Die Französische Revolution

Eine Festung wird von einer Menschenmenge belagert und mit Kanonen beschossen

Neuzeit

Die Französische Revolution

Von Kerstin Hilt

Im Jahr 1789 bleibt in Frankreich nichts, wie es war. Aus einem Staat, in dem allein der König das Sagen hat, soll eine Demokratie werden. Das Volk nimmt sein Schicksal selbst in die Hand und kämpft für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Absolute Monarchie und Ständestaat

In Frankreich regiert 1789 ein König, der seinem Selbstverständnis nach über den Menschen steht: Ludwig XVI. hält sich für einen Herrscher von Gottes Gnaden. Gott selbst habe ihm die Kraft und das Recht gegeben, über das Land zu bestimmen.

In dieser absolutistischen Monarchie, wie man diese Regierungsform nennt, kann er sich bislang auf den Adel und die Geistlichen verlassen. Denn auch sie genießen im Frankreich dieser Zeit Sonderrechte.

Staat und Gesellschaft sind in eine strenge Rangordnung unterteilt: Die Geistlichkeit (der erste Stand) und der Adel (der zweite Stand) besitzen einen Großteil des Landes, außerdem müssen sie keine Steuern zahlen.

Anders der dritte Stand, zu dem Kaufleute, Handwerker und vor allem Bauern gehören: Ein Siebtel ihrer Ernte müssen sie an den adeligen Grundherrn abtreten, Steuern an Kirche und König.

Eine gebückte, am Stock gehende Frau trägt eine Adlige und eine Nonne auf ihrem Rücken.

Karikatur über den unterdrückten dritten Stand (1789)

Doch am Vorabend der Revolution steht der König vor dem Bankrott. Hohe Militärausgaben, ein prunksüchtiger Hofstaat, dazu erdrückende Schulden: Ludwig XVI. braucht dringend Geld.

Eine Möglichkeit wäre, auch von den Adligen und Geistlichen Steuern zu verlangen. Doch dafür würde Ludwig die Unterstützung der Obersten Gerichte brauchen, und die sind fest in der Hand des Adels, der seine Sonderrechte behalten will. Dem König bleibt nur ein Ausweg: Er beruft eine Versammlung aller drei Stände ein, die sogenannten Generalstände. Sie sollen neue Steuern bewilligen.

Die Regeln dieser Versammlung sind einfach und zementieren die bestehenden Verhältnisse. Jeder Stand entsendet 300 Vertreter, bekommt aber am Ende nur eine gemeinsame Stimme – womit Adel und Geistlichkeit den dritten Stand mit einem 2:1-Votum immer überstimmen können.

Allerdings hat der dritte Stand inzwischen an Selbstbewusstsein gewonnen. Insbesondere in den Städten ist ein liberales Bürgertum entstanden: Kaufleute, Bankiers, Unternehmer, Anwälte, Journalisten. Viele hängen den Ideen der Aufklärung an: Statt Althergebrachtes einfach hinzunehmen, solle man sich seines eigenen Verstandes bedienen.

Außerdem, so hat es der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau unlängst geschrieben, seien alle Menschen frei und gleich, und das von Geburt an. Es brauche also keinen König, keinen Staat, der den Menschen diese Rechte erst gewähren müsse.

Frankreichs König Ludwig XVI. mit weißer Perücke, prächtiger Kleidung, Umhang

Prunksüchtiger Herrscher: Ludwig XVI. versteht sich als König von Gottes Gnaden

Neue Ideen für eine neue Zeit

Für Aufsehen sorgt auch eine Streitschrift, die ein Mann namens Abbé Sieyès drucken lässt – ein Geistlicher, der seinem eigenen Stand den Rücken gekehrt hat. In "Was ist der dritte Stand?" stellt er drei einfache Fragen: "Was ist der dritte Stand? Alles. – Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts! – Was verlangt er? Etwas zu sein."

Tatsächlich gehören zum dritten Stand etwa 98 Prozent der französischen Bevölkerung, nur sie müssen Steuern zahlen – und haben trotzdem keinen wirklichen politischen Einfluss.

In Frankreich erklärt sich der Dritte Stand zur Nationalversammlung (am 17.06.1789)

WDR ZeitZeichen 17.06.2014 14:24 Min. Verfügbar bis 14.06.2054 WDR 5


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Die Forderung findet schneller Gehör als gedacht. Das bislang Unvorstellbare geschieht: Widerwillig gesteht Ludwig XVI. dem dritten Stand 600 statt 300 Abgeordnete zu. Im Mai 1789 treffen sich die neuen Generalstände in Versailles, und bald fordern die 600 Abgeordneten des dritten Standes, dass fortan jeder Abgeordnete eine eigene Stimme bekommt statt nur einer Stimme pro Stand.

Denn damit müssten sie nur einen einzigen Vertreter von Adel oder Geistlichkeit für ihre Sache gewinnen und hätten mehr als 600 Abgeordnete auf ihrer Seite, also die absolute Mehrheit.

Gedruckte Schrift mit dem französischen Titel "Qu'est-ce que le tiers état?"

Eine Flugschrift, die die Revolution mit entfacht: "Was ist der dritte Stand?"

Vom Ballhausschwur zur Erstürmung der Bastille

Als der König zögert, beginnt der dritte Stand zu handeln. Seine Forderung: Das Volk soll künftig die Macht besitzen, nicht mehr der König. Aus den Generalständen wird die "Nationalversammlung", also das neue Parlament; aus dem Königreich Frankreich eine neue Nation.

Dafür wollen die Abgeordneten eine Verfassung ausarbeiten – also die Grundsätze ihres neuen Staates, in denen die Rechte und Pflichten der Bürger festgelegt werden sollen. Und diese soll bestimmten Regeln folgen, die nicht König, Adel und Geistliche beschlossen haben, sondern das Volk selbst.

Im sogenannten Ballhausschwur geloben die Abgeordneten am 20. Juni 1789, nicht eher auseinanderzugehen, bis die neue Verfassung beschlossen ist.

Damit sind die ersten Schritte der Revolution getan.

Die nächsten Schritte finden auf den Straßen und Plätzen von Paris statt. Nach der Missernte des Vorjahres und einem harten Winter hat sich der Brotpreis in den vergangenen Monaten verdoppelt, viele Menschen hungern. Sie interessiert nicht, was die Abgeordneten in Versailles debattieren. Sie wollen eine Verbesserung ihrer Situation, und das möglichst bald.

In der Stadt brodelt es, der König lässt Truppen um Paris zusammenziehen. Am 14. Juli 1789 versammeln sich mindestens hunderttausend Einwohner der Stadt vor der Bastille – einem Gefängnis, in dem auch Munition und Waffen lagern. Auf diese Waffen haben es die Bürger abgesehen, um sich gegen die Truppen des Königs zu wehren.

Die Erstürmung der Bastille (am 14.07.1789)

WDR ZeitZeichen 14.07.2014 13:58 Min. Verfügbar bis 11.07.2054 WDR 5


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Die Wachen schießen auf die Eindringlinge, doch die sind nicht aufzuhalten: Sie morden, brandschatzen – und enthaupten ihre Gegner, stecken deren Köpfe auf Spieße und stellen sie in den Straßen aus.

Später wird der 14. Juli zu Frankreichs Nationalfeiertag erklärt. Er steht beispielhaft für den Aufstand des Volkes. Gleichzeitig hat die Revolution wegen der entfesselten Gewalt an diesem Tag ihre Unschuld verloren.

Ein großer Saal, in dem viele Männer die Hände erheben.

Mit dem Ballhausschwur erklärt sich der dritte Stand zur Nation

Folgenreich bis heute: Die Erklärung der Menschenrechte

In den Tagen darauf erheben sich die Bauern auf dem Land. Sie stürmen Schlösser und Klöster, fordern ein Ende der Gutsherrschaft und Abgabenlast. Viele Abgeordnete sind irritiert und fordern, das Recht auf Eigentum müsse geschützt werden.

Damit offenbart sich eine Kluft, die für den Fortgang der Revolution noch wichtig werden wird. Der dritte Stand ist keine Einheit, sondern selbst geprägt von unterschiedlichen Interessen: vermögende Bürger auf der einen Seite, besitzlose Bauern und Tagelöhner auf der anderen.

Trotzdem geht es in der Nationalversammlung Schritt für Schritt voran. So einigen sich die Abgeordneten am 26. August 1789 auf eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die für ganz Europa wegweisend sein wird.

In siebzehn kurzen Artikeln, inspiriert von der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776, werden Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Eigentum, Sicherheit und das Recht auf Widerstand gegen staatliche Willkür verbürgt. Außerdem wird den Bürgern Meinungs- und Religionsfreiheit zugesichert. Allerdings gelten die Menschenrechte nach damaligem Verständnis nur für Männer.

Tafel, überschrieben mit „Erklärung der Menschen und Bürgerrechte“ auf Französisch, umrahmt von zwei allegorischen Frauengestalten.

Wichtiger Meilenstein: Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte

Konstitutionelle Monarchie oder Republik?

Doch was soll nun mit dem König geschehen? Die Nationalversammlung will eine so genannte konstitutionelle Monarchie durchsetzen: Ludwigs Macht soll drastisch eingeschränkt werden, die meisten Entscheidungen von einem gewählten Parlament getroffen werden.

Welche Rechte der König dann noch haben soll – darüber entbrennt heftiger Streit.

Die Angehörigen des Adels (Aristokraten) und die Königstreuen, die rechts im Parlament sitzen, wollen ihm in der Gesetzgebung ein absolutes Veto sichern, mit dem er unliebsame Gesetze vollständig verhindern könnte. Die Abgeordneten weiter links lehnen das ab. Diese Sitzordnung wirkt in unserem Sprachgebrauch bis heute in den Begriffen "politisch rechts" und "politisch links" nach.

Am Ende einigt man sich darauf, dem König nur ein aufschiebendes Veto zu gewähren, mit dem er Gesetze lediglich verzögern kann. Am 3. September 1791 wird schließlich eine Verfassung verabschiedet.

Die Revolution wird zur Terrorherrschaft

Gleichzeitig mehren sich die Stimmen, die eine Absetzung des Königs fordern. Frankreich soll eine Republik werden – ein Staat, in dem nur noch das Volk herrscht.

Vor allem ein Rechtsanwalt namens Maximilien de Robespierre vertritt diese Forderung. Dabei bekommt er Unterstützung von den einfachen Leuten in Paris, den sogenannten Sansculotten. "Sans culottes" bedeutet übersetzt "ohne Kniebundhosen", denn die feinen Kniebundhosen tragen meist Aristokraten, nicht die arbeitende Bevölkerung.

Die Sansculotten leiden darunter, dass sich die Preise für Grundnahrungsmittel rasend schnell verteuern, während der König, der immer noch an der Spitze des Staates steht, nichts dagegen unternimmt.

Zudem kostet 1792 auch ein Krieg viel Geld und Kraft: Österreich und Preußen haben einen Pakt geschlossen, um Ludwig XVI. wieder zu seiner alten Macht zu verhelfen. Damit wollen sie auch verhindern, dass in ihrer eigenen Bevölkerung eine Revolution ausbricht.

Die französische Nationalversammlung beschließt deshalb, Österreich und Preußen anzugreifen. Sie befürchtet, dass Ludwig XVI. mit den Mächten aus dem Ausland gemeinsame Sache machen wird.

Im Sommer 1792 erstürmen deshalb Sansculotten den Königspalast. Ludwig XVI. wird gefangengenommen und abgesetzt und Frankreich zur Republik erklärt.

Ludwigs Hinrichtung am 21. Januar 1793 ist der Auftakt für beispiellose Grausamkeiten. In der Nationalversammlung reißt ein Unterausschuss, der sogenannte "Wohlfahrtsausschuss" unter Führung von Robespierre, die Macht an sich.

Robespierre schürt die Angst, dass die Gegner der Revolution bald einen gewaltsamen Umsturz und das Ende der Republik erzwingen könnten. Jeder, der auch nur verdächtigt wird, ein Revolutionsfeind zu sein, muss sich vor einem Tribunal erklären und wird zumeist ohne große Diskussionen zum Tode verurteilt. Zehntausende fallen diesem Terror zum Opfer. Erst als Robespierre im Juli 1794 selbst festgenommen und hingerichtet wird, hat die sogenannte "Schreckensherrschaft" ein Ende.

Portraitgemälde des Revolutionäres Robespierre

Rechtsanwalt und Despot: Maximilien de Robespierre

Die Ideen der Revolution leben weiter

Fünf Jahre nach dem Beginn der Revolution hat damit der Terror tiefe Spuren hinterlassen, und Frankreich ist zudem in Kriege mit seinen Nachbarn verstrickt. 1804 wird sich ein junger General namens Napoleon Bonaparte selbst zum Kaiser krönen und damit Frankreichs erste Republik nach wenigen 15 Jahren wieder beenden.

Dennoch haben die Ereignisse eine neue Epoche angestoßen, von der aus es kein Zurück zu den alten Zeiten mehr geben wird. Und die Ideen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten treten ihren Siegeszug um die ganze Welt an und bestimmen unsere politischen Werte bis heute.

Napoleon mit typischem schwarzen Hut hoch zu Ross

Totengräber der Republik: Napoleon Bonaparte

UNSERE QUELLEN

  • Hans-Ulrich Thamer: "Die Französische Revolution". C. H. Beck, München 2019.
  • Jules Michelet: "Die Französische Revolution". Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009.
  • Axel Kuhn: "Die Französische Revolution (Kompaktwissen Geschichte)". Reclam, Stuttgart 2012.

Stand: 12.03.2021, 13:24

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