Vergangenheitsbewältigung

Eingang zum KZ Auschwitz mit der Aufschrift "Arbeit macht fre" (schwarz-weiß)

Nachkriegszeit

Vergangenheitsbewältigung

"Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen waren Juden lange Zeit das schlechthin Andere, das beispielhafte Gegenbild des eigenen Selbst, des eigenen Kollektivs. Diese Grundhaltung hat die deutsch-jüdische Geschichte über Jahrhunderte bestimmt – bis heute", urteilt Dr. Salomon Korn, Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland. Und: Mit der Vertreibung und Vernichtung der Juden sei dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen "nicht wirklich etwas verloren gegangen".


Verdrängung in Ost- und Westdeutschland

1945, als die Verbrechen der Deutschen für alle Welt sichtbar wurden und die Deutschen selbst die Augen nicht mehr verschließen konnten, schien eine Rückkehr in den Alltag kaum denkbar. Und doch setzte bald ein Prozess der Normalisierung, ein Weitermachen, Vorwärtsschauen, die Vergangenheit ruhen lassen, ein.

Und nicht allzu lange hat es gedauert, bis die ersten Stimmen danach riefen, "endlich einen Schlussstrich zu ziehen". Eine Forderung, die bis heute periodisch wiederkehrt, zum Beispiel die 1998 vom Schriftsteller Martin Walser beklagte "Auschwitzkeule".

Beschwiegen und verdrängt wurde im öffentlichen wie im privaten Leben. Im Osten wie im Westen. In beiden deutschen Staaten wurden Mitläufer und das riesige Heer der ehemaligen NSDAP-Mitglieder rasch in die neuen Gesellschaftsordnungen integriert.

Oft konnten gar diejenigen, die schon unter Hitler Karriere gemacht hatten und überzeugte Nationalsozialisten gewesen waren, erneut in Amt und Würden kommen.

In der jungen Bundesrepublik glaubte man, ohne das Wissen der alten, belasteten Fachleute sei kein neuer Staat zu machen, sei die Wirtschaft nicht wiederaufzubauen und hätte man kein Personal für die neue Bundeswehr, die im Kalten Krieg so dringend gegen die kommunistische Gefahr gebraucht wurde.

Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen verlief schleppend. Vielfach wurden Untersuchungen eingestellt oder verliefen ergebnislos. Erst mit den Frankfurter Auschwitzprozessen der 1960er Jahre, in denen Mitglieder des Lagerpersonals vor dem Richter standen, begann zögerlich eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Prozess gegen die ehemaligen SS-Angehörigen und Bewacher des früheren Konzentrationslagers Auschwitz (1964)

Erst dank der Auschwitzprozesse dachten viele zurück

Persönliche Verdrängung

Auch in den Familien wurde geschwiegen. Die weitergegebenen und erzählten Erinnerungen an den Nationalsozialismus und den Krieg kreisten um Themen wie Erfahrungen in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel, den Bombenkrieg und die Flucht gegen Ende des Krieges.

Erinnerungen an die Judenverfolgung wurden hingegen verdrängt ("wir haben das alles nicht gewusst"). Manch ehemaliger Volksgenosse verschwieg lieber ganz sein aktives Mittun oder die Tatsache, dass er sich an den enteigneten Besitztümern der Juden bereichert hatte.

Und so genau wollten es auch die Töchter und Söhne der Nachkriegsgeneration nicht wissen.

Ein Kind aus der Hitler Jugend trommelt.

Kinder in der Hitler-Jugend: Opfer der Zeit?

Der Beginn einer Erinnerungskultur

Wenngleich seit den 1970er Jahren Schulen und andere Bildungseinrichtungen, die Medien und die Forschung die Kenntnisse über den Holocaust vertieft haben und heute mehr Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus vorhanden ist, so scheuen sich doch auch heute noch viele, genau nach dem Verhalten der Eltern und Großeltern zu fragen.

Was sich aber durchgesetzt hat, ist eine öffentliche Erinnerungskultur, sind Institutionen, die sich um die deutsch-jüdische Geschichte kümmern, die über 50 Jahre nach Kriegsende Zeitzeugen befragen, Zeugnisse und Quellen suchen und die Geschichte dokumentieren.

Autorin: Gabriele Trost

Stand: 16.07.2018, 09:24

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