Was ist der Gulag?

Verlassenes Straflager Gulag (1993)

Stalin

Was ist der Gulag?

Der stalinistische Gulag

Der Gulag ist keine Erfindung Stalins. Bereits Lenin ordnete an, "die Klassenfeinde der Sowjetrepublik in Konzentrationslagern zu isolieren", um sie auf diese Weise auszuschalten. Doch unter Stalins Herrschaft breitete sich das System Gulag wie eine Epidemie flächendeckend über das riesige Territorium der UdSSR aus.

Wer unter die Räder des stalinistischen Massenterrors geriet und nicht liquidiert wurde, der verschwand meist für Jahre oder Jahrzehnte in einem der gefürchteten Straflager. Viele der Opfer kehrten nie zurück.

476 Lagerkomplexe mit Tausenden Einzellagern, in denen jeweils bis zu mehrere Tausend Menschen lebten, umfasste der Gulag in seiner größten Ausdehnung. Die amerikanische Journalistin und Gulag-Expertin Anne Applebaum hat in jahrelangen Recherchen ermittelt, dass von 1929 bis zu Stalins Tod 1953 18 Millionen Menschen in sowjetischen Zwangsarbeitslagern interniert waren.

Viereinhalb Millionen von ihnen starben an Unterernährung, an Erschöpfung, durch Erfrieren, an Krankheiten und an den Folgen drakonischer Strafen. Erst der Tod des Diktators führte zur Auflösung des stalinistischen Gulag.

Zeichnung des Gulag Workuta: Ein paar Häuser, die in der Einöde stehen, sind von Stacheldrahtzäunen umgeben.

Eines von Tausenden Einzellagern: der Gulag Workuta

"Der Archipel Gulag"

Der ehemalige Häftling und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn legte 1974 ein erschütterndes Zeugnis von der menschenverachtenden Maschinerie des Gulag ab. Sein Werk "Archipel Gulag" beschreibt die stalinistischen Lager als Inseln der Unmenschlichkeit, Unterdrückung und Vernichtung, geschlossene Räume mit eigenen Regeln und Gesetzen.

Das Buch erlangte damals weltweit Aufmerksamkeit und lenkte den Blick auf das stalinistische Unterdrückungssystem, sehr zum Unwillen der sowjetischen Nomenklatura.

Die Häftlinge selbst sprachen vom Prinzip "Fleischwolf", berichtet Anne Applebaum: von Verhaftung, Verhör, Zerstörung der Familien, Deportation in ungeheizten Viehwaggons, Zwangsarbeit und Verbannung und von einem frühen Tod. Solschenizyn beschreibt die fein abgestuften Rangordnungen im Lager und die perfiden Mechanismen der Unterdrückung – der Gulag als System, das die internierten Menschen ihrer Würde beraubte.

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn.

Alexander Solschenizyn saß als Häftling im Gulag

Wirtschaftsfaktor Gulag

Neben dem erklärten Ziel der Internierung von Millionen unschuldiger politischer Häftlinge ging Stalin von der irrigen Annahme aus, der Gulag sei für das sowjetische Wirtschaftswachstum unentbehrlich. Die Häftlinge sollten die Industrialisierung der Sowjetunion vorantreiben, Bodenschätze ausbeuten und den lebensfeindlichen sibirischen Norden erschließen. Die Strafgefangenen wurden in riesigen Straßenbauprojekten verheizt, sie schürften Gold, förderten Kohle und Erze und rodeten ganze Wälder.

Nach Stalins Tod 1953 wurde offenkundig, dass der Gulag ein höchst ineffizientes und unwirtschaftliches Unterdrückungssystem war, das nicht nur Millionen Menschenleben zerstörte, sondern auch die Sowjetunion Millionen an Investitionen kostete. Das System Gulag hatte die wirtschaftliche und politische Rückständigkeit des Staates sogar zementiert.

Schwarzweiß-Foto: Zwangsarbeiter im Steinbruch

Zwangsarbeit im Steinbruch

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 10.10.2018, 14:00

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