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Wie lebte der Neandertaler?

Die körperlichen Merkmale des Neandertalers kennen wir inzwischen recht gut. Aus vielen verschiedenen Knochenfunden konnten Wissenschaftler nach und nach ein nahezu vollständiges Neandertaler-Skelett zusammensetzen. Auf das alltägliche Leben der Neandertaler zu schließen, ist da schon schwieriger: Was aßen sie? Wie verständigten sie sich? Und wie behandelten sie die anderen in ihrer Gruppe? Die versteinerten Funde geben zum Teil widersprüchliche Hinweise. Darum ist die Beschreibung des Neandertaler-Alltags oft mit einigen Unsicherheiten verbunden.

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Neandertaler-Rekonstruktion: der Schädel (1'57'')
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Höhlen und Zelte

Höhlen galten jahrzehntelang als einzige Unterkünfte der Neandertaler. Sie werden sogar als Höhlenmenschen bezeichnet, weil die meisten Skelettreste in Höhlen gefunden wurden. Das liegt aber vermutlich daran, dass die archäologischen Fundschichten dort geschützter waren als unter freiem Himmel und so eher bis heute erhalten blieben. Zu diesen Überresten zählen auch die, die 1856 in der Feldhofer Grotte im Neandertal bei Mettmann entdeckt wurden.

Der Knochenfund von 1856 im Neandertal bei Mettmann liegt in anatomisch korrekter Anordnung. Die Knochen sind: Schädeldach, rechtes Schulterblatt, rechter Oberarm, rechte Speiche und ein Teil der Elle, rechtes Schlüsselbein, rechter Oberschenkel, ein Teil des linken Oberarms, linker Oberschenkel, ein Teil der linken Beckenschaufel, linke Elle, vier Rippen links, eine Rippe rechts. (Rechte: Rheinisches Landesmuseum)

Diese Knochen fand man 1856 im Neandertal

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Doch die Neandertaler scheinen sich auch Zelte gebaut zu haben, die Schutz vor Nässe und Wind boten. Leider sind nur noch wenige Belege davon erhalten. Bei Molodova in der Ukraine entstanden vor rund 40.000 Jahren zwei Behausungen aus Mammutknochen und -stoßzähnen. Der innere Teil war jeweils etwa 35 Quadratmeter groß und bot Platz für zwei Feuerstellen. Noch älter sind Siedlungsspuren, die in einem Wannenvulkan in der Osteifel bei Ochtendung neben dem Schädeldach eines Neandertalers gefunden wurden. Die in zwei Lagen ringförmig gesetzten Lavasteine waren vermutlich die Basis von Zeltkonstruktionen und wurden vor rund 200.000 Jahren von frühen Neandertalern gebaut.

Rekonstruktion eines Neandertalers, der an Oberkörper und Füßen Fell trägt und einen Speer hält. (Rechte: dpa)

In Fell gehüllt ging es auf die Jagd

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Steinzeit-Mode

Kälte und Wind bedrohten während der Eiszeiten die Existenz der Neandertaler. Sicherlich haben sie Bären und andere Tiere um ihren Pelz beneidet. Dass es dabei nicht geblieben ist, zeigen Schnittspuren von urzeitlichen Bärenknochen. Diese lassen darauf schließen, dass die Tiere gehäutet wurden. Doch damit nicht genug: An 100.000 Jahre alten Steinwerkzeugen kleben noch immer Reste von Eichenrindeextrakt - ein Stoff, der noch heute zum Gerben von Leder und zur Herstellung wasserdichter Schuhe benutzt wird. Anschließend nähten die Neandertaler die Einzelteile zusammen: In das Leder wurden mit spitz zulaufenden Werkzeugen, die man Ahlen nennt, Löcher gebohrt. Im französischen Arcy-sur-Cure fand man 50 solcher Ahlen aus Knochen und Elfenbein. Sie wurden mehrmals nachgeschärft und sind stark abgenutzt, woraus Experten schließen, dass sie über lange Zeit in Gebrauch waren und mit ihnen zehntausende Löcher gebohrt wurden.

Die späten Neandertaler haben vermutlich sogar Schmuck getragen: Die ältesten Fundstücke sind etwa 38.000 Jahre alt. Ob die Neandertaler selbst auf die Idee kamen, Tierfiguren, Ringe und Kettenglieder zu schnitzen, oder ob sie das beim Homo sapiens abschauten, wissen wir nicht.

Rekonstruktion einer alten Neandertalerin. Sie hockt, ist in weißes Fell gehüllt und trägt einen langen weißen Haarzopf. In der rechten Hand hält sie einen Stock. (Rechte: WDR/Teves)

Ließen die Sippen die Alten zurück?

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Pflege von Verletzten

Einige Überreste legen nahe, dass Neandertaler verletzte Gruppenmitglieder nicht ihrem Schicksal überließen, sondern sie pflegten. In der Shanidar-Höhle im Irak wurde beispielsweise ein Mann gefunden, dessen linke Augenhöhle verletzt war und dessen rechter Unterarm fehlte. Weitere Knochenbrüche wurden offensichtlich geschient, so dass er noch Monate, vielleicht sogar Jahre weiterlebte. Die Krankenpflege hatte unter den Neandertalern eine lange Tradition. Der älteste nachgewiesene Fall reicht 175.000 Jahre zurück: Damals fielen einem Mann im französischen Vaucluse nach einer Zahnfleischentzündung die Zähne aus. Eigentlich sein Todesurteil, denn ohne Gebiss konnte er nicht die meist harte Nahrung seiner Tage zu sich nehmen. Er lebte jedoch noch lange - seine Sippe muss ihn gepflegt und ihm Hartes und Zähes vorgekaut haben.

Vermutlich kannten die Neandertaler auch bereits die heilende Wirkung bestimmter Pflanzen und Kräuter. In der Kebara-Höhle in Israel wurden neben Skelettresten von Neandertalern auch über 4000 verkohlte Samen und Früchte verschiedener Pflanzenarten gefunden. Wissenschaftler vermuten, dass einige von ihnen als Heilpflanzen verwendet wurden - beispielsweise wilder Wein, Pistazien, Linsenwicke und Eicheln zur Blutreinigung, zur Wundpflege und bei Durchfallerkrankungen. Man kann also davon ausgehen, dass die Neandertaler durchaus in der Lage waren, den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Doch was, wenn alte Gruppenmitglieder nicht mehr aufstehen konnten, die Gruppe aber weiterziehen musste? Wurden sie dann zurückgelassen? Skelettreste von Steinzeitsenioren sind äußerst selten. Einige Forscher sehen darin einen Hinweis, dass Neandertaler alte oder gehbehinderte Mitglieder ihrer Gruppe nicht bis zum Tod gepflegt haben. Sie starben demnach dort, wo ihre Kräfte sie endgültig verließen oder ihnen die Beine versagten - allein. Dieser aus unserer Sicht grausame Brauch könnte in der Gemeinschaft aus Jägern und Sammlern in Hungerzeiten nötig gewesen sein, um nicht das Überleben der gesamten Sippe zu gefährden.

Gut gerüstet zur Jagd

Nicht nur Stoßlanzen, sondern auch Wurfspeere gehörten zu der Jagdausrüstung des Neandertalers. Er hat sie aber nicht erfunden. Im niedersächsischen Schöningen wurden bis zu 2,50 Meter lange Holzspeere entdeckt, die 400.000 Jahre alt sind und somit dem späten Homo erectus zugerechnet werden müssen. Der Neandertaler hat die Technik aber weiter verfeinert: An die Spitze des Speers klebte er mit Birkenpech scharfkantige Steinspitzen für die Jagd auf große Tiere, bei kleineren Tieren Knochenspitzen. Die Speere erreichten zwar keine große Geschwindigkeit, fügten den Tieren aber zum Teil tiefe Wunden zu.

Es gibt bis heute Wissenschaftler, die meinen, der Neandertaler sei an seine Fleischrationen nicht durch aktives Jagen gekommen, sondern habe das Fleisch bereits toter Tiere abgeschnitten und das Mark aus ihren Langknochen gewonnen. Die sorgfältig gearbeiteten Jagdwaffen müssten jedoch eigentlich auch die letzten Zweifler überzeugen, dass die Neandertaler geschickte Jäger waren.

Küchentipps aus der Steinzeit

Man könnte tatsächlich annehmen, dass der Neandertaler seine Nahrung gekocht hat - schließlich kannte er längst das Feuer und auch Wasser brauchte er reichlich, um zu überleben. Doch vermutlich war das nicht der Fall. In der Nähe von Überresten des Homo sapiens wurden Kochgruben und so genannte Kochsteine gefunden. Aus der Zeit des Neandertalers gibt es diese Hinweise jedoch bisher nicht.

Dennoch schmeckte das Fleisch vermutlich auch dem Neandertaler gegart besser als roh. Bei der Zubereitung hatte er zum einen die Möglichkeit, es aufzuspießen und direkt ins Feuer zu halten. Alternativ dazu konnte er es auch in der Holzkohleglut oder der heißen Asche grillen. Als erste Bratpfannen könnten ihm heiße Steine gedient haben - eine Art des Garens, die heute wieder in einigen Steakhäusern modern ist.

Neandertaler ernährten sich hauptsächlich von Fleisch - auch weil das wesentlich mehr Energie enthält als beispielsweise Waldbeeren oder Wurzelgemüse. Neandertaler hatten durch ihre harten Lebensbedingungen einen hohen Kalorienbedarf. Die Nahrung, die wir durchschnittlich zu uns nehmen, hätte ihnen allenfalls gereicht um zu atmen und nicht zu erfrieren - zum Überleben reichte sie nicht.

Jennie Theiss, Stand vom 06.07.2010
Sendung: Von Menschen und Affen - Eine Familienchronik, 07.07.2010

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