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Interview: Ex-Kolonie Namibia heute

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Interview: Die Ex-Kolonien heute - das Beispiel Namibia

Das ehemalige Deutsch-Südwestafrika war für das Deutsche Reich zwar nicht unbedingt die lukrativste Kolonie, dafür aber die bekannteste und vielleicht sogar beliebteste. Das lag daran, dass sich nur hier eine nennenswerte Zahl von deutschen Siedlern niederließ: 1915, als südafrikanische Truppen die deutschen Kolonisatoren verjagten, waren es rund 12.000, viele davon Farmer. Allerdings geriet die koloniale Herrschaft an Afrikas Westküste sehr blutig – beim berüchtigten Feldzug gegen die Herero wurden zehntausende Angehörige dieses Volkes getötet.

Straßenszene in Namibias Hauptstadt Windhoek. (Rechte: dpa)

Die Independence Avenue in Windhoek hieß früher Kaiserstraße

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Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Deutsch-Südwest nicht etwa unabhängig: Der Völkerbund, Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen, stellte das Land unter die Mandatsherrschaft des Nachbarn Südafrika. Erst 1990 konnte sich die Kolonie, nun Namibia genannt, die volle Autonomie vom südafrikanischen Apartheidregime erkämpfen. Seitdem versteht sich das Land als friedlicher Vielvölkerstaat, der noch immer auch mehr als 20.000 Deutschstämmigen eine Heimat bietet. Der Historiker Jakob Zollmann hat zu Forschungszwecken mehr als zwei Jahre lang in dem Land gelebt.

Eine Mutter zeigt ihren Kindern Bilder in Illustrierten, auch eine schwarze Hausangestellte beugt sich über den Tisch. (Rechte: AKG)

Bis 1990 kannten Weiße Schwarze oft nur als Angestellte

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Planet Wissen (PW): Herr Zollmann, wie treten die Menschen in Namibia einem Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht gegenüber?

Jakob Zollmann (J.Z.): Auf mein "Deutschsein" bin ich nie direkt angesprochen worden. Die Leute registrieren vielmehr die andere Hautfarbe: Nach der langen Zeit der Apartheid, in der Schwarze nicht im selben Viertel wie Weiße leben, nicht im selben Bus fahren oder auf derselben Bank sitzen durften, bleiben viele leider noch immer auf Abstand. Man kennt sich nicht, man weiß nichts voneinander. Das ist ein beschämendes Gefühl, wenn man neu in dieses Land kommt.

Eine Familie vor einem hübschen freistehenden Haus (Rechte: AKG)

Namibia als Familienparadies: Bild aus den 40er Jahren

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PW: Wie leben denn die Deutschen dort überhaupt?

J.Z.: In einschlägigen Statistiken, die nach der Einkommensverteilung unter den einzelnen namibischen Volksgruppen fragen, stehen die Deutschstämmigen oft an oberster Stelle. Die meisten von ihnen gehören zur Mittelklasse und zur Oberschicht, sind Farmer, Anwälte, Ärzte oder in Unternehmen tätig, einige wenige auch noch in der öffentlichen Verwaltung. Mit dem, was man damit verdient, kann man in Namibia ein gutes Leben führen – während fast 40 Prozent der Schwarzen arbeitslos sind. Ich denke, zurück nach Europa möchte kaum jemand von den deutschstämmigen Namibiern. Sie leben ja zum Teil schon seit fünf Generationen in Namibia. Das Land ist ihre Heimat.

PW: Hat sich Namibia denn schon wirklich von der ehemaligen Kolonialmacht emanzipiert?

J.Z.: Ein namibischer Minister hat vor ein paar Jahren stolz gesagt, sein Land sei das einzige, das die ehemaligen Kolonisatoren heute ganz normal wie eine Ethnie unter vielen anderen behandelt – also weder verteufelt noch hofiert. Und auch umgekehrt kann man keine Abhängigkeit Namibias von Deutschland erkennen, weder wirtschaftlich noch politisch. Zwar zahlt Deutschland an kein Land so viel Entwicklungshilfe pro Kopf wie an Namibia; aber ich denke nicht, dass Deutschland das außenpolitisch ausnutzen könnte oder wollte. Zudem: Seit der Unabhängigkeit von 1990 sind nicht mehr Afrikaans, Englisch und Deutsch die Amtssprachen, sondern nur noch Englisch. Allerdings gibt es hier mehr deutsche als englische Muttersprachler. In vielen Schulen wird Deutsch unterrichtet, und die Kinder auf eine deutsche Schule zu schicken, ist für einige Familien aus der Oberschicht eine Frage des Prestiges.

Frau mit breitgestrecktem Stoffhut. (Rechte: Mauritius)

Herero-Frau in Festtagskleidung

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PW: Seitens der Herero gibt es aber doch immer wieder Entschädigungsforderungen an Deutschland für den Völkermord während der Kolonialzeit?

J.Z.: Das stimmt. Nur werden diese Forderungen nicht offiziell unterstützt – und das auch deshalb, weil die Regierung fest in der Hand einer anderen namibischen Ethnie, der Ovambo ist. Rein praktisch wäre es auch nicht einfach, solche Entschädigungszahlungen zuzuteilen, da die Überlebenden der Kolonialkriege längst verstorben sind. Außerdem könnten einseitige Entschädigungen an nur eine Bevölkerungsgruppe innerhalb des Landes Unfrieden stiften. Trotzdem bin ich froh, dass sich die deutsche Regierung 2004 zur deutschen Verantwortung für die Taten der damaligen Schutztruppe bekannt hat: Eine Rede der deutschen Entwicklungsministerin auf ihrer Reise durch Namibia im August 2004 hat sie ausdrücklich als Entschuldigung verstanden wissen wollen. Und als konkreter Ausdruck dieser besonderen Verantwortung stellt sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Namibia dar. Wie gesagt, pro Kopf liegt sie deutlich höher als in anderen afrikanischen Staaten.

PW: Welche Bedeutung hat die Kolonialzeit heute noch für die politische Identität des Landes?

J.Z.: Die Regierung bemüht sich mittlerweile, den Krieg der Herero von 1904 als Teil des so genannten "Struggle" darzustellen – so nennt man in Namibia den Kampf um die Unabhängigkeit, der bis 1990 angedauert hat. Man versucht dabei, die leidvolle Kolonialgeschichte als eine Art sozialen Kitt zu nutzen, der die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einen könnte.

PW: Die Kolonialzeit also als Ausgangspunkt einer positiven Nationalidentität?

J.Z.: Ein bisschen schon. Leider gerät dieses Ziel manchmal aus den Augen, die Erinnerung an den "Struggle" wird dann zum Personenkult. So hat sich der ehemalige Präsident Sam Nujoma nicht nur als Held und Führer des bewaffneten Befreiungskampfes feiern lassen, sondern sich ein gigantisches Denkmal vor den Toren Windhoeks erbaut – während das Geld für Schulbücher und Krankenhäuser fehlt. Auch wird es noch lange dauern, bis man von einer namibischen Nation sprechen kann. Vielleicht wird das aber auch nie nötig sein. Hier ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe die alles dominierende Größe; das Gefühl, "Namibier" zu sein, prägt sich erst langsam aus.

Ein Haus mit Fachwerk neben einer Kirche. (Rechte: Mauritius)

Fast wie im Schwarzwald: Haus und Kirche in Lüderitz

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PW: Woher kommt das?

J.Z.: Der Begriff der Nation mag für Europäer griffig sein, aber vielleicht ist dieses Konstrukt zu europäisch, um es auf afrikanische Gesellschaften übertragen zu können. Hinzu kommt die Bürde der Kolonialgrenzen, die europäische Mächte 1884/85 in Afrika zogen, und die willkürlich Völker trennten oder zusammenwarfen. Und heute sollen darin Nationen wachsen? Das ist eine Hypothek des Kolonialismus, die bis heute fortwirkt.

PW: Woran merkt man das in Namibia?

J.Z.: Insbesondere das Siedlungsgebiet der Oukuanyama wird durch die Grenze zwischen Namibia und Angola durchschnitten, und die Herero wohnen sowohl diesseits als auch jenseits der Grenze zu Botswana. Zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen in Namibia gibt es allerdings keine offenen Auseinandersetzungen – was für Afrika durchaus nicht selbstverständlich ist. Doch das, was man auf Englisch "Tribalism" nennt, also die (oft übermäßige) Betonung der ethnischen Zugehörigkeit bis in den Alltag hinein, kann man auch in Namibia sehr gut beobachten. So ist zum Beispiel die Parteienlandschaft überwiegend entlang der Volksgruppen gegliedert.

Grassavanne in Namibia: intensiv roter Sand, Gräser, blauer Himmel. (Rechte: dpa)

Namibia - ein heißes und trockenes Land

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PW: Und wie stellt sich das Land sonst?

J.Z.: Insgesamt gut, auch wenn Namibia große Probleme mit Korruption und Vetternwirtschaft hat. So fühlen sich zum Beispiel viele Bevölkerungsgruppen benachteiligt, weil die Ovambo nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen, aber fast alle wichtigen Positionen in Politik und Verwaltung einnehmen. Zudem ist das Gefälle zwischen Stadt und Land sehr groß. Trotzdem: Der Bergbau boomt, auch der Tourismus schafft mehr und mehr Arbeitsplätze. Wenn Menschen aus Zentralafrika nach Namibia kommen, sind sie oft erstaunt, dass dort die Straßen so sauber sind, dass die meisten Häuser fließend Strom und Wasser haben und es eine freie Presse gibt. Und die hat tatsächlich Lob verdient: Trotz aller Anfeindungen lässt sie sich das Recht auf Kritik an der Regierung nicht nehmen.

PW: Es gibt sogar eine deutsche Zeitung, oder?

J.Z.: Ja, die "Allgemeine Zeitung". Die erscheint, glaube ich, in einer Auflage von 5000 Exemplaren täglich. In Deutschland wird sie zwar gelegentlich als "Provinzpostille" verlacht – auch wegen ihrer teils gewöhnungsbedürftigen Sprache, dem "Südwesterdeutsch". Doch der Regierung gegenüber ist dieses Blatt wohltuend kritisch und für Berichte über die allgegenwärtige Korruption immer offen. Und das erscheint mir als die Hauptsache – schließlich ist die Pressefreiheit in Afrika noch ein rares Gut.

Interview: Kerstin Hilt, Stand vom 09.03.2007

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