Napoleon Bonaparte

Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard / Gemälde von Jacques-Louis David, 1801

Persönlichkeiten

Napoleon Bonaparte

Von Klaus Nelißen

An Napoleon scheiden sich die Geister: War er genialischer Kriegsherr und Hüter des Erbes der Französischen Revolution oder Kriegsverbrecher und Knechter der Völker? Die Geschichte des französischen Herrschers zeichnet den fantastischen Weg eines verschrienen Insulaners zum mächtigsten Mann Europas. Napoleon steht für den Einzug der Moderne in Europa und zugleich für das neue, totale Gesicht des Krieges.

Von Korsika zur Macht

Napoleon Bonaparte, eigentlich Napoleone Buonaparte, kommt am 15. August 1769 in Ajaccio zur Welt, der Hauptstadt der Insel Korsika. Seine Familie stammt ursprünglich aus Italien und seine Eltern gehören dem niederen Adel an. Sie ziehen ihre acht Kinder unter finanziellen Entbehrungen auf.

Mit neun Jahren kann Napoleon dank eines königlichen Stipendiums für verarmte Adlige auf die Militärschule von Brienne gehen. Dort ist er der einzige Korse und wird wegen seines Insel-Akzents früh von seinen Mitschülern ausgegrenzt. Rasch lernt er aber, sich durch militärisches Geschick Achtung zu verschaffen.

Der Französischen Revolution von 1789 verdankt Napoleon seine steile Karriere in der Armee: Als er 1793 erfolgreich die Artillerie der Revolutionstruppen in der Schlacht um Toulon gegen die königstreuen Royalisten führt, wird er zum Brigadegeneral befördert.

Gemälde: Porträt des Feldherrn Napoleon 1796

Napoleon als junger General 1796

Dann der Durchbruch: 1796 führt Napoleon den Italienfeldzug. Der Sieg gegen Österreich und die Besetzung Belgiens, der Lombardei und des Rheinufers ebnen den Weg zur Macht.

Zugleich gelingt ihm der Aufstieg in der französischen Gesellschaft: 1796 heiratet er die höhergestellte Joséphine de Beauharnais.

1798 bricht er auf Befehl der Revolutionsregierung zur "Ägyptischen Expedition" auf. Dieser Feldzug an den Nil wird zum Triumph: Napoleon erreicht nicht nur die Loslösung Ägyptens vom Osmanischen Reich, er verursacht mit dem Feldzug auch einen kulturellen Boom – das Interesse am Ägypten der Pharaonen lebt wieder auf.

Kaiserkrönung selbst gemacht

Napoleons große Popularität in der Armee und im Volk verhilft ihm 1799 zum Sturz der Revolutionsregierung. Am 13. Dezember lässt er sich für zehn Jahre zum obersten von drei Konsuln wählen. Praktisch hat er nun die alleinige Macht.

Er zentralisiert das junge nachrevolutionäre Staatsgefüge Frankreichs und veranlasst Reformen in der Justiz, im Militär und in der Bildung. 1804 veröffentlicht er den "Code civil", das erste bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs. Zentrale Freiheitsgedanken der Revolution gießt Napoleon damit in eine bis heute gültige Gesetzesform. Seine Kriegszüge spülen Geld in die Staatskassen, er kann den französischen Haushalt sanieren.

Nachdem er sich 1802 schon zum Konsul auf Lebenszeit hat ernennen lassen, folgt 1804 die Krönung zum Kaiser von Frankreich. Dabei wagt Napoleon den Eklat: In der Pariser Kathedrale Notre Dame entreißt er dem Papst die Krone und krönt sich kurzerhand selbst.

Gemälde: Napoleon hebt sich die Kaiserkrone auf den Kopf

In Paris krönt sich Napoleon 1804 selbst zum Kaiser

Getrieben vom Willen, wie sein Vorbild Karl der Große Herrscher Europas zu sein, führt er als Kaiser Napoleon I. seine aggressive Expansionspolitik fort. Er erobert Italien und Holland und setzt seine Brüder als Könige der Vasallenstaaten ein.

In den eroberten Gebieten, besonders auf deutschem Boden, ordnet er drastische Gebiets- und Rechtsreformen an. Seinen größten militärischen Erfolg feiert Napoleon 1805, bei der sogenannten "Dreikaiserschlacht" von Austerlitz. Dort schlägt er Österreich und Russland. Der Friedensvertrag von Pressburg versetzt dem schon lange angezählten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation den Todesstoß.

Feldherr neuen Typs

Als Feldherr besticht Napoleon durch die Schnelligkeit seiner Entscheidungen und die militärische Aufklärung über den Feind. Seine Späher besorgen Informationen über die gegnerischen Pläne aus allen möglichen Quellen. Noch am Vorabend der Schlacht von Austerlitz ändert er seine Strategie komplett – mit Erfolg. Seit Austerlitz genießt seine Armee einen legendären Ruf.

Mit raschen Angriffskriegen bringt Napoleon eine neue Kriegsphilosophie auf. Seine Kriege sind total, sie stellen die Existenz ganzer Staaten in Frage und mobilisieren ganze Völker. Napoleons Zeitgenosse Carl von Clausewitz schreibt 1812:

"Nun hatten die Mittel, welche aufgewandt, die Anstrengungen, welche aufgeboten werden konnten, keine bestimmte Grenze mehr; die Energie, mit welcher der Krieg selbst geführt werden konnte, hatte kein Gegengewicht mehr, und folglich war die Gefahr für den Gegner die äußerste."

Gemälde: Feldherr Napoleon auf einem weißen Pferd sitzend, mit einem Fernrohr eine Schlacht beobachtend

Napoleon führt seine Truppen stets selbst an

Mit der sogenannten Kontinentalsperre schafft Napoleon sogar eine neue Kriegsform: den Wirtschaftskrieg. Um Großbritannien in die Knie zu zwingen, verhängt er 1806 einen radikalen Importstopp für sämtliche Güter der britischen Insel und ihrer Kolonien.

Von Tilsit nach St. Helena

1807 ist Napoleon auf der Höhe seiner Macht. In Jena und Auerstedt besiegt er die Preußen. Im Frieden von Tilsit schnürt er ein Bündnis mit Russlands Zar Alexander I. Vom Südzipfel Spaniens bis zum östlichsten Ende Polens reicht nun sein Einflussgebiet.

Er will einen Thronfolger und lässt daher 1809 die kinderlose Ehe mit Joséphine scheiden. Zur neuen Frau nimmt er die österreichische Kaisertochter Marie Louise. Mit ihr zeugt er seinen einzigen legitimen Sohn, Napoleon II.

Frankreichs Kaiser drängt es nach mehr Macht. 1812 bricht Napoleon mit dem russischen Zaren und marschiert auf Moskau zu. Der Russland-Feldzug, zu dem er Armeen aus nahezu allen Teilen seines Einflussbereichs mobilisiert, wird Napoleons Desaster. Zehntausende Soldaten sterben, Napoleon ist nun in der Defensive. Russland verbündet sich erfolgreich mit Preußen und Österreich. Napoleon verliert schließlich die sogenannte "Völkerschlacht" von Leipzig 1813.

Gemälde: Französische Soldaten im Schnee auf dem Rückzug

Der Russlandfeldzug wird für die französische Armee zum Desaster

Am 31. März 1814 erobert die antinapoleonische Koalition Paris. Kaiser Napoleon I. muss abdanken und wird ins Exil auf die Mittelmeerinsel Elba geschickt. Doch am 1. März 1815 gelingt Napoleon die Flucht nach Frankreich. Rasch kann er Truppen um sich sammeln und die Macht zurückgewinnen. Hundert Tage herrscht er, wird dann aber am 18. Juni bei der Schlacht in der Nähe des belgischen Waterloo vernichtend geschlagen.

Die Briten verbannen ihn auf die englische Insel St. Helena, mitten in den Südatlantik. Dort stirbt Napoleon am 5. Mai 1821, vermutlich an Magenkrebs. 1840 lassen die Franzosen seine Gebeine in einem Prunksarg unter der Kuppel des Pariser Invalidendoms aufbahren.

Gemälde: Britischer Garnisonsstützpunkt auf St. Helena

Seine letzten Jahre verbringt Napoleon in Verbannung auf St. Helena

Mythos Napoleon

Gleich nach seinem Tod beginnt die Auseinandersetzung um die Bedeutung Napoleons für die Nachwelt. Der einflussreiche französische Außenpolitiker Talleyrand beurteilt die Nachricht vom Ableben seines ehemaligen Kaisers lakonisch: "Es ist nur noch eine Neuigkeit, aber kein Ereignis mehr."

Der romantische Schriftsteller und Diplomat Chateaubriand bemerkt dagegen, nun habe "der mächtigste Lebensodem, der jemals menschlichen Lehm beseelt hat" aufgehört zu atmen.

Laut Totenschein soll Napoleon 1,66 Meter gemessen haben. "Napoleon-Komplex" nennt man das Verhalten, wenn Menschen ihre geringe Körpergröße durch Erfolge und Statussymbole kompensieren wollen. Wacker hält sich die Mär, dass Napoleon kleinwüchsig gewesen sei. Bei der damaligen Durchschnittsgröße von 1,61 Meter war er aber sogar einen Tick größer als seine Zeitgenossen.

Gemälde: Napoleon auf dem Sterbebett. Davor steht ein Priester und liest aus der Bibel.

Schon auf dem Sterbebett beginnt die Mythenbildung

Unbestritten ist Napoleons brutaler Wille zur Macht. Er soll mehr Schlachten geführt haben als Karl der Große, Hannibal und Cäsar zusammen. Er hinterließ mit seinen Kriegszügen Leichenberge – und dennoch: Er fasziniert nicht nur Zeitgenossen.

Heinrich Heine schrieb: "Napoleon ist nicht von dem Holz, woraus man Könige schnitzt – er ist von jenem Marmor, woraus man Götter macht."

Und später noch bemerkte der Dichter Christian Morgenstern (1871 bis 1914): "Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung."

Stand: 26.06.2019, 16:00

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