine Weltanschauung - so verschroben sie auch war - stand seinen politischen Zielsetzungen eigentlich nie im Weg.

An anderer Stelle schreiben Sie, dass es den Holocaust ohne Himmler so nicht gegeben hätte.

Es hätte den Holocaust natürlich auch ohne Himmler gegeben. Aber die Geschichte wäre anders verlaufen, wenn er nicht existiert hätte. Himmler hat in den entscheidenden Situationen Initiativen ergriffen. Andere taten dies zwar auch oder hätten es an seiner Stelle getan, aber er hatte eben die "besten" Voraussetzungen, um eine solche Politik des Massenmordes durchzuführen. Er verfügte über die entsprechende Mischung von Kompetenzen. Er war total skrupellos. Außerdem ordnete er sich Hitler absolut unter und kam so nicht in den Verdacht, dass er ein eigenes Sonderimperium aufbauen wollte. Alles, was er tat, machte er immer mit Blick auf die oberste Führung.

Kam es Himmler nicht auch zugute, dass er von vielen unterschätzt worden ist?

Ja absolut. Man hat ihn in den ersten Jahren seiner Karriere nicht zur führenden Garde gezählt, sondern als zweit- und drittrangig gesehen. Als man dann gemerkt hat, was dahintersteckte, da war es zu spät. Da hatte er diese mächtige Position. Man muss sich das so vorstellen: Hitler stand an der Spitze eines Systems, in dem er Aufgaben vorzeichnete, und wer sich in dieser Gruppe von Führern am meisten und mit den radikalsten Vorstellungen nach vorne drängte, wurde belohnt. In diesem System hat Himmler sehr gut funktioniert.

Die Gräueltaten der SS sind kaum zu beschreiben. Wie konnte es Himmler gelingen, seine Leute dazu zu motivieren?

Ich versuche das zu erklären, indem ich mir die Lebensläufe von den obersten SS-Führern angesehen habe. Ich denke, diese Leute hatten alle in ihren Biografien einen Bruch als direkte oder indirekte Folge des Ersten Weltkrieges: Ich meine damit das jähe Ende einer militärischen Karriere, die Unfähigkeit, im zivilen Leben Fuß zu fassen, die Fixierung auf ein bestimmtes Männlichkeitsideal, das sich so nicht einlösen ließ. Diese Männer hatten bestimmte persönliche Schwierigkeiten, die er sehr gut kannte, weil das zum Teil auch seine persönlichen Schwierigkeiten waren.

Und er hat die Schwächen, die diese Leute hatten, rücksichtslos ausgenutzt. Er hat die Probleme erkannt, hat sie darauf festgenagelt und ihnen dann wieder die Möglichkeit gegeben, sich zu bewähren. Er hat ein richtiges System entwickelt, wie man Leute mit bestimmten Problemen gefügig macht. Das Wort Gefügigkeit benutze ich nicht ohne Sinn, so hat er selber sein Verhältnis zu seinem Elternhaus beschrieben. Das war eine subtile Strategie, es scheint da gewisse Übereinstimmungen zu geben zu der Art, in der er auch selber erzogen worden ist.

Sie haben auch mit Psychologen über Himmler gesprochen und zahllose Quellen ausgewertet. Doch am Ende bleibt offen, warum so ein Durchschnittsmensch wie er zum Massenmörder wurde, oder haben Sie dafür eine Erklärung finden können?

Ich habe versucht, aus persönlicher und allgemeiner Geschichte eine Erklärung zu bekommen. Man muss sehen, dass er von seinem 17. Lebensjahr an praktisch in der Welt des Militärs zu Hause war. Natürlich wurde er darauf gedrillt, Menschen umzubringen und hätte das auch bedenkenlos getan. Das darf man nicht vergessen, das ist die Aufgabe eines Soldaten. Was er jetzt nach dem Ersten Weltkrieg macht, ist: Er gibt sich nicht mit der Niederlage zufrieden, sondern er sieht sich als ein Offizier, der durch die widrigen Umstände an der Ausübung des Berufes gehindert ist. Er überträgt jetzt die Erfahrung des Krieges auf die innenpolitische Lage. So entwickelt sich das über mehrere Jahrzehnte.

Es wird dann aus der militärischen Aufgabenstellung eine im Bereich der politischen Polizei, eine allgemein polizeiliche. In ihm wächst die Auffassung, dass er gegen ein umfassendes System von Feinden kämpfen muss, die er die Untermenschen nennt. Dazu gehören zum Beispiel Juden, Kommunisten und Asiaten. Da er methodisch gedacht hat, ist diese Entwicklung von einer entsprechenden persönlichen Weltanschauung begleitet. Er legt sich zurecht, dass das, was er da tut, in Ordnung ist, bis zu dem Punkt, wo er es für unabdingbar und wichtig hält, sogar Frauen und Kinder umzubringen. Ich denke, man muss versuchen, diesen Entwicklungsgang im Kontext der Zeit zu sehen, anstatt zu versuchen, einen bestimmten "Knackpunkt" in seiner frühen Entwicklung zu finden.

Interview: Christiane Tovar, Stand vom 28.04.2009

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