Sibirien

Blick auf die schneebedeckten sibirischen Alpen.

Asien

Sibirien

Von Rolf Stephan, Cordula Weinzierl

Mit einer Größe von mehr als zehn Millionen Quadratkilometern ist Sibirien größer als jedes andere Land der Erde. 7000 Kilometer zieht es sich von Ost nach West, 3500 Kilometer von Nord nach Süd. Das riesenhafte Gebiet unterteilt sich in mehrere Vegetationszonen: arktische Kältewüste, Tundra, Taiga und Steppe. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt circa null Grad Celsius. Sibirien ist also ein Land der Superlative - unendlich weit, unvorstellbar kalt, voller Bodenschätze und interessanter Menschen.

Die Eroberung Sibiriens

Luftbild von einem Wald, neben dem ein Fluss fließt, der eine weite Sandfläche freigelegt hat.

Das Land hinter dem Ural versprach große Reichtümer

Sibiriens Geschichte ist geprägt von Besiedlungen und Eroberungen durch Stämme unterschiedlicher Herkunft. Darunter Sibirische Turkvölker wie die Tataren. Seit dem 13. Jahrhundert dominierten die Mongolen weite Teile Sibiriens. Ganz im Westen der Region liegt das Khanat "Sibir", das der Region bis heute ihren Namen gibt. "Sibir" heißt übersetzt die "Schlafende". Aber zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist es aus und vorbei mit dem Schlaf des riesigen Landes östlich des Urals. Zu groß sind die Versuchungen, sich die vielfältigen Schätze und Reichtümer des Landes einzuverleiben.

Eine zentrale Rolle bei der Eroberung Sibiriens spielen die Kosaken, die Ende des 16. Jahrhunderts begannen im Auftrag des russischen Handelsimperiums Stroganov das Land hinter dem Ural zu erobern. Die Stroganovs haben ihren Reichtum mit Salz gemacht und vom russischen Zaren einen Freibrief für die Expansion nach Sibirien bekommen. Die angestammten Bewohner wehren sich jedoch gegen die Eindringlinge, bis die Kosaken unter ihrem Hauptmann Jermak 1582 das Khanat Sibir vernichtend schlagen.

Schon Ende des 16. Jahrhunderts existieren befestigte Ortschaften bis zu den Flüssen Ob und Irtysch. Abenteurer, Kaufleute, Kriminelle, aber auch schon erste Bauern ziehen bald in das weite Land. Allen voran die Kosaken. Trotz widriger Umstände bewältigen sie die 7000 Kilometer bis an die Pazifikküste innerhalb von nur zwei Generationen.

Verbannungsort für Strafgefangene

Neben den Russen, die freiwillig nach Sibirien ziehen, werden auch Millionen Menschen unter Zwang nach Sibirien geschickt. Sie erwartet dort extreme Klimaverhältnisse: im Sommer große Hitze mit blutsaugenden Mückenschwärmen und arktische Kälte im Winter.

Sibirien ist reich an Bodenschätzen. Die Sträflinge sind die billigste Möglichkeit, die verschiedenen Vorkommen des Landes auszubeuten. Unter furchtbaren Strapazen und unglaublichem Leid schuften die Verbannten, bauen Straßen, hauen Kohle, brechen Steine. Wie viele an Erschöpfung, Unterernährung oder durch Kugeln ihrer Peiniger sterben, weiß bis heute keiner. Fliehen ist so gut wie unmöglich. Wer es dennoch probiert, setzt sich grausamen Strafen aus.

Was unter den Zaren zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann, entwickelt sich unter der Gewaltherrschaft Stalins (1878-1953) in bitterer Brutalität weiter. Die Gulags (Glavnoe Upravlenie Lagerej = Hauptverwaltung der Arbeitslager) werden zum Inbegriff des sowjetischen Zwangsarbeitersystems und Unterdrückungsapparates. In der Stalin-Ära - von 1930 bis 1953 - waren in den Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert.

Ruine eines hölzernen Wachturms mit verrottendem Stacheldrahtzaun in einer verschneiten Landschaft.

Die Gulags lagen meist in der Einöde

Zusätzlich waren in den letzten Jahren Stalins rund sechs Millionen Menschen als "Sondersiedler" oder "Arbeitssiedler" in die sibirische Verbannung geschickt worden. Nur wenige Gefangene kehren aus den Arbeitslagern zurück. Mehr als 2,7 Millionen sterben dort oder in der Verbannung..

Nach Stalins Tod wird der Bau der Lager eingestellt und rund die Hälfte der Häftlinge (etwa 1,2 Millionen) werden amnestiert und freigelassen. Arbeitslager gibt es jedoch auch weiterhin unter anderem für "Konterrevolutionäre", für die die Amnestie nicht gilt. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 endet die Zeit der sowjetischen Arbeitslager.

Noch heute, mehr als 30 Jahre nach Ende der Sowjetzeit, tut man sich mit der Aufarbeitung der russischen Straflagervergangenheit schwer. Zwar wurden mittlerweile in vielen Orten durch lokale Initiativen Denkmäler errichtet, die an die Opfer des Terrors und der Repression erinnern. In einem der Lager im Ural ist das Gulag-Museum „Perm-36“ entstanden, aber die historische Forschung erhält nur wenig Unterstützung von offizieller Seite.

Sibiriens Reichtümer – Tierwelt und Bodenschätze

Zu Beginn der russischen Kolonisierung war vor allem der Tierreichtum Sibiriens der große Schatz. Um an ihr Fell zu kommen werden Nerze, Füchse, Rehwild, Bären oder andere Pelztiere erbarmungslos gejagt. Die russische Hauptverwaltung verlangt schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Pelzsteuer. Es ist die erste große Ausbeutungsmaßnahme, die das gigantische Land in aller Härte trifft. Ende des 18. Jahrhunderts wird diese Steuer wieder abgeschafft: Es gibt kaum noch Tiere, die gejagt werden können.

Der Kopf eines mächtigen Sibirischen Tigers, der in einem verschneiten Wald Richtung Kamera schaut.

Der Sibirische Tiger wird nach wie vor gewildert

Neben der wertvollen Fauna besitzt Sibirien unermessliche Rohstoffvorkommen: Kohle, Gold, Platin, Diamanten, Erdöl, Erdgas, Eisen und andere Erze werden gefunden und die Lagerstätten rigoros ausgebeutet. Und auch der größte zusammenhängende Waldgürtel der Erde liegt in der sibirischen Taiga. Mit modernsten Maschinen wird dieser Naturschatz rücksichtslos abgeholzt. Das Ausmaß der dadurch entstehenden Umweltprobleme ist kaum zu beziffern.

Inzwischen profitieren auch die Bewohner Sibiriens von der Ausbeutung ihres Landes. Zwar gehen die großen Gewinne immer noch nach Moskau und viele der weit über das Land versprengten Ureinwohner sind arm, aber vor allem in den um die Rohstofflager liegenden Städten steigt der Wohlstand der Bevölkerung langsam an.

Sibiriens Klima – Extreme Temperaturunterschiede

Luftaufnahme der sibirischen Großstadt Jakutsk.

In Jakutsk reichen die Temperaturen von minus 50 bis über plus 30 Grad Celsius

Sibirien ist ein Land großer Kälte, das Klima beherrscht in großen Teilen den Alltag. Ojmjakon in Nordostsibirien gilt als der absolute Kältepol der Erde. Die Menschen dort müssen im Winter bis zu 70 Grad unter Null ertragen. Die Wäsche gefriert sofort auf der Leine. Milch wird in Blöcken geliefert und nach Bedarf abgehackt und erhitzt. Um zu fischen, muss man ein Loch in meterdickes Eis hauen. Ein sibirisches Sprichwort sagt: "Bei uns ist es neun Monate im Jahr kalt und drei Monate saukalt."

Aber Kälte ist nur die eine Seite des sibirischen Klimas. In den Sommermonaten kann es auch extrem heiß werden. Jakutsk zum Beispiel ist die einzige Großstadt der Welt, die mit Temperaturdifferenzen von über 80 Grad Celsius klarkommen muss. Im Winter fällt das Thermometer bis minus 50 Grad, im Sommer dagegen herrschen öfter plus 30 Grad Celsius.

Ein nerviger Nebenaspekt der sommerlichen Schwüle sind die riesigen Mückenschwärme, die den Himmel verdunkeln können wie Gewitterwolken. Wer sie einmal erlebt hat, wird die Blutsauger nicht mehr vergessen.

SWR | Stand: 28.05.2020, 14:00

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