Alltag in der Kälte

Nahaufnahme eines Mannes, der so in Mütze und Schal eingepackt ist, dass nur noch ein Schlitz für die Augen frei ist.

Sibirien

Alltag in der Kälte

Sibirien ist der Ort der Kälterekorde. Reinhardt Wurzel hat ungewöhnliche Beobachtungen gemacht und Phänomene am eigenen Leibe erfahren und dazu spannende Notizen erstellt.

Beobachtungen aus Sibirien

  • Die Motoren der Autos laufen von Oktober bis April pausenlos Tag und Nacht. Im Stillstand würden sie einfrieren.
  • Alle Autoscheiben sind doppelverglast.
  • Die Atemwolken sind sehr groß. Der Dampf in ihnen gefriert knisternd. Die Einheimischen nennen das Geräusch "Sibirisches Sternflüstern".
  • Digitale Fototechnik versagt leicht wegen des sich im Innern der Geräte bildenden Kondensationswassers. Filmen und Fotografieren wird zur technischen Herausforderung.
  • Bloße Hände können nur zwei Minuten der Kälte ausgesetzt werden - sonst drohen Erfrierungen. Auch Füße und Ohrläppchen sind gefährdet.
  • Bloße Haut klebt sofort an Metall fest.
  • Die extreme Kälte ist eine Gefahr für die Lungenbläschen.
  • Die Kälte setzt auch dem Zahnschmelz zu - er nimmt über Jahre hinweg schneller ab als bei normalen Temperaturen.
  • Milch wird in gefrorenen Blöcken zum Verkauf angeboten.
  • Fische werden gefangen und gefrieren sogleich zu steinharten Eisblöcken.
  • Beim Laufen auf Schnee knirscht es wie beim Gang über zersplittertes Glas.
  • Reifen und Gummisohlen quietschen in dieser Kälte stärker.
  • Über dem Kältepol herrscht von Herbst bis Frühjahr eine Dauerhochdruck-Schönwetterzone.
  • Der weltweit höchste Luftdruck wird im Winter in Zentralsibirien erreicht.
  • Thermometer vor Ort können bis minus 75 Grad anzeigen.
  • Zugefrorene Flüsse werden als Verkehrsstraßen genutzt und mit entsprechender Beschilderung versehen, denn sie frieren mit circa vier Meter dickem Eis zu.
  • Fahrzeuge brauchen Spezialkraftstoffe, die bis minus 70 Grad flüssig bleiben.
  • In den Städten gibt es ein Phänomen namens Industrieschneefall - Dampf und Abgase aus den Schornsteinen gefrieren zu Kunstschnee.
  • Dauernebel mit Sichtweiten von 5 bis 50 Meter und Inversionswetterlage, das heißt mit steigender Höhe steigende Temperaturen, bestimmen das Wettergeschehen im Winter.
  • Nicht selten herrschen im Innern der dort üblichen Propellerflugzeuge beim Abflug minus 20 Grad.
  • Wodka wird gerne als psychologisches Wärmemittel eingesetzt.
  • Alkohol wird zur Langeweile-Droge während der neun Monate Winterzeit.
  • Im Winter sind viele Arbeiten unmöglich, deshalb werden im Sommer bis zu 18 Stunden pro Tag gearbeitet.
  • Holz und Kohle sind die einzigen Brennmaterialien in den Dörfern am Kältepol.
  • Draußen aufgehängte Wäsche wird zum steinhart gefrorenen Brett.
  • Im kältesten Dorf der Welt gibt es kein fließendes Wasser.
  • Im Stangenklo vor der Tür wachsen Stalaktiten aus Eis. Der Toilettengang wird zum täglichen Horrortrip.
  • Heizungssysteme laufen oberirdisch von Haus zu Haus. Heizungen dürfen niemals lange allein gelassen werden. Wenn sie ausgehen, gefrieren und platzen die Leitungen.
  • Auf Brillengläser bildet sich immer wieder eine zentimeterdicke Raureifschicht.
  • Akkus und Batterien versagen in Minutenschnelle.
  • In die Höhe geschleudertes heißes Wasser verdampft explosionsartig zu einer Wolke aus Schnee und Eis.
Die Fontäne einer Sektflasche spritzt in die Höhe und noch in der Luft ist der Sekt zu Schnee gefroren

"Sektkorken knallen lassen" auf Sibirisch

  • Eine Flasche Sekt zerstäubt nach dem Köpfen explosionsartig zu einer Wolke von Eiskristallen.
  • Kabel werden bei der Kälte spröde und brechen bei Belastung.
  • Stehendes Motoröl wird zu einer festen, bernsteinartigen Masse.
  • Ein rohes Ei wird in der Kälte zum "Gipsei".
  • Die Einheimischen kleiden sich nach dem Zwiebelprinzip mindestens vierschichtig. Kinder muten an wie vermummte Puschelbären.
  • In der regionalen Küche sind Pferdefleisch und rohe Pferdeleber nahrhafte Spezialitäten.
  • Im Sommer versinkt Sibirien in Schlamm und Tauwasser. Damit Gebäude auf dem aufgetauten Untergrund nicht ins Kippen geraten, sind sie mit Betonpfählen im Permafrost verankert. Er reicht von 40 Zentimeter bis 600 Meter Tiefe.
  • Schüler bekommen ab minus 54 Grad kältefrei.
  • Klimatisch gesehen dauern Frühling, Sommer, Herbst zusammen nur drei Monate - neun Monate sind dem Winter vorbehalten.
  • Neben den zugefrorenen Flussstraßen gibt es noch Trassen durch die Taiga, die aber oft lebensgefährlich sind. Autofahrten werden nur im Konvoi unternommen.
  • Nachts ist es in der Taiga absolut still und man blickt in einen dunstfreien, tiefdunklen Sternenhimmel. Häufig sieht man Polarlichter.

Autor: Reinhardt Wurzel

Stand: 16.07.2015, 12:00

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