Geschichte des Fahrrads

Verkehr

Geschichte des Fahrrads

Vom wackligen Gefährt ohne Pedale zum perfekt ausgetüftelten Verkehrsmittel: Das Fahrrad hat eine spannende Entwicklung hinter sich. Anfangs noch skeptisch beäugt, hat der Drahtesel heute mehr Fans als das Auto.

Die ersten Zweiräder waren unbequem

Junge Männer auf Hochrädern auf einem Marktplatz

Noch wacklig, aber schon sehr populär: das Hochrad

Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind? Von wegen! Den Rang hat ihm längst das Fahrrad streitig gemacht. Fast 72 Millionen Stück gibt es davon in der Bundesrepublik, Personenkraftwagen hingegen bloß 45 Millionen. Deutschland ist eine Radfahrernation. Das Velo nutzen die Menschen in Deutschland vor allem für kurze Wege in der Stadt.

Historisches Laufrad

Das Ur-Fahrrad: ohne Pedale, dafür mit Stützbrett für die Unterarme

Doch auch die Zahl der Freizeit- und Urlaubsradler wächst stetig. An der Donau entlang, den Fichtelberg hoch, durchs Norddeutsche Tiefland  – die Radler erobern nahezu jedes Terrain.

Dass das Fahrrad einmal so beliebt und vor allem zu einem Freizeitvergnügen werden würde – damit hat Karl Friedrich Freiherr Drais sicher nicht gerechnet. Der gebürtige Karlsruher hat Anfang des 19. Jahrhunderts seine Fahrmaschine aus der Not heraus erfunden: Die Explosion des indonesischen Vulkans Tambora 1815 hatte zu Ernteausfällen und "Jahren ohne Sommer" geführt. Der Haferpreis stieg – die Pferde konnten nicht mehr versorgt werden. Ein neues Gefährt musste her! Eines, das unabhängig vom Tier ist.

Drais erfand das Zweiradprinzip: Zwei Räder laufen hintereinander. Gelenkt wurde am Vorderrad. Eine Stütze für die Unterarme, das Balancierbrett, übertrug die Kraft ins Rad. Pedale gab es noch nicht, der Fahrer schob sich mit den Füßen voran. Diese Draisine war das Ur-Fahrrad.

Schwarz-weiß Zeichnung einer Draisine mit einem "Reiter"

Die von Karl Drais entworfene Draisine hatte noch keine Pedale

Das Potenzial dieses ersten Drahtesels demonstrierte Drais höchstpersönlich am 12. Juni 1817. Er lief von seinem Mannheimer Wohnhaus nach Schwetzingen und zurück – für die 14 Kilometer brauchte er mit dem etwa 22 Kilogramm schweren Gefährt fast eine Stunde. Eine passable Zeit. Und doch setzten sich die ersten, neuen Zweiräder nicht durch.

Zum einen waren sie teuer. Zum anderen unbequem – die Straßen damals waren holprig. Auf die Bürgersteige auszuweichen, kam aber nicht in Frage: Die Städte verboten es den Bürgern, auf den komfortableren Gehwegen zu fahren. Und so verschwand die Draisine wieder in der Versenkung.

Shake it, baby: Knochenschüttler nannten manche die ersten Hochräder

Etwa fünf Jahrzehnte vergingen. Es war vermutlich Pierre Michaux, ein Franzose, der das Rad mit Pedalen ausgestattet hat. Andere sehen in Pierre Lallement den wahren Erfinder des Pedalrades.

Was wir wissen: Lallement war kurze Zeit für Michaux tätig, der wiederum mit den geschäftstüchtigen Brüdern Olivier zusammengearbeitet hat. Die beiden Brüder finanzierten die Produktion der Fahrräder, die nun über Pedale verfügten.

Bei der Weltausstellung 1867 in Paris machten sie das Zweirad der ganzen Welt bekannt. Der Name: vélocipède bicycle, auf Deutsch Velozipede, also schnelle Füße. Das neue Verkehrsmittel etablierte sich fortan rasch.

Männer und eine Frau fahren auf Hochrädern einen Berghang hinab, colorierte Zeichnung

Gaudi auf dem Hochrad: Ausflugsfahrt den Berg hinab

Das Fahrrad wurde zunächst als Hochrad weiterentwickelt: Je größer das Rad, umso größer die Entfernung, die der Fahrer mit einer Pedalumdrehung zurücklegen konnte. Die Konstruktionen waren sehr beeindruckend, und die Unfallquote – hoch.

Ein Hochrad war teuer: 1880 kostete ein Exemplar fast 400 Reichsmark. So viel verdiente ein Arbeiter im Jahr. Das Rad avancierte zum Prestigeobjekt. Vor allem Dandys – vornehme junge Männer – hatten genug Zeit, Geld und Balancegefühl, um mit so einem teuren Rad im Park spazieren zu fahren. Angenehm war das nicht, die Räder hatten bald den Ruf als Knochenschüttler weg.

Das hielt zwanzig Hochradfans jedoch nicht davon ab, am 17. April 1869 in Hamburg den ersten – und heute noch existierenden – Radfahrclub der Welt zu gründen: den Eimsbütteler Velocipeden-Reitclub. Die Mitglieder unternahmen Weltreisen und veranstalteten erste Rennen. Eines der ersten Fernradrennen war damals Paris-Roubaix 1896. Die Herausforderung: Es ging fast ausschließlich über Kopfsteinpflaster.

Wer radelt, hält sich fit und schont die Umwelt

Das Niederrad, wie wir es heute kennen, wurde zum ersten Mal 1885 in England gebaut. Der Begriff "Fahrrad" taucht hier ebenfalls erstmals auf. Die harten Vollgummireifen wichen bald Luftgummireifen, das Radfahren wurde damit deutlich bequemer – und fand immer mehr Anhänger. Um die Jahrhundertwende war das neue Verkehrsmittel für die meisten Menschen erschwinglich geworden.

Die weltweit größten Fahrradfabrikanten saßen Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Ein Fahrrad bedeutete Freiheit und Mobilität, das machte es auch in den Augen vieler Frauen attraktiv. Diese mussten sich ihr Recht, Rad zu fahren, jedoch erst erkämpfen.

Schädlich für die Gebärfähigkeit sei diese Art der Fortbewegung, hieß es. Und gefährlich dazu: Lange Röcke verhedderten sich zu schnell in den Speichen des Rades. Hosen und Sportkleidung für Frauen waren damals noch verpönt. 

Viele Radler von hinten an einer Ampel

Beliebtes Verkehrsmittel in der Stadt: das Fahrrad

Das Fahrrad hat es schnell vom Luxusartikel zum beliebten Gebrauchsgegenstand gebracht. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Begehrlichkeiten rasch: Wer etwas auf sich hielt, legte sich ein Auto zu. Bis in die 1980er Jahre hinein dauerte der Autoboom an. Erst dann setzte allmählich ein Umdenken ein.

Die Deutschen haben die Vorteile des Fahrradfahrens erkannt: Es hält fit, schont die Umwelt, schleust den Fahrer zuverlässig an Staus vorbei und erspart die Suche nach einem Parkplatz.

Mehr als zwei Drittel der Deutschen besitzen mindestens ein Fahrrad, 2015 haben diese Radler insgesamt fast 25 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Wie viele davon auf ein Pedelec entfallen, also ein Rad, das von einem Elektromotor angetrieben wird, verrät die Statistik allerdings nicht. Anfangs noch als Rehamobil und Rentnerkutsche verpönt, hat sich das Elektrorad inzwischen seinen Platz auf dem deutschen Fahrradmarkt erkämpft. Der Umsatz mit den E-Bikes steigt stetig. 

Münster ist die Fahrradhauptstadt Deutschlands

Junge Frau schließt ihr Fahrrad an Fahrradständer zwischen vielen anderen Rädern ab

Ein Fahrradparkplatz in der deutschen Radhauptstadt Münster

Dem Radelbedürfnis der Deutschen tragen viele Städte Rechnung: Radwege werden ausgebaut, Radbügel als Abstell- und Anschließmöglichkeiten installiert. Die meisten großen Städte haben inzwischen Fahrradverleihsysteme etabliert, bei denen die Bürger und Touristen sich an einer Station ein Fahrrad ausleihen, zu ihrem Zielort fahren und es dort wieder abstellen.

Die meisten Fahrradfans leben offensichtlich in Münster. Hier gibt es nach Angaben des städtischen Fremdenverkehrsamts doppelt so viele Räder wie Einwohner: 500.000 Stück. Die größte Radstation Deutschlands liegt direkt am Hauptbahnhof. Insgesamt 3500 Räder können darin geparkt werden. Neben den Abstellplätzen gibt es hier einen Werkstattservice und eine Fahrradwaschanlage.

Autorin: Claudia Füßler

Stand: 28.04.2016, 09:00

Darstellung: