Willy Brandt

Porträtbild von Willy Brandt.

Persönlichkeiten

Willy Brandt

Sein Charisma verzauberte viele Deutsche: Willy Brandt. Der erste sozialdemokratische Kanzler Deutschlands kämpfte gegen die NS-Diktatur, trug als Bundeskanzler zu einer Entspannung der Ostpolitik bei und erhielt den Friedensnobelpreis.

Darum geht's:

  • Willy Brandt stammt aus der Arbeiterklasse und wird früh Sozialdemokrat.
  • Im Exil in Oslo will er das Hitlerregime bekämpfen.
  • Nach dem Krieg kehrt er nach Deutschland zurück: Er will Politik machen.
  • 1969 wird er der erste sozialdemokratische Kanzler.
  • 1971 erhält er den Friedensnobelpreis für seine Versöhnungspolitik.
  • Auch nach seinem Rücktritt 1974 bleibt Brandt Sozialdemokrat.

Konstruktives Misstrauensvotum

Deutschland steht still. Männer, Frauen und Kinder verfolgen die Auszählung der geheimen Abstimmung. Bleibt Bundeskanzler Willy Brandt im Amt? Es ist der 27. April 1972. Zum ersten Mal in der Geschichte der noch jungen Republik nutzen CDU und CSU ein sogenanntes konstruktives Misstrauensvotum.

Sie wollen den damaligen CDU-Fraktionsführer Rainer Barzel zum Kanzler küren und Willy Brandt – im Amt seit 1969 – stürzen. Brandts Ostpolitik, die das Verhältnis zwischen BRD und DDR normalisieren sollte, polarisiert. CDU und CSU sprechen vom "Ausverkauf deutscher Interessen". Einige darüber enttäuschte Abgeordnete der sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP wechseln zur Opposition. Brandts Regierungsmehrheit schrumpft.

Das konstruktive Misstrauensvotum bleibt aber erfolglos. Brandt nennt es einen "Rohrkrepierer". Die SPD-Abgeordneten im Bonner Plenarsaal jubeln. Da die sozialliberale Koalition aber wackelig ist, gibt es nur einen Ausweg: Neuwahlen.

Aus denen geht Willy Brandt gestärkt hervor. 91,1 Prozent aller Wahlberechtigen geben ihre Stimmen bei der Bundestagswahl 1972 ab. Mit 45,8 Prozent wird die SPD erstmals stärkste Fraktion im Bundestag – es ist ein historisches Ergebnis für die Sozialdemokraten und ein Triumph für Willy Brandt.

Rainer Barzel gratuliert Willy Brandt.

Gescheitert: Rainer Barzel muss Willy Brandt gratulieren

Erst Lübeck, dann Exil in Norwegen und Schweden

Bis zu diesem Tag ist es ein steiniger Weg für Willy Brandt. Seine Biografie unterscheidet sich deutlich von denen seiner Amtsvorgänger Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt-Georg Kiesinger (alle CDU).

Am 18. Dezember 1913 erblickt Willy Brandt als Herbert Ernst Karl Frahm das Licht der Welt. Er wächst in einem Lübecker Arbeiterviertel auf. Seinen Vater lernt er nie kennen. Erst kümmert sich seine Mutter um ihn. Dann pflegt ihn seine Nachbarin, später sein Großvater, den er "Papa" nennt. Bei ihm zieht er in eine sechs Quadratmeter große Dachkammer ein.

Mit 14 Jahren wird er Mitglied der sozialdemokratischen Kinderorganisation "Rote Falken", mit 16 Jahren tritt Frahm in die SPD ein. Seine Mitschüler nennen ihren talentierten Klassenkameraden schon "den Politiker". 1931 schließt er sich der von der SPD abgesplitterten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland (SAPD) an, einer linkssozialistischen Partei.

Nach Hitlers Machtergreifung wird die SAPD verboten. Der linke Parteiflügel arbeitet im Untergrund illegal weiter. Auch Herbert Frahm. Versteckt unter den Leinen eines Fischkutters flieht er als 19-Jähriger 1933 ins Exil nach Norwegen, um von dort den Kampf gegen das Hitlerregime zu organisieren und Gelder zu sammeln. Sein Tarnname: Willy Brandt.

Als er sich 1936 illegal in Berlin aufhält, reist er als norwegischer Student Gunner Gaasland. Artikel veröffentlicht er auch als Felix Frank und Felix Franke.

"Herbert Frahm verwandelt sich in den Jahren im Exil zu Willy Brandt, er lässt das Kind, das er war zurück, spaltet es ab", schreibt Thorsten Körner in seinem Buch "Die Familie Brandt". Brandt musste "zwischen seinen Identitäten lavieren und immer jene wählen, die den jeweiligen Behörden am wenigsten verdächtigt erscheint".

Willy Brandt 1933 im Exil in Oslo.

Willy Brandt 1933 im Exil in Oslo

"Hitler ist nicht Deutschland"

1938 verliert Brandt die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Nationalsozialisten bürgern ihn aus. Brandt wird 1940 Norweger, im Pass steht sein Geburtsname "Frahm". In späteren Wahlkämpfen wird seine Exilzeit in die Nähe eines Landesverrats gestellt. Auch Kanzler Konrad Adenauer wird ihn als "Brandt alias Frahm" bezeichnen.

Willy Brandt lässt Deutschland auch während seiner Exilzeit nicht los: Er beschäftigt sich intensiv mit dem Nationalsozialismus und Hitler. Eine Überschrift seiner journalistischen Arbeit in Norwegen lautet "Hitler ist nicht Deutschland".

Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen 1940 flieht Brandt nach Schweden. Als der Krieg vorbei ist, kehrt er zurück nach Deutschland. Zunächst berichtet er für skandinavische Zeitungen über die Kriegsverbrecher-Prozesse in Nürnberg. Dann entscheidet er sich, politische Karriere zu machen.

Brandt Anfang der 1940er-Jahre mit seiner Tochter Ninja

Brandt Anfang der 1940er-Jahre mit seiner Tochter Ninja

Nach drei Kandidaturen zum Kanzler gewählt

1948 wird Brandt wieder deutscher Staatsbürger, ab 1949 heißt er auch offiziell Willy Brandt. Im gleichen Jahr wird er Vertreter des SPD-Parteivorstands in Berlin. Als Regierender Bürgermeister von Berlin (1957-1966) wird er bekannt – doch bundespolitisch gilt Brandt zunächst noch "als politisch ahnungsloses, steuerbares Leichtgewicht", wie der Politikwissenschaftler Franz Walter urteilte.

Das ändert sich erst 1966. Dann folgt die nächste Stufe auf der Karriereleiter: Brandt wird Vizekanzler und Außenminister in der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. 1969 schafft es Brandt dann auch ins Kanzleramt. Nach drei Anläufen und zahlreichen Rückschlägen wird der "deutsche Kennedy" erster sozialdemokratischer Bundeskanzler – in einer Koalition mit der FDP.

Brandt verspricht Reformen in der Außen- und Innenpolitik. Der Bundestag beschließt in Brandts erster Amtszeit einstimmig, das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre zu senken, die Mitwirkungsrechte und der Schutz der Kinder in der Familie werden erhöht, Betriebsräte bekommen mehr Handlungsspielraum und das Bildungssystem wird reformiert.

Willy Brandt mit dem damaligen FDP-Vorsitzenden Walter Scheel.

Willy Brandt mit dem damaligen FDP-Vorsitzenden Walter Scheel vor Beginn der Koalitionsgespräche in Bonn

Internationale Anerkennung

"Aufgabe der Politik in den jetzt vor uns liegenden Jahren ist es, die Einheit der Nation dadurch zu wahren, dass das Verhältnis zwischen den Teilen Deutschlands aus der gegenwärtigen Verkrampfung gelöst wird", sagt Willy Brandt im Oktober 1969 in seiner Regierungserklärung.

In den sogenannten "Ostverträgen" erkennt die Bundesrepublik unter der Führung von Brandt und Außenminister Walter Scheel (FDP) die Grenze zur DDR und die Oder-Neiße-Grenze an. Am Tag der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages (7. Dezember 1970) legt Brandt einen Kranz am Ehrenmal des Warschauer Ghettos nieder. Er fällt einige Sekunden auf die Knie, verharrt in stiller Trauer – eine Geste, die um die Welt geht. Spontan und unkontrolliert sei sie gewesen, betont Brandt nachträglich.

Willy Brandt während des Kniefalls vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Ein historischer Moment

Brandts Ostpolitik wird auch im Ausland gefeiert. Das "Time"-Magazin kürt Willy Brandt zum "Man of the Year" 1970. 1971 erhält er sogar den Friedensnobelpreis. Die Begründung des Nobelpreis-Komitees: "Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt."

Bundeskanzler Brandt tritt am 6. Mai 1974 zurück. Er stürzt über die sogenannte Guillaume-Affäre. Kanzlerberater Günter Guillaume fliegt als DDR-Agent auf. Brandts Rücktritt kommt für viele überraschend.

Die Hintergründe des Rücktritts sind aber weitaus vielschichtiger. Es hat zunehmend wirtschaftliche Probleme gegeben: die Ölkrise mit ihren autofreien Sonntagen, Streiks in zahlreichen Branchen, steigende Arbeitslosigkeit. Auch in der Partei schrumpft der Rückhalt. Manche nennen Brandt nur noch "Willy Wolke", weil er abgehoben sei und sich aus dem politischen Alltagsgeschäft verabschiedet habe.

Ende der "Ära Brandt"

Nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler mischt Brandt weiter in der Weltpolitik mit. 1976 wird Brandt Vorsitzender der Sozialistischen Internationale (bis 1992), einem internationalen Zusammenschluss der Arbeiterbewegung. Von 1977 bis 1980 ist er Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission, einer Unabhängigen Kommission für internationale Entwicklungsfragen.

Auch in der deutschen Sozialdemokratie führt an ihm kein Weg vorbei. Bis 1987 bleibt er Parteivorsitzender. Zum Rücktritt kommt es, weil in der SPD ein Streit über die Personalie Margarita Mathiopoulos, die Tochter eines griechischen Journalisten, ausgebrochen war. Brandt will die Parteilose und politisch Unerfahrene als neue SPD-Sprecherin. Parteikollegen halten das für eine "Narretei". Parteiinterne Querelen gibt es schon länger. Nach der "Ära Brandt" folgen zum Teil sehr kurze Amtszeiten von SPD-Parteichefs.

Brandt, nach seinem Rücktritt vom Parteivorsitz Ehrenvorsitzender der SPD, freut sich, als er nach der Öffnung der Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 den Menschen zurufen kann: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf: Die Teile Europas wachsen zusammen."

Porträt von Willy Brandt

Parteiintern immer stärker umstritten: Willy Brandt

Historischer Meilenstein

Historiker loben den "Wandel durch Annäherung" – die Formel prägte der SPD-Politiker Egon Bahr – als Meilenstein in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Brandt-Biograf Peter Merseburger würdigt Brandt als einen "Kanzler der Versöhnung, der das geordnete Nebeneinander zweiter Staaten einer Nation festschrieb, zugleich aber die Option auf die nationale Selbstbestimmung (…) offenzuhalten verstand".

Zuletzt ist Willy Brandt in dritter Ehe mit der Publizistin Brigitte Seebacher verheiratet. Mit seiner zweiten Frau Rut Brandt hatte er drei Kinder (Peter, Lars und Matthias), mit seiner ersten Frau Carlota Thorkildsen eine Tochter namens Ninja. Willy Brandt stirbt am 8. Oktober 1992 in Unkel am Rhein.

Willy Brandt mit seiner zweiten Ehefrau Rut.

Willy Brandt mit seiner zweiten Ehefrau Rut

Autor: Tobias Fülbeck

Stand: 03.08.2017, 14:00

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