Deutsche Kanzler

Bundeskanzlerin Angela Merkel winkt in die Menge

Deutsche Geschichte

Deutsche Kanzler

Von Kerstin Hilt und Carsten Günther

Im Spiegel seiner Kanzlerschaften erscheint Deutschland als Hort der Stabilität. Erst sieben Kanzler und eine Kanzlerin hatte die Bundesrepublik seit ihrer Gründung 1949. Geprägt hat jeder Kanzler die Bundesrepublik auf seine ganz eigene Weise.

1949: Aufbruch aus der Ungewissheit

Viele Kanzler waren zu Regierungszeiten umstrittener, als das im Nachhinein den Anschein hat. Konrad Adenauer etwa, der erste Kanzler der Bundesrepublik, gewann 1949 die Abstimmung im Bundestag mit nur einer einzigen Stimme Mehrheit – seiner eigenen.

Die Deutschen hatten damals zum ersten Mal nach Hitlers Machtübernahme wieder ein freies Parlament gewählt, wenn auch nur im Westteil des Landes. Die politischen Kräfteverhältnisse waren unübersichtlich: Neben CDU/CSU, SPD und FDP saßen noch sieben weitere Parteien im Bundestag.

1957: Auf dem Weg zur Kanzlerdemokratie

Adenauers Kanzlerschaft war jedoch auch stilbildend, was die Art seiner Amtsführung anbelangte. Wichtige Politikfelder erklärte er umgehend, wie Kanzler Gerhard Schröder das später einmal nennen würde, zur "Chefsache". Als mächtiger Partei-Patriarch versuchte er, Rivalen aus den eigenen Reihen möglichst klein zu halten.

Zeitgleich begannen die Parteien, den Bundestagswahlkampf auf ein Duell zwischen zwei Kanzlerkandidaten zuzuspitzen – auch wenn das, zumindest von der Verfassungslogik her, nicht wirklich notwendig wäre: Schließlich stimmen die deutschen Wähler über Parteien ab und nicht über den Kanzler selbst.

Deutlich wird diese Personalisierung am Wahlplakat der CDU von 1957: Dort ist einzig und allein ein Porträtbild Adenauers abgebildet, versehen mit der Unterzeile "Keine Experimente! Konrad Adenauer". Die Wahl bescherte seiner Partei die absolute Mehrheit.

Konrad Adenauer schreitet eine Formation der Bundeswehr ab.

Adenauer trieb die Gründung der Bundeswehr voran

1963: Machtwechsel in Raten

Adenauers Rückzug 1963 – ein Rücktritt, zu dem man den mittlerweile 87-Jährigen hatte drängen müssen – hinterließ in Partei und Regierung eine schwer zu füllende Leerstelle. Seine beiden unmittelbaren Nachfolger sind als eher glanzlose Kanzler in Erinnerung geblieben.

Ludwig Erhard, ebenfalls CDU, hatte zum Zeitpunkt seines Amtsantritts den Zenit seiner Popularität bereits überschritten und war wohl auch eher ein erfolgreicher Wirtschaftsminister als ein kanzlertauglicher Allround-Politiker. Als 1966 die FDP-Minister geschlossen sein Kabinett verließen, trat er zurück.

Ludwig Erhard zieht an einer Zigarre und schaut versonnen ins Weite.

Ludwig Erhard, CDU, regierte von 1963 bis 1966

Für den Rest der Legislaturperiode übernahm sein Parteifreund Kurt Georg Kiesinger die Macht – als Chef einer Großen Koalition. 17 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik war damit zum ersten Mal auch die SPD an der Regierung beteiligt.

In der Bevölkerung stieß die Große Koalition allerdings auf heftigen Widerstand: An den 1968 verabschiedeten Notstandsgesetzen entzündete sich der Protest der sogenannten "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) – die Studentenbewegung war geboren.

1969: Neuanfang unter Brandt

Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen war nun auch die Zeit für einen Machtwechsel gekommen. 1969 zog Willy Brandt, SPD-Vorsitzender und in der Großen Koalition Außenminister, in den Wahlkampf und begeisterte vor allem jüngere Wähler.

"Willy" wurde zum Idol, ja zur Ikone einer ganzen Generation. Für Glaubwürdigkeit stand er, für eine Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern auch in Osteuropa und für den endgültigen Bruch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dafür standen seine Sätze wie "Wir wollen mehr Demokratie wagen" und "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein".

Mit seinem Besuch 1970 in Erfurt war Brandt außerdem der erste Kanzler, der zu einer offiziellen Staatsvisite in die DDR reiste. War Westdeutschland bisher davor zurückgeschreckt mit der DDR diplomatische Kontakte aufzunehmen, sprach man nun von einem "Wandel durch Annäherung".

Besonders sein Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos brachte ihm internationalen Respekt ein. 1971 wurde ihm für seine Politik der Entspannung und Versöhnung der Friedensnobelpreis verliehen.

Willy Brandt kniet vor dem Denkmal im ehemaligen Warschauer Ghetto, vor ihm Kränze, hinter ihm eine Menschenmasse.

1970: Willy Brandt bei seinem Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto

1974: Terroristenjagd und Wirtschaftskrise

1974 musste Brandt jedoch zurücktreten, weil sein persönlicher Referent Günter Guillaume als DDR-Spion enttarnt worden war. Auf den Visionär folgte ein Pragmatiker: Helmut Schmidt (SPD).

In die Regierungszeit von Helmut Schmidt fielen Ölkrise, Inflation und Wirtschaftsflaute, die er als studierter Volkswirt vor allem mit einer engeren internationalen Zusammenarbeit in der Wirtschafts- und Währungspolitik bekämpfen wollte.

Schmidt agierte wie ein pflichtbewusster Preuße – ohne Willy Brandts Herzlichkeit, aber effizient und mit großer Kompetenz. Und wenn nötig auch mit aller gebotenen staatlichen Härte.

Sowohl bei der Geiselnahme des Arbeitgeber-Präsidenten Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) als auch bei der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" ging er nicht auf die Forderungen der Terroristen ein – selbst wenn er dadurch Menschenleben aufs Spiel setzen musste.

Als sich 1982 die politischen Differenzen zwischen der SPD und ihrem Koalitionspartner FDP immer weiter zuspitzten, wurde Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Die Fraktionen von CDU/CSU und FDP wählten Helmut Kohl zum neuen Kanzler.

Bundeskanzler Helmut Schmidt vor dem Bundestag in Bonn 1974

Helmut Schmidt (SPD) regierte von 1974 bis 1982

1982: Ein Kanzler wie ein Eichenschrank

Kohl kann mit einer Amtszeit von 16 Jahren auf die bislang längste Kanzlerschaft in der Geschichte der Bundesrepublik zurückblicken.

Schon Ende der 1980er Jahre verglich ihn einer seiner Mitarbeiter mit einem schweren Eichenschrank: Man stoße sich zwar immer wieder an ihm, habe es aber längst aufgegeben, ihn verrücken zu wollen. Statt Charisma und politischem Reformeifer hielt man lange eher Machtinstinkt, Ausdauer und Unbeirrbarkeit für seine herausstechendsten Eigenschaften.

Erst mit der deutschen Einheit wuchs Kohl das historische Format zu, das er heute hat: Nicht zuletzt seinem entschlossenen Handeln und seinem Gesprächsgeschick ist es zu verdanken, dass die ehemaligen Alliierten der deutschen Wiedervereinigung fast vorbehaltlos zustimmten.

Um der Welt die Angst vor einem wiedererstarkten Deutschland zu nehmen, trieb Kohl wie kein anderer auch die Einigung Europas voran – für ihn die notwendige Konsequenz aus der kriegerischen Geschichte des Kontinents.

Helmut Kohl winkt von einem Balkon, neben ihm seine Frau Hannelore, Außenminister Hans-Dietrich Genscher sowie Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

Helmut Kohl - gefeiert als Kanzler der Einheit

1998: Vom Medienkanzler zum Kanzler der Reformen

Trotz aller historischen Verdienste Kohls breitete sich vor der Bundestagswahl 1998 Wechselstimmung aus. Wahlgewinner Gerhard Schröder von der SPD bildete dann zum ersten Mal eine Regierung mit den seit 1983 im Bundestag vertretenen Grünen und brachte mit ihnen Projekte wie den Atomausstieg, die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts oder die sogenannte Homo-Ehe auf den Weg.

Unter der rot-grünen Regierung beteiligte sich die Bundeswehr außerdem zum ersten Mal an Auslandseinsätzen der NATO im Kosovo und in Afghanistan, was zu kontroversen Diskussionen in der Öffentlichkeit führte.

Schröder galt als Medienkanzler, der viel Sorgfalt auf sein öffentliches Erscheinungsbild verwendete. Regiert werde in Deutschland, so eines seiner Bonmots, "mit BILD, BamS und Glotze" – gemeint waren die großen deutschen Boulevardzeitungen und das Fernsehen.

Trotzdem geriet er nach seiner Wiederwahl im Jahr 2002 zunehmend unter Druck: Im Land und auch in der eigenen Partei regte sich Widerstand gegen seine "Agenda 2010", den Umbau der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Zwei nebeneinander hängende Wahlplakate mit Schröder und Merkel; unter Schröders Bild steht 'Vertrauen in Deutschland', unter Merkels Bild 'Deutschlands Chancen nutzen'.

Der Alte und die Neue: Wahlkampf 2005

2005: Von "Kohls Mädchen" zur ewigen Kanzlerin

Nach einer geplant gescheiterten Vertrauensfrage im Bundestag kam es 2005 schließlich zu Neuwahlen, die die CDU/CSU unter Angela Merkel knapp für sich entscheiden konnten.

Seitdem wird die Bundesrepublik zum ersten Mal von einer Frau und einer Ostdeutschen regiert.

In den 1990er Jahren wurde sie mit 36 Jahren unter Kanzler Helmut Kohl Familienministerin, später Umweltministerin. Damals nannte Kohl sie einmal "mein Mädchen".

Nach der Bundestagswahl 2005 traute ihr zunächst kaum jemand das Kanzleramt zu. Doch Angela Merkel entwickelte sich zu einer international geachteten Staatsfrau. Das US-Magazin "Forbes" kürte sie ab 2006 fast jährlich zur mächtigsten Frau der Welt.

In Deutschland wurde sie bald von einigen Menschen "Mutti" genannt. Doch ähnlich wie bei Helmut Kohl haftete ihr das Image an, Probleme einfach auszusitzen.

Im Jahr 2015 erfuhren ihre Beliebtheitswerte einen abrupten Einbruch, als sie entschied, mehrere Hunderttausend Flüchtlinge, die zum größten Teil aus den Kriegsländern Syrien, Afghanistan und dem Irak kamen, in Deutschland aufzunehmen. Besonders ihr Satz "Wir schaffen das!" brachte ihr sowohl Zustimmung als auch viel Kritik ein. Manche Menschen waren der Meinung, die Deutschen würden durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert.

2019 gab Angela Merkel bekannt, dass sie bei der Bundestagswahl 2021 nicht mehr als Kanzlerkandidatin antreten werde. Dann wird sie 16 Jahre lang Bundeskanzlerin gewesen sein, genauso lange wie der bisherige Rekordhalter Helmut Kohl.

WDR | Stand: 02.04.2020, 08:30

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