Kriegskinder - wenn die Erinnerung zurückkehrt
Was als Spiel begann…
Der Zweite Weltkrieg dehnte sich nach dem deutschen Angriff auf Polen schnell auf Europa aus. Menschen in England, Frankreich und Polen, in der Ukraine oder in Weißrussland hatten sehr bald unter den Folgen von Krieg und Naziterror zu leiden. Für viele deutsche Kinder erschien der Krieg zunächst noch als ein abenteuerliches Spiel. Der Vater in Uniform war das Größte und wurde entsprechend bewundert. Kinder spielten mit Kanonen und bewaffneten Soldaten, stimmten Kriegslieder an und waren stolz auf ihre Sammelbilder ranghoher Militärs. Die Nationalsozialisten unterstützten diese Entwicklung: In der Hitlerjugend wurden tapfere Soldaten als Vorbilder gefeiert, Heldenmut und Kampfgeist gefördert. Aber auch die Kirche tat das ihre, dort hieß es: Beten für Führer, Volk und Vaterland. Kinder waren einer solchen Erziehung und Propaganda hilflos ausgeliefert. Woher sollten sie auch wissen, was Krieg bedeutet?
Bombennächte im Luftschutzkeller
Selbst den ersten Bombenalarm empfanden viele Kinder noch als Abenteuer. Doch mit den häufiger und heftiger werdenden Luftangriffen wuchs die Todesangst. Brennende Häuser, von Bomben zerstörte Gebäude, unzählige Tote und Verwundete - all das mussten auch Kinder mit ansehen und verkraften. Viele verbrachten über mehrere Jahre hinweg ihre Nächte im Luftschutzkeller. Tausende von ihnen wurden “ausgebombt“, verloren bei den Angriffen all ihr Hab und Gut, ihr Zuhause oder sogar ihre Eltern. Der Krieg war nun auch für die Kinder zum Kampf um das blanke Überleben geworden. Doch weil sie nichts anderes kannten, wurden selbst die schrecklichsten Dinge zur Normalität. Und während die einen mit all diesen Erlebnissen erstaunlich gut fertig wurden, tragen die anderen bis heute an der Grausamkeit ihres Schicksals.
Verschickt
Auf den Angriffskrieg der Deutschen reagierten die Kriegsgegner mit dem Bombardement deutscher Städte. Als der Bombenhagel immer heftiger wurde, startete das NS-Regime 1940 die Aktion “Erweiterte Kinderlandverschickung“. Bis Kriegsende wurden rund 2,5 Millionen Jungen und Mädchen in ländliche Gebiete evakuiert, um sie aus den bombardierten Städten in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig nutzten die Nationalsozialisten die Notlage, um ideologisch auf die Kinder einzuwirken. Denn oft waren die Kinder über Monate oder sogar über Jahre in Schullandheimen, Zeltlagern, Pensionen oder Jugendherbergen untergebracht und so dem Einfluss ihres Elternhauses entzogen. Viele litten entsetzlich an Heimweh. Wie es den Kindern weit weg von zu Hause erging, hing aber maßgeblich von den Personen ab, die sie betreuten. Für einige waren die Trennung von den Eltern, die Angst um die Angehörigen und die NS-Propaganda so schwer zu ertragen, dass auch von der “Kinderlandverschleppung“ die Rede war.
Auf der Flucht
Wie viele Menschen tatsächlich aus den Ostgebieten vor der sowjetischen Besatzung flohen, ist ungewiss. Schätzungen sprechen von der Hälfte der dort lebenden Bevölkerung. Als sicher gilt jedoch, dass die meisten von ihnen Frauen und Kinder waren. Den Abschied von zu Hause haben dabei die meisten Kinder nicht so schmerzlich empfunden wie die Erwachsenen. Zunächst rechneten zudem fast alle damit, bald in die Heimat zurückzukehren. Und schließlich konnte kaum einer ahnen, was ihnen bevorstand: die Angst vor der näher rückenden Roten Armee, die Sorge um ihre Angehörigen, Tieffliegerangriffe, Hunger und Kälte, Krankheit und Tod. Kinder verloren auf den Flüchtlingstrecks ihre Eltern oder mussten miterleben, wie Mutter oder Schwester vergewaltigt wurden. All das wurde bald zur schrecklichen Wirklichkeit.
Kriegsende und Nachkriegszeit
Nach dem Krieg waren für viele Flüchtlingskinder Not und Elend nicht zu Ende. In ihrer neuen Umgebung waren sie meist nicht willkommen. Sie sprachen einen anderen Dialekt und wurden damit aufgezogen. Der Verlust der Heimat war ein schlimmes Schicksal, ein schlimmeres war der Verlust der Eltern: Schätzungsweise 500.000 Kriegswaisen gab es zu Ende des Krieges und etwa 20 Millionen Kriegshalbwaisen. Die meisten von ihnen waren ohne Vater. Für alle folgten nach der Kapitulation noch viele harte Jahre, die von Chaos und vom Mangel am Lebensnotwendigen bestimmt waren.
Wenn die Erinnerung zurückkehrt
Über ihre persönlichen Erlebnisse haben die Kriegskinder oft jahrzehntelang geschwiegen. Nach dem Krieg haben sie am Wiederaufbau mitgewirkt, sind ins Berufsleben eingetreten, haben geheiratet, eine Familie gegründet, vielleicht ein Haus gebaut. Heute sind die meisten von ihnen in Rente. Die Kinder sind aus dem Haus, Ruhe ist eingekehrt. Und plötzlich kehren die Erinnerungen an den Krieg zurück: die Bombennächte, die Zerstörung, die Erlebnisse von Flucht und Vertreibung. Manche von ihnen reagieren erst jetzt - über 60 Jahre nach Kriegsende – bedrückt oder leiden an Depressionen. Andere wiederum erinnern sich sogar gerne an ihre Kindheit im Krieg: Wer kaum Hunger leiden musste, ein Dach über dem Kopf hatte und geborgen war, hatte Glück und kam vermutlich ohne seelische Schäden davon. Wie unterschiedlich das Schicksal der Kriegskinder auch verlief, eines haben sie alle gemeinsam: Der Krieg hat sie geprägt - ob mehr oder weniger stark.
Claudia Heidenfelder, Stand vom 01.06.2009









