Helmut Kohl

Helmut Kohl am Rednerpult 1998.

Persönlichkeiten

Helmut Kohl

Als Reformer gestartet, als Aussitzer geschmäht, als Einheitskanzler gefeiert: Viele Hochs und Tiefs prägen Helmut Kohls Poltikerleben. Am Ende gelang dem Pfälzer etwas, mit dem nur wenige gerechnet haben: Er schrieb Geschichte.

Darum gehts':

  • Schon währende der Schulzeit tritt Kohl in die CDU ein.
  • Mit 39 Jahren wird er Ministerpräsident.
  • Am 1. Oktober 1982 wird er zum Bundeskanzler gewählt.
  • Am Anfang tritt der Kanzler in so manches Fettnäpfchen.
  • Am Tag der Deutschen Einheit ist Kohl auf dem Zenit seiner Karriere.
  • Nach der Spendenaffäre zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Der Zweite Weltkrieg prägt ihn

Helmut Kohl, am 3. April 1930 geboren, ist zu jung, um im Zweiten Weltkrieg an die Front geschickt zu werden. Die Schrecken des Krieges erlebt der Sohn eines Finanzbeamten dennoch hautnah mit: Als Mitglied einer Schülerlöschtruppe muss er nach Bombenangriffen auf seine Heimatstadt Ludwigshafen Verletzte und Tote bergen und Brände löschen. In den letzten Kriegsmonaten fällt sein älterer Bruder Walter.

Kohl wird in Berchtesgaden zum Flakhelfer ausgebildet, kommt aber nicht zum Einsatz. Später beschreibt Kohl seine Kriegserlebnisse als prägend für seine Persönlichkeit und sein Wirken als Politiker.

Kohl ist als Kind schon sehr gesellig: Gleich nach dem ersten Schultag bringt "Helle" – das war sein Spitzname – ein paar seiner neuen Freunde mit nach Hause. Als Schüler ist er eher mittelmäßig. In der Clique gibt er aber gerne den Ton an – und setzt seine Position als Anführer notfalls auch mit Prügel durch.

Noch während seiner Schulzeit tritt Kohl in die Christlich Demokratische Union (CDU) und die Junge Union ein. Er beteiligt sich rege an politischen Diskussionen und Versammlungen. Oft ist er der Jüngste unter den Anwesenden.

Neben den Vorbereitungen aufs Abitur, das er 1950 macht, arbeitet Kohl auf dem Bau und als Tankwart. Als im Mai 1949 die Bundesrepublik gegründet wird, kann er sich ein gebrauchtes Motorrad leisten. Auf eine seiner ersten Spritztouren nimmt er eine 16-Jährige aus der Nachbarstadt mit: Hannelore Renner, die er elf Jahre später heiraten wird.

Die Heimat der Reben und Rüben industrialisieren

1950 beginnt Kohl in Frankfurt sein Geschichts- und Jurastudium, ein Jahr später wechselt er an die Uni in Heidelberg. Kohl wohnt weiter zu Hause und finanziert sich sein Studium unter anderem als Steinschleifer bei BASF. Parallel zum Studium engagiert er sich immer mehr in der CDU. Als Berufswunsch gibt er an – halb ernst, halb im Scherz –, er wolle "Konrad Adenauers Sekretär" werden.

Nach seiner Promotion 1958 geht Kohl in die Politik, ist gleichzeitig aber auch als Referent eines Chemieverbands tätig. Mit 29 wird er jüngster Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag. Kohl macht sich einen Namen als Macher. Sein Ziel: Die Pfalz, die als Heimat der "Reben und Rüben" gilt, zu modernisieren und zum Industrieland umzuwandeln.

Er propagiert einen offenen Politikstil, setzt sich für mehr Bürgernähe ein. Zusätzlich zu seiner Arbeit als Landespolitiker ist er ab 1960 Stadtrat und CDU-Fraktionschef in Ludwigshafen. 1966 wird Kohl Landesvorsitzender der rheinland-pfälzischen CDU, drei Jahre später Ministerpräsident. Mit 39 Jahren – so jung war kein westdeutscher Ministerpräsident vor ihm.

Schwarzweiß-Aufnahme Helmut Kohl von 1971.

Reformer und Macher in Rheinland-Pfalz

Kanzler im zweiten Anlauf

Kohl bringt in Rheinland-Pfalz große Reformen in der Verwaltung sowie im Sozial- und Gesundheitswesen voran. Als er bei den Landtagswahlen 1971 die absolute Mehrheit holt, werden die parteiinternen Stimmen immer lauter, er solle in die Bundespolitik wechseln.

Nach der verlorenen Bundestagswahl von 1972 wird der Hoffnungsträger Kohl zum Vorsitzenden der Bundes-CDU, vier Jahre später tritt er als Kanzlerkandidat an. Doch obwohl er 48,6 Prozent und damit das beste Unions-Ergebnis seit dem Krieg erreicht, gelingt es ihm nicht, den amtierenden Kanzler Helmut Schmidt und dessen sozialliberale Koalition abzulösen.

Nach Mainz kehrt Kohl aber nicht zurück, er bleibt als Oppositionschef in Bonn. Dort bläst ihm zum ersten Mal in seiner Karriere heftiger Gegenwind um die Ohren: Viele Medien verhöhnen ihn wegen seines starken Dialekts und seines manchmal unbeholfenen Auftretens. Aus dem "schwarzen Riesen" wird der "Oggersheimer", der Provinzler, der dem weltmännischen Kanzler Helmut Schmidt nicht gewachsen scheint.

Auch in der Union kriselt es: Franz-Josef Strauß, der Chef der Christlich Sozialen Union in Bayern (CSU), droht mit der Abspaltung seiner Partei und sagt über Kohl, dass dieser "total unfähig" sei. Aber Kohl lässt sich nicht beirren.

1978 lässt er ein Grundsatzprogramm verabschieden, das die CDU als moderne Volkspartei positioniert. Nachdem Strauß 1980 als Kanzlerkandidat ebenfalls keine Mehrheit für die Union holen kann, ist zwei Jahre später wieder Kohl an der Reihe.

Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition löst er Helmut Schmidt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum ab und wird am 1. Oktober 1982 zum Bundeskanzler gewählt. Kohl verspricht den Deutschen eine "geistig-moralische Wende" und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.

Helmut Kohl beim Amtseid 1982.

1982: Kohl wird Kanzler

Am Anfang tritt der Kanzler in so manches Fettnäpfchen

In seinen Anfangstagen als Kanzler hat Kohl kein glückliches Händchen. Er und seine Regierung sind in mehrere Affären verstrickt, auch außenpolitisch verhält sich Kohl ungeschickt.

Er vergleicht den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow mit Hitlers Propagandaminister Goebbels und besucht mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg, wo mehrere SS-Soldaten beerdigt sind. Auch die Arbeitslosigkeit in Deutschland bleibt hoch. Dennoch gewinnt er die Bundestagswahl 1987 – wenn auch mit Verlusten. Die Kritik wächst, auch innerhalb der Partei.

Doch Kohl pflegt weiter seinen Führungsstil, der vor allem auf persönlichen Kontakten beruht. Seine Mitmenschen teilt er in drei Gruppen ein: Freunde, Feinde und Unwichtige. Kohl registriert es, wenn ihm jemand einen Gefallen tut, und erwidert die Geste. Wer sich ihm jedoch in Weg stellt, kann sich sicher sein, dass Kohl früher oder später Vergeltung üben wird. Kohl hat ein sehr gutes Gedächtnis. Und wo es versagt, nimmt er sein kleines Notizbuch zu Hilfe, das er immer zur Hand hat.

Sein wichtigstes Werkzeug ist das Telefon: Nach 40 Jahren in der CDU hat Kohl Verbündete bis in den kleinsten Ortsverein. Auch als Kanzler inszeniert er sich bodenständig und volksnah: Besuch empfängt er gerne in Sandalen und Freizeitkleidung, seinen Sommerurlaub verbringt er wandernd am Wolfgangsee, Staatsgästen tischt er sein Leibgericht auf, den Pfälzer Saumagen.

Helmut Kohl blickt auf Diego Maradona bei WM 1986.

WM 1986: Kohl blickt auf einen glücklichen Diego Maradona

Der Kanzler, der vereint

1989 ereignen sich große weltpolitische Umwälzungen. Die Sowjetunion schlägt einen Kurs der Entspannung und Öffnung ein, dem sich immer mehr Staaten des Ostblocks anschließen – auch die DDR. Die Wiedervereinigung Deutschlands rückt auf einmal in greifbare Nähe. Und Helmut Kohl, dem oft ein passiver Politikstil des Aussitzens vorgeworfen wurde, wird zum Akteur.

Er ergreift den "Mantel der Geschichte" und sorgt zielstrebig und schnell für die politischen Grundlagen der deutschen Einheit. Zusammen mit seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher bindet er die Nachbarstaaten, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion in den Prozess mit ein.

Als am 3. Oktober 1990 die Deutsche Einheit vollzogen wird, ist Helmut Kohl auf dem Zenit seiner Karriere angelangt. Er schreibt Geschichte – und die Menschen im Osten und Westen feiern ihn dafür.

Die Sorgen im Ausland vor einem wieder erstarkten Deutschland versucht Kohl zu zerstreuen. Die Wiedervereinigung sieht er als einen Baustein hin zu einem neuen Europa. Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind für ihn "zwei Seiten derselben Medaille". Er leitet die Einführung des Euros, die Wirtschaftsunion und die Osterweiterung der Europäischen Union (EU) in die Wege. 1994 wird er noch einmal wiedergewählt, doch in dieser Amtszeit steigt der Unmut über den "ewigen Kanzler".

Die Wirtschaft im Osten Deutschlands bessert sich nicht so schnell, wie es viele erwarten. Kohl gilt weiterhin als jemand, der die Dinge aussitzt. 1998 kommt dafür die Quittung: 16 Jahre Kohl sind genug, findet die Mehrheit der Wähler. Die Nachfolge im Kanzleramt tritt Gerhard Schröder von der Sozialdemokratischen Partei (SPD) an.

Helmut Kohl vor Deutschland-Flaggen 1990.

1990: Die Menschen bejubeln Helmut Kohl

Spendenaffäre und Rückzug

Kohl war länger im Amt als alle seine Vorgänger. Und während seiner Regierungszeit haben sich Deutschland und Europa grundlegend gewandelt. Doch seine Zeit als "Elder Statesman", der allseits respektiert, verehrt und um Rat gefragt wird, währt nicht lange. Ende 1999 wird eine Parteispendenaffäre publik, in deren Zentrum er steht. Kohl gibt zu, für die CDU Spenden in Millionenhöhe entgegengenommen zu haben, ohne diese entsprechend zu deklarieren.

Woher diese Spenden stammten, sagt er nicht – mit Verweis auf sein "Ehrenwort", obwohl ihn das Parteispendengesetz dazu verpflichtet. Da im Kanzleramt wichtige Akten zu Waffenlieferungen und zum Verkauf eines Chemiewerks in Leuna unauffindbar sind, werden Bestechungsvorwürfe laut. CDU-Präsidium und -Vorstand rücken von Kohl ab, der freiwillig seinen Ehrenvorsitz ruhen lässt. Die Ermittlungen gegen ihn werden später eingestellt, das Verhältnis zu seiner Partei ist aber nachhaltig gestört.

Auch Kohls Privatleben sorgt für Schlagzeilen. 2001 nimmt sich seine Frau Hannelore das Leben, die an einer schmerzhaften Lichtallergie erkrankt war. Sein Sohn Walter schreibt ein Buch, in dem er die Gefühlskälte, die ständige Abwesenheit und den Inszenierungswillen seines Vaters beklagt.

Auch Peter, Kohls zweiter Sohn, kritisiert seinen Vater öffentlich. Kohl, der nach einem schweren Sturz mit gesundheitlichen Problemen kämpfte und im Rollstuhl saß, heiratet 2008 erneut. In der Öffentlichkeit sieht man ihn danach nur noch selten. Einst für sein riesiges Netzwerk bekannt, zieht sich Kohl fast vollständig zurück und bricht den Kontakt zu vielen alten Weggefährten und auch zu seinen Söhnen ab.

Am 16. Juni 2017 stirbt Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 03.08.2017, 15:00

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