Lebensborn – Kinder für die Nationalsozialisten

Nationalsozialistische Rassenlehre

Lebensborn – Kinder für die Nationalsozialisten

Blonde Haare, blaue Augen, ein gesunder Körper – Hitlers Idealbild eines Menschen war der "Arier". Unterstützt wurde Hitler in seinem Rassenwahn vor allem durch den Reichsführer der Schutzstaffel (SS), Heinrich Himmler. Dieser war es auch, der Ende 1935 den Verein Lebensborn gründete. Mithilfe von Lebensborn wollte Himmler die Geburtenrate arischer Frauen erhöhen. Für die Nazis war der Verein eine Art Lebensbrunnen, aus dem sie neuen Nachwuchs gewinnen wollten – Born war früher ein anderes Wort für Quelle.


"Genügend nordisches Blut"

Hitlers Wahn, es gebe eine arische Rasse, die zum Herrschen über alle Menschen bestimmt sei, fand vor allem in der von ihm angeordneten Ermordung von Juden Ausdruck.

Es war Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS und Vertrauter von Hitler, der aber noch einen weiteren Gedanken ins Spiel brachte: Die Arier müssten nicht nur vor dem schlechten Einfluss, den Juden, kranke Menschen und solche mit Behinderung angeblich hatten, geschützt werden. Sie müssten selbst auch mehr Nachwuchs produzieren, um die Zukunft ihrer Rasse zu sichern.

"Unser Volk steht und fällt damit, ob es genügend nordisches Blut hat, ob dieses Blut sich vermehrt oder zu Grabe geht, denn geht es zu Grabe, so bedeutet es das Ende des ganzen Volkes und seiner Kultur", sagte Himmler 1938 in einer Rede vor der Auslandsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

Zwar waren die Familien von SS-Angehörigen in der Regel kinderreich, aber ledige Frauen trieben ihre Babys häufig ab. Einige waren Geliebte der SS-Männer und fürchteten um ihren Ruf. Himmler dagegen sah in den Abtreibungen vor allem einen Verlust von arischem Nachwuchs und wollte sie mit aller Macht verhindern.

Lebensborn soll die Zukunft der Arier sichern

"Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes" – unter diesem Leitspruch gründete Heinrich Himmler am 12. Dezember 1935 den Verein Lebensborn.

Zwischen 1936 und 1945 ließ er mehr als 20 Heime errichten. In diesen sollten Mütter, die ein uneheliches Kind erwarteten, während der Schwangerschaft betreut und unterstützt werden. Aufgenommen wurden jedoch nur Frauen, die "rassisch und erbbiologisch wertvoll" waren, wie es in der Satzung des Vereins hieß. Organisatorisch gehörte Lebensborn zur SS, durch ihre Mitglieder finanzierte er sich auch.

Jedes Lebensbornheim hatte ein eigenes Standesamt und eine polizeiliche Meldestelle, so war vollkommene Anonymität gewährleistet. Wer wollte, konnte das Heim nach der Geburt verlassen, ohne dass irgendjemand von der Schwangerschaft erfuhr. Die Kinder kamen dann in Obhut des Lebensborn. Wenn möglich, wurden sie an Pflegeeltern, meist Mitglieder der SS oder andere Systemtreue, vermittelt.

Das erste Lebensbornheim wurde am 15. August 1936 in Steinhöring bei München eröffnet. Weitere Häuser folgten unter anderem in Wernigerode im Harz (1937) und Hohehorst bei Bremen (1937).

Auch in den von den Nazis besetzten Gebieten gab es die Mutter-Kind-Häuser, etwa in Norwegen, Frankreich und Belgien. Denn es kam öfter vor, dass Wehrmachtssoldaten mit den Frauen vor Ort eine Affäre begannen. Ihre Kinder, so wollte es Himmler, sollten in den Heimen im Sinne des Nationalsozialismus erzogen werden.

Viele Menschen hielten die Lebensbornheime daher auch für Zuchthäuser. Es gab Gerüchte, Männer der SS träfen sich in den Heimen mit ausgewählten Frauen, um anonymen Geschlechtsverkehr zu haben. Von wilden Orgien war die Rede, in denen die SS-Männer möglichst viele arische Frauen schwängern sollten. Das bestätigte sich jedoch nie.

Etwa 8000 bis 9000 Kinder kamen zwischen 1936 und 1945 in deutschen Lebensbornheimen zur Welt. Genaue Zahlen gibt es nicht, da viele Dokumente nach dem Krieg verloren gingen oder zerstört wurden.

Originalaufnahme eines Lebensbornheims: Eine Betreuerin beugt sich über die Wiegen von Säuglingen.

Etwa 8000 Kinder kamen in deutschen Lebensbornheimen zur Welt

Kinder aus dem Ausland werden "eingedeutscht"

Einige Jahre, nachdem Himmler den Lebensborn gegründet hatte, musste er feststellen, dass sein Projekt nicht den gewünschten Erfolg brachte. In den Heimen kamen weitaus weniger Kinder zur Welt, als er sich erhofft hatte.

Eine neue Strategie musste her: Wenn die Arier in Deutschland nicht genug eigene Kinder bekamen, sollten andere die Lücke füllen. Himmler ordnete daher an, Kinder aus dem Ausland in deutsche Lebensbornheime zu bringen und ihnen dort eine neue deutsche Identität zu geben.

Von 1942 an setzten Himmlers Gefolgsleute seinen Plan in die Tat um. Vor allem im Osten, etwa Polen oder Tschechien, suchten sie nach Kindern, die arisch aussahen. Hatten sie welche gefunden, trennten sie diese von ihren Eltern und brachten sie nach Deutschland.

In den Lebensbornheimen mussten sich die Kinder dann einer rassenhygienischen Untersuchung unterziehen. Wen die Nazis für arisch erklärten, der musste im Heim bleiben oder kam in eine Pflegefamilie.

Die Namen der Kinder wurden "eingedeutscht", ihre wahre Identität verschwand hinter gefälschten Lebensläufen. Einige Lebensbornkinder fanden erst Jahrzehnte später heraus, dass sie aus einer polnischen oder tschechischen Familie stammten.

Ein Mann in Uniform hört ein Mädchen mit einem Stethoskop ab.

Eine junge Frau wird in Lebensborn untersucht

Das Schicksal der Kinder aus Lidice

Bekannt ist vor allem das Schicksal der sogenannten Lidice-Kinder. Am 9. Juni 1942 fielen deutsche Polizeikräfte mit Unterstützung der tschechischen Gendarmerie in das Dorf Lidice in Tschechien ein. Sie wollten sich für einen Anschlag auf den damaligen Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, rächen.

Einen Tag nach ihrem Einmarsch erschossen die Nazis alle Männer, die in dem Dorf gewohnt hatten. Fast 100 Kinder aus Lidice verschleppten sie, um diese unter "rassenhygienischen" Gesichtspunkten auszuwählen. Etwa ein Dutzend der Kinder erklärten die Nazis für arisch und brachten sie in deutsche Lebensbornheime. Dort wurden sie, wie die anderen deportierten Kinder, "eingedeutscht".

Schwarzweiß-Aufnahme: Drei Soldaten der Wehrmacht stehen vor Häuserruinen im Dorf Lidice.

Wehrmachtssoldaten vor den Ruinen des Dorfs Lidice

Die Verantwortlichen müssen vor Gericht

Als der Krieg 1945 vorbei war, mussten sich einige Mitglieder des Lebensbornvereins für ihre Taten vor Gericht verantworten. Der Gründer, Heinrich Himmler, entzog sich allerdings seiner Verantwortung, indem er am 23. Mai 1945 Selbstmord beging.

Max Sollmann, Geschäftsführer des Lebensborn, wurde jedoch angeklagt – ebenso wie der ärztliche Leiter der Heime, Gregor Ebner. Neben ihnen saßen zwölf weitere SS-Mitglieder mit auf der Anklagebank. Sie alle wurden beschuldigt, den Rassenwahn der Nationalsozialisten in die Tat umgesetzt zu haben.

Am 1. Juli 1947 begannen die Verhandlungen gegen Himmlers Gefolgsleute. Sie fanden innerhalb des Prozesses um das Rassen- und Siedlungshauptamt der SS (RuSHA) statt. Er war einer der zwölf Nürnberger Prozesse und wurde vor dem Militärgerichtshof I der USA in Nürnberg verhandelt. Es ging darin nicht nur um den Verein Lebensborn, sondern auch um verschiedene andere SS-Einrichtungen.

Im Laufe der Verhandlungen versuchten die Angeklagten glaubhaft zu machen, der Lebensborn sei eine Art Wohltätigkeitsorganisation gewesen. Und sie hatten Erfolg: In ihrem Urteil vom 10. März 1948 erklärten die Richter Lebensborn zu einer karitativen Einrichtung. Die Angeklagten wurden nicht wegen ihrer Tätigkeit im Lebensborn, sondern wegen ihrer SS-Zugehörigkeit für schuldig befunden. Ihre Strafe galt durch die Untersuchungshaft aber bereits als abgesessen.

Im Zuge der Entnazifizierungsverfahren von 1950 an mussten sich jedoch einige Lebensbornaktivisten erneut vor Gericht verantworten, darunter Sollmann und Ebner. Die Richter der Münchener Hauptspruchkammer zweifelten an der Unschuld der Beschuldigten.

Die Beweislage war allerdings dünn, da zum Beispiel Zeugen, die in Nürnberg noch gegen Sollmann und Ebner ausgesagt hatten, nun schwiegen oder anderes behaupteten. Die Täter kamen daher mit Freisprüchen oder geringen Strafen wie etwa gemeinnütziger Arbeit oder Geldstrafen davon.

Etikett "Lebensbornkind"

Von den Nazis verehrt, wollte nach Ende des Nationalsozialismus in Deutschland zunächst niemand etwas von den Lebensborn-Kindern wissen. Viele Lebensbornkinder hatten mit Vorurteilen zu kämpfen, Mitschüler und Nachbarn beleidigten oder mieden sie. Das Etikett "Lebensborn-Kind" haftete ihnen auch Jahre später noch an.

Viele ehemalige Heimkinder leiden auch heute noch unter den Folgen. Sie sind ohne Vater oder auch Mutter aufgewachsen oder wurden von Menschen, denen sie vertrauten, belogen. Die Ungewissheit, wo sie geboren wurden oder wer ihre Eltern waren, nagt an ihnen. Manche versuchen ihre Erfahrungen zu verarbeiten, indem sie Bücher schreiben oder sich in Vereinen organisieren, die Daten über die Heime zusammentragen.

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 21.11.2017, 10:16

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