Die "Buddenbrooks" - Dichtung und Wahrheit

Thomas Mann

Die "Buddenbrooks" - Dichtung und Wahrheit

Düsterer kann eine Familiengeschichte kaum ausfallen: Das stolze Patriziergeschlecht der Buddenbrooks, im Getreidehandel zu Geld und Macht gelangt, wird binnen dreier Generationen fast vollständig ausgelöscht. Lange zögert Thomas Manns Verleger, bevor er das Buch 1901 in den Druck gibt, doch Kritik wie Leser sind schnell begeistert. Nur in Lübeck, wo der Roman spielt, fühlt man sich von der bedrückenden Verfallsgeschichte beleidigt. Ob zu Recht oder nicht - diese Frage führt direkt hinein in die Geheimnisse der Mann‘schen Schreibwerkstatt.

Aus der Schmach Literatur machen

Klassizistisches weißes dreistöckiges Haus mit geschwungenem Giebel, eingepasst in eine Reihe Backsteinhäuser.

Klassizistisches weißes dreistöckiges Haus mit geschwungenem Giebel, eingepasst in eine Reihe Backsteinhäuser.

1894, gerade 19-jährig, verlässt Thomas Mann die Enge seiner Vaterstadt Lübeck. Nach München zieht es ihn, in Deutschlands Kulturmetropole ganz im Süden. Drei Jahre zuvor ist sein Vater gestorben; die elterliche Firma, ein Getreidegroßhandel, ist verkauft, die Mutter und die vier Geschwister haben sich ebenfalls in München niedergelassen.

Schwarzweiß-Foto: Zwei Jungen - Heinrich links sitzend, Thomas in der Mitte im Matrosenanzug stehend - und zwei kleinere Mädchen im Kleid.

Thomas mit seinen Geschwistern

Dass die einst stolze Mann-Dynastie in so kurzer Zeit einen so eindeutigen Abstieg hingelegt hat - die Söhne unfähig, die Firma weiterzuführen, der junge Thomas nicht einmal in der Lage, das Abitur zu bestehen: Das ist in der ehrwürdigen Patrizierstadt natürlich registriert und eifrig bespöttelt worden. Eine Kränkung für Thomas Mann - aber er ahnt schon, wie er sich behaupten kann: als Literat. Immerhin haben ein paar Literaturzeitschriften seine ersten Schreibversuche schon bereitwillig gedruckt. 1897, auf einer ausgedehnten Italienreise mit seinem Bruder Heinrich, setzt Thomas schließlich zur Rache an: Er beginnt die Arbeit an den "Buddenbrooks", für viele eine kaum verhüllte Schilderung des eigenen Familienschicksals.

Rache am Testamentsvollstrecker

Rache - ist das nicht ein allzu simples Motiv für 1000 Seiten dichterisches Kopfzerbrechen, für drei Jahre disziplinierte Kleinarbeit? Für die Lübecker liegt das damals aber durchaus nahe. Offensichtliches Beispiel: die durch und durch unsympathische Romanfigur Stephan Kistenmaker - in den "Buddenbrooks" bringt er als glückloser Testamentsvollstrecker die Nachkommen des verstorbenen Firmenchefs um einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens.

Ganz ähnlich hat es sich bei der Familie Mann zugetragen: Ihr hochherrschaftliches Wohnhaus in der Beckergrube (im Roman die "Fischergrube"), beim Bau spektakuläre 120.000 Reichsmark wert, bringt kaum zehn Jahre später nur noch 70.000 Reichsmark ein - in den Augen der Manns die Schuld des Testamentsvollstreckers. Der heißt in Wirklichkeit zwar Krafft Tesdorpf, sieht aber ganz ähnlich aus wie der im Roman so boshaft geschilderte Stephan Kistenmaker:

Mehrstöckige alte Giebelhäuser, aus Backstein oder verputzt, an einem Fluss mit Segelbooten.

Hochherrschaftliches Lübeck: Bürgerhäuser an der Trave

"Er besaß einen rundgeschnittenen, ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse Nase. Seit einigen Jahren […] lebte er als Privatier; da er sich dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig, als habe er unüberwindlich viel zu tun. 'Ich reibe mich auf!' sagte er und strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere gewellten Scheitel. […]. Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse, ohne dort das Geringste zu suchen zu haben."

Der Wirklichkeit auf die Schliche kommen: Lübecks Listen

Bei so detaillierten Personenbeschreibungen kommt es, wie es kommen muss: Bald kursieren in Lübeck Listen, auf denen jede Romanfigur ihrem Vorbild in der Realität zugeordnet wird - vom Angestellten im Kontor über den Pastor bis zum Zahnarzt. Eine Lübecker Buchhandlung leiht die Listen sogar an ihre Kunden aus. Da hilft es natürlich wenig, dass Lübeck im Roman nie explizit genannt wird - und schon gar nicht helfen Thomas Manns Beteuerungen von 1906, es handle sich nur um die "Äußerungen eines Künstlers", dessen Freiheit man nicht stören möge "mit Klatsch und Schmähungen".

Dabei sind die "Buddenbrooks" ein gelungenes Beispiel dafür, wie ausgiebig sich Thomas Mann zwar von der Wirklichkeit inspirieren lässt, wie konsequent er dann aber doch seiner Vorlage beim Schreiben einen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Und gerade diese Abweichungen sind es, die am meisten über den Roman aussagen.

Alles, nur kein Zwilling: Thomas Buddenbrooks Vorbild in der Realität

Die Figur des Thomas Buddenbrook etwa, letzter Chef der Firma, wird oft als getreues Abbild von Manns eigenem Vater Thomas Johann Heinrich Mann gesehen. Doch der hätte sich wohl energisch gegen diese Zuschreibung verwehrt. Im Roman fällt es Thomas Buddenbrook zunehmend schwer, seinen Geschäftspflichten genüge zu tun. Mit viel Disziplin hält er die Fassade des vornehmen Firmeninhabers aufrecht, aber innerlich fühlt er sich mit nur 42 Jahren als "ermatteter Mann".

Mit einem neumodischen Spekulationsgeschäft reitet er sich noch tiefer ins Unglück: Er kauft eine erst im Wachsen begriffene Getreideernte zum halben Preis. Als Hagel das Feld zerstört, geht er leer aus. Die alte Maxime der Buddenbrooks - "Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können" - hat er verletzt und sieht den Verlust am Ende als gerechte Strafe. Sein Versuch, mit der Zeit zu gehen, auf Risiko zu spielen, hat die traditionsreiche Firma ruiniert.

Geschwungene Inschrift 'dominus providebit / Anno 1758' auf dem weißen Türsturz des Buddenbrook-Hauses.

"Der Herr wird vorsorgen": Inschrift am Buddenbrookhaus

Der Vater Thomas Manns kennt solche Skrupel nicht. Spekulationsgeschäften keinesfalls abgeneigt, gehört er unter den Lübecker Kaufleuten zu den Anwälten des Fortschritts: Er begrüßt den Ausbau der Eisenbahn, setzt sich für die Vertiefung des Flusses Trave und für die Vergrößerung des Hafens ein, kurz: Er tut alles, um dem altehrwürdigen Lübeck den Weg in die Industriemoderne zu ebnen. Ein zupackender Firmenchef, dessen Tod 1891 sich nicht - wie bei Thomas Buddenbrook - lange angekündigt hat, sondern ziemlich plötzlich kommt.

Lübeck als Postkarte und Problemfall

Der Unterschied zwischen Roman und Realität zeigt, was Thomas Mann im Sinn hat. Ihm geht es nicht so sehr um eine Familien-, sondern um eine Verfallsgeschichte: eine Geschichte, in die er die um 1900 modischen Motive von Zivilisationsmüdigkeit und kulturellem Niedergang hineinweben kann - und mit der er subtil die Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeitgenossen kritisieren kann. Darin könnte denn auch der eigentliche Grund für die Entrüstung liegen: Das Bild Lübecks, das Thomas Mann zeichnet, ist kein postkartentaugliches Porträt voll Harmonie - sondern das Bild einer Stadt, in der Tradition und Gegenwart nur noch schwer miteinander zu versöhnen sind.

Mittelalterliches Backsteintor, links und rechts zwei große runde Türme mit Kupferdach, in der Mitte ein Durchlass.

Das mittelalterliche Holstentor hat überlebt

Den Lübecker Lesern dürfte das am ehesten bei den Beschreibungen ihrer eigenen Straßenzüge aufgefallen sein. Denn die haben sich zwischen 1835, dem Beginn der Romanhandlung, und 1901, dem Erscheinungsjahr des Buchs, deutlich geändert: Mittelalterliche Bauten wie das Katharinenkloster, die Gässchen um den Markt oder die gemütlich-geduckte Häuserfront am Hafen müssen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts protzigen Zweckbauten Platz machen - ein radikaler Modernisierungsversuch, der den allmählichen Bedeutungsverfall der Hansestadt am Ende doch nicht aufhalten kann. Der "Buddenbrooks"-Roman konfrontiert die Lübecker also auch mit einem Blick in die eigene verlorene Vergangenheit. Und manchen hat das vielleicht mehr geschmerzt, als er zugeben wollte.

Vom Buddenbrook-Fluch zum Buddenbrook-Adel

Immerhin: Ein halbes Jahrhundert später sind die Lübecker schließlich zur Versöhnung mit ihrem berühmten Sohn bereit. 1955 verleihen sie ihm die Ehrenbürgerwürde - und Thomas Mann nimmt sie gerne an: als späte Heimkehr in eine Vaterstadt, die er vor mehr als 60 Jahren als Gedemütigter verlassen musste. Allerdings wendet er sich in seiner Dankesansprache weniger an die Lübecker als an den eigenen Vater:

"Ich kann wohl sagen, sein Bild hat immer im Hintergrunde gestanden all meines Tuns, und immer habe ich es bedauert, daß ich ihm zu seinen Lebzeiten so wenig Hoffnung machen konnte, es möchte aus mir in der Welt noch irgend etwas Ansehnliches werden. Desto tiefer ist die Genugtuung, mit der es mich erfüllt, daß es mir gegönnt war, meiner Herkunft und dieser Stadt, wenn auch auf ausgefallene Weise, doch noch etwas Ehre zu machen."

In der Tat: auf ausgefallene Weise. Heutzutage ist man in Lübeck übrigens stolz darauf, wenn einer der Vorfahren im Roman eine Rolle spielt - und sei sie noch so undankbar. Man spricht dann augenzwinkernd vom "Buddenbrook-Adel".

Autor/in: Kerstin Hilt

Stand: 07.10.2014, 13:00

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