Diskussionen um "Mein Kampf"

Aufgeschlagenes Buch "Mein Kampf".

Adolf Hitler

Diskussionen um "Mein Kampf"

70 Jahre nach Hitlers Todesjahr darf sein Buch "Mein Kampf" in Deutschland wieder legal gedruckt werden. Im Januar 2016 brauchte das Institut für Zeitgeschichte in München eine kommentierte kritische Ausgabe heraus. Damit sind nicht alle einverstanden.

Urheberrechte laufen aus

Nach Kriegsende und Adolf Hitlers Selbstmord gingen seine Besitztümer an den Freistaat Bayern über – und damit auch die Nutzungsrechte für das Buch "Mein Kampf". Dessen Nachdruck verbot das Land. 70 Jahre nach dem Tod eines Autors endet der Urheberschutz allerdings, in Hitlers Fall also Ende 2015. Seitdem kann theoretisch jeder "Mein Kampf" drucken und verkaufen.

Um zu verhindern, dass kommerzielle Verlage und Rechtsradikale ein Geschäft mit Hitlers Buch machen, unterstützte der bayerische Landtag das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München mit einer halben Million Euro dabei, eine wissenschaftlich kommentierte Fassung herauszubringen.

Doch Ende 2013 stellte sich die bayerische Landesregierung überraschend doch noch gegen den einstimmigen Landtagsbeschluss, weil sie einen Rufschaden für Deutschland fürchtete. Das bedeutet: Wer nach dem 31. Dezember 2015 "Mein Kampf" veröffentlicht, kann das zwar immer noch tun, riskiert aber eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

Das IfZ ist davon nicht betroffen: Die bayerische Regierung will nur solche Verleger verklagen, die Hitlers Schrift unkommentiert herausgeben. Das Institut blieb deswegen bei seinem Plan, die kommentierte Fassung nach Ablauf des Urheberrechts zu veröffentlichen. Es musste auch die halbe Million Euro, mit der Bayern das Projekt gefördert hatte, nicht zurückzahlen.

Veröffentlichen oder nicht?

Dass der Nachdruck von Hitlers Buch in Deutschland so lange verboten gewesen sei, sei ein Fehler, meint unter anderem Barbara Zehnpfennig, Politik-Professorin an der Universität Passau und Autorin zweier "Mein Kampf"-Kommentare: "Dadurch, dass man dieses eine Buch so völlig anders als alle anderen problematischen Bücher behandelt, verschafft man ihm ein übermäßiges Interesse."

In einer Demokratie seien derart "bevormundende Maßnahmen" eigentlich nicht vorgesehen, so Zehnpfennig weiter. Außerdem würden alle ideologischen Hetzschriften von linker Seite, beispielsweise von Lenin und Stalin, grundsätzlich kommentarlos publiziert. "Hier traut man dem Leser also zu, sich selbst ein Urteil zu bilden."

Dr. Barbara Zehnpfennig.

Dr. Barbara Zehnpfennig ist Professorin an der Universität Passau

Erst Verbot, nun Entmystifizierung

Die bayerische Landesregierung sieht das mittlerweile anders – nachdem sie einer kommentierten Neuauflage zunächst zugestimmt hatte. Grund sei der Israel-Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer im Jahr 2012 gewesen, auf dem Politiker bis hin zu Staatspräsident Schimon Peres und auch KZ-Überlebende Einspruch gegen eine staatliche Hitler-Neuausgabe erhoben hätten, so Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Warum die Regierung erst ein Jahr später reagierte, bleibt offen und wurde von der Opposition kritisiert. Noch 2012 hatte der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) erklärt, das Ziel der Veröffentlichung sei die Entmystifizierung von "Mein Kampf". Die Kehrtwende der Landesregierung im Dezember 2013 kam daher für viele überraschend, zumal schon Steuergelder an das IfZ geflossen waren.

Außenansicht Buch "Mein Kampf".

Eine seltene Bernstein-Ausgabe von "Mein Kampf"

Fünf Wissenschaftler untersuchen "Mein Kampf"

"Wir wissen, dass wir uns als Wissenschaftler nicht im luftleeren Raum bewegen und wir stellen uns jeglicher Diskussion", sagt Simone Paulmichl, Sprecherin des IfZ, das mittlerweile die kommentierte Fassung herausgegeben hat. "Natürlich ist dieses Buch nicht irgendein Buch. Insofern ist es völlig nachvollziehbar, dass unser Projekt aus dem Umfeld von Holocaust-Überlebenden mit großer Sorge verfolgt wird."

Simone Paulmichl.

Simone Paulmichl ist Sprecherin des Instituts für Zeitgeschichte

Deswegen versuche das IfZ, größtmögliche Transparenz herzustellen und zu erklären, was die Zielsetzung der kommentierten Fassung sei: "ein wissenschaftlich hochprofessionelles, solides Werk" anzubieten, das den Lesern und der Wissenschaft neue Erkenntnisse über eine zentrale Quelle des Nationalsozialismus bringe. "Wir haben den Ehrgeiz, dass wir ein Referenzwerk schaffen, an dem sich alle anderen, die auf den Markt kommen, messen lassen müssen."

Fünf Wissenschaftler und mehrere Hilfskräfte untersuchten von 2012 bis 2015 unter der Leitung des Historikers Dr. Christian Hartmann "Mein Kampf" Satz für Satz, um jedem Kapitel eine ausführliche Einleitung voranzustellen und einzelne Passagen mit Fußnoten einzuordnen.

Außerdem war eine Reihe von weiteren Wissenschaftlern, die keine Historiker sind, in das Projekt eingebunden. "Bei manchen von Hitlers Thesen ist es sehr hilfreich, andere wissenschaftliche Disziplinen heranzuziehen. So kann man beispielsweise das rassistische Weltbild von Hitler mit seiner vermeintlich naturwissenschaftlichen Untermauerung sehr gut von einem Biologen untersuchen lassen", erklärt Paulmichl.

Kritik an der kommentierten Fassung

Doch hat sich dieses Großprojekt, in das Steuergelder geflossen sind, überhaupt gelohnt? Manche Historiker kritisierten das Editionsvorhaben in München. Der Berliner Historiker Wolfgang Benz zum Beispiel schrieb in einem Gastbeitrag im "Tagesspiegel":

"Das Buch enthält nicht den Masterplan der Hitler-Diktatur und bringt weder Aufschluss über die Intention zum Judenmord noch zur Realisierung des Holocaust. (…) Das Bedürfnis, den Text in voller Länge zu konsumieren, legt sich meist nach der Lektüre etlicher Passagen, dann lähmt Langeweile weitere Neugier.

Der notwendigen Aufklärung ist Genüge getan, wenn sich jeder Interessierte vom Wortlaut der Sprache, der Diktion und vom Geist des Ideologen Hitler selbst überzeugen kann. Dazu reichen Auszüge mit Erläuterungen."

Hitler liest Zeitung.

Hitler liest die Tageszeitung

In München sieht man das anders: "Natürlich gibt es Passagen, die sehr banal und schwülstig sind, sodass man sich fast zum Weiterlesen zwingen muss. Nichtsdestotrotz finden sich im Buch bereits sehr klare programmatische Aussagen, die später in der NS-Diktatur mit brutaler Konsequenz in die Tat umgesetzt wurden", sagt Simone Paulmichl vom IfZ.

"Logisch konstruierte Weltanschauung"

Politik-Professorin Barbara Zehnpfennig warnt ebenfalls davor, "Mein Kampf" zu unterschätzen. "Es finden sich darin eine logisch konstruierte Weltanschauung und ein darauf aufbauendes politisches Programm, das Hitler dann weitgehend abgearbeitet hat.

Die Weltanschauung ist bewusst komplementär zur marxistischen angelegt, und sie ist in der Tat der Schlüssel zu seiner praktischen Politik." Insofern sei es geradezu unverzeihlich, dass man der ideologischen Seite von Hitlers Herrschaft immer nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe und sie durch den Vorwurf der Banalität weiterhin völlig untergewichtig behandle.

"Hitler war ein besessener Leser, und er war durchaus intelligent. Da er aber nicht gebildet war, hat er die Informationen, die er gesammelt hat, nach eigenem Gutdünken zusammengefügt. Er hat also seinem Ressentiment freien Lauf gelassen und von daher nicht Erkenntnis, sondern Ideologie produziert", sagt Zehnpfennig.

In "Mein Kampf" beschreibt Hitler detailliert seine künftige Außenpolitik, deren Ziel es war, in Osteuropa und der Sowjetunion "Lebensraum" für das deutsche Volk zu erobern. Außerdem skizziert Hitler bereits sein antijüdisches Programm.

Über zwölf Millionen Exemplare

Adolf Hitler schrieb den ersten Band von "Mein Kampf" 1924 im Gefängnis. Am 8. und 9. November 1923 hatten er und seine Anhänger in München mit einem Putsch versucht, die Macht an sich zu reißen. Die Aktion scheiterte und Hitler wurde wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.

Hitlers Gefängniszelle.

In seiner Gefängniszelle schrieb Hitler "Mein Kampf"

Schon Ende 1924 kam er jedoch wieder frei. 1925 erschien der erste Band von "Mein Kampf", 1926 der zweite – insgesamt knapp 800 Seiten. Über zwölf Millionen Mal wurde "Mein Kampf" zwischen seinem Erscheinen und dem Ende der Nazi-Herrschaft gedruckt.

Autorinnen: Irina Fernandes/Mareike Potjans

Stand: 30.11.2017, 10:00

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