Belgien

Der Grand Place mit dem gotischen Rathaus in Brüssel.

Westeuropa

Belgien

Cäsar beschrieb die keltischen "Belgae" als die tapfersten Gallier. Seither hat sich in Belgien viel getan: wechselnde Herren, Reichtum und Armut, Revolution und Sprachenstreit. Belgien leidet seit etwa 150 Jahren an der inneren Zerrissenheit.

Als Belgien noch nicht Belgien war

Die Geschichte Belgiens beginnt eigentlich erst im Jahr 1830. Vorher gehörten die Regionen, aus denen das heutige Belgien besteht, unter anderem zu Frankreich, Österreich, Spanien und den Niederlanden. Im 16. Jahrhundert war Belgien Teil des riesigen Habsburgerreiches und gehörte zu den damaligen "Spanischen Niederlanden". Die Habsburger waren katholisch, im Norden der damaligen Niederlande aber machte sich der Protestantismus breit. Philipp II., Herrscher über Spanien und die Niederlande, versuchte Ende des 16. Jahrhunderts, die protestantische Bewegung niederzuschlagen. Die heutigen Niederlande widerstanden ihm und blieben protestantisch. Das heutige Belgien fiel an die katholischen Spanier zurück.

Belgien: Die Schlacht von Waterloo

Napoleons Truppen verlieren die Schlacht von Waterloo

1792 marschierte Napoleon Bonaparte ein, wurde aber 1815 bei Waterloo, südlich von Brüssel, geschlagen. Noch im selben Jahr beschlossen die europäischen Großmächte auf dem Wiener Kongress das Vereinigte Königreich der Niederlande, bestehend aus den südlichen Niederlanden (heutiges Belgien), den nördlichen Niederlanden und dem ehemaligen Bistum Lüttich.

Revolutionäre Oper und Geburt Belgiens

Dem Königreich der Vereinigten Niederlande war kein langes Leben beschieden. Der katholische und zur Hälfte französischsprachige Süden litt unter der autoritären Politik des protestantischen Königs Willem I. von Oranien.

Historisches Gemälde der belgischen Revolution aus dem Jahr 1835 von Gustave Wappers.

Szene aus den Septembertagen von 1830

Am 25. August 1830 eskalierte die Lage: Abends wurde im Brüsseler Théâtre de la Monnaie "Die Stumme von Portici" von Daniel-François-Esprit Auber gespielt, eine Oper über den Volksaufstand der Neapolitaner gegen den spanischen Unterdrücker. Als der Tenor im dritten Akt mit einer Axt in der Hand sang: "Laufet zur Rache! Die Waffen, das Feuer! Auf dass unsere Wachsamkeit unserem Leid ein Ende bereite!", erhob sich das Publikum und rief "Aux armes! Aux armes!" ("Zu den Waffen!"). Die Zuschauer stürmten auf die Straße und griffen zu den Waffen. Einen Monat später waren die Niederländer besiegt und Belgien erklärte seine Unabhängigkeit.

Die Niederlande gaben den ungeliebten katholischen Süden schnell auf. Am 4. November 1830 erkannten die europäischen Großmächte während der Londoner Konferenz die Trennung Belgiens von den Niederlanden an. Belgien – mit seinen Provinzen Flandern und der Wallonie – war geboren.

Königshaus und Sprachenstreit

Gemälde von König Leopold I.

König Leopold I.

Leopold I. wurde erster König der Belgier, Staatsform die heute noch bestehende parlamentarische Monarchie. Leopold gab sich liberal, regierte aber die von ihm verachteten flämischen Untertanen mit eiserner Faust. In Flandern sollte Niederländisch nur in der Grundschule benutzt werden, ab der Sekundarstufe verlief auch dort der Unterricht auf Französisch. "Le Flamand" wurde zum Schimpfwort, Niederländisch die Sprache der ungeliebten Holländer. Die Grundlage für den heute noch andauernden Sprachenstreit war gelegt.

In den folgenden Jahren bildete sich in Flandern langsam eine kleine Elite heraus, die die Einführung des Niederländischen an den französischsprachigen Gymnasien, an Universitäten und in der Verwaltung forderte. Aber bevor das widerstrebende Parlament überzeugt wurde, brach der Erste Weltkrieg aus.

Starker Widerstand gegen die Nazis

Im Ersten Weltkrieg verweigerte Belgien Deutschland das Recht, mit seinen Truppen über belgischen Boden nach Frankreich zu ziehen. Als Folge marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Es folgte ein vierjähriger erbitterter Stellungskrieg Belgiens mit den französischen und britischen Verbündeten gegen Deutschland und Österreich. Flandern erlitt schreckliche Schäden.

Nach dem Ersten Weltkrieg verschärfte sich der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen. Zwischen 1932 und 1938 entstanden die ersten Gesetze, die den Sprachenstreit regeln sollten: So wurden alle zentralen Verwaltungsstellen zweisprachig. Doch erneut verhinderte ein Krieg die Klärung des innerbelgischen Konfliktes: der Zweite Weltkrieg.

Im Mai 1940 besetzten deutsche Truppen abermals das bis dahin neutrale Belgien. Die Regierung floh nach London, König Leopold III. blieb und unterschrieb die Kapitulationsurkunde nach nur drei Wochen. Flämische Nationalisten kooperierten mit den Deutschen, aber der belgische Widerstand war stark. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde Belgien bis Ende 1944 befreit.

Regionen, Gemeinschaften und Parlamente

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die belgische Regierung immer wieder mit Verfassungsreformen, den Konflikt zwischen Flamen und Wallonen einzudämmen. Ein extrem komplizierter und aufgeblähter Staatsapparat ist die Folge: Heute besteht Belgien aus den drei Regionen Flandern, Wallonien und der Hauptstadtregion Brüssel mit eigener Regierung und Verwaltung. In den Regionen wird unter anderem über Umweltschutz, Wohnungsbau, Wasser-, Wirtschafts- und Energiepolitik entschieden.

Karte von Belgien mit den Regionen Flandern, Wallonien, Brüssel und der deutschsprachigen Gemeinschaft im Osten.

Viele Parlamente, viel Bürokratie

Außerdem gibt es drei Gemeinschaften: die flämisch-, die französisch- und die deutschsprachige Gemeinschaft, ebenfalls mit Parlamenten und Verwaltung. Die Gemeinschaften sind zum Beispiel zuständig für Erziehung, Bildung, Kultur und Soziales.

Es gibt in Belgien fünf Parlamente, Regierungen und Ministerpräsidenten – für jede Region und jede Gemeinschaft eine. Wobei die Flämische Gemeinschaft ein gemeinsames Parlament mit der Region Flandern hat. Dazu kommt noch die Bundesregierung in Brüssel, ebenfalls mit Parlament, Regierung und Ministerpräsident.

Reiches Flandern, arme Wallonie

Der heutige Hauptstreitpunkt zwischen Flamen und Wallonen ist die unterschiedliche ökonomische Stärke der Regionen. Im 19. Jahrhundert war die Wallonie dank Steinkohle, Stahl und Glas der wirtschaftliche Motor des Landes. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war die französischsprachige Bevölkerung in der Wallonie die "tonangebende" Volksgruppe in Belgien, der niederländischsprachige ärmere Teil hatte wenig zu bestimmen.

Kohlegeschwärzte Gräber im Vordergrund, im Hintergrund ein heruntergekommenes Kohlekraftwerk in der Wallonie.

Die Wallonie wurde zum Armenhaus Belgiens

In den 1960er Jahren kam es zur weltweiten Stahlkrise. Diese traf die Wallonie besonders schwer, weil die Anlagen völlig veraltet und nicht wettbewerbsfähig waren. Die ehemals reichen wallonischen Regionen wurden zum Armenhaus Belgiens. Dagegen blühte Flandern auf. In Antwerpen ließ sich etwa dank des internationalen Seehafens die wirtschaftsstarke Chemieindustrie nieder. 2006 wurden nahezu 60 Prozent des Bruttosozialproduktes in Flandern erwirtschaftet.

Da sich die Flamen seit der Staatsgründung von ihren französischsprachigen Landsleuten unterdrückt fühlten, sehen sie heute wenig Grund, die arme Wallonie mit ihren Steuergeldern zu unterstützen. Diese Spannungen lassen auch extreme Parteien, wie die flämische nationalistische Partei "Vlaams Belang" (früher "Vlaams Blok") erstarken.

Die Zukunft Belgiens

Von Anfang an einte die katholischen Flamen und Wallonen nicht viel mehr als der Hass auf den protestantischen niederländischen Okkupanten. Der Katholizismus, der König und der (bis 1960 belgische) Kongo dienten einige Zeit als Klammern. Doch viele junge Flamen sprechen heute besser Englisch als Französisch, die Wallonen lernen allenfalls widerwillig Niederländisch. Die Sprachgrenze geht durch Schulen, das Fernsehen, die Presse. Auch das Königshaus ist ein nur begrenzt verbindendes Element. Gerade Flamen sehen sich vom französischsprachigen Königshaus kaum vertreten und sind immer weniger bereit, dieses mit ihren Abgaben und Steuern zu finanzieren.

Was bleibt also? Im Streit zwischen Flandern und der Wallonie scheint das gemeinsame Kind Brüssel das verbindende Element zu sein. Brüssel mit seinen internationalen Institutionen ist einfach zu wichtig, keiner möchte darauf verzichten. Die Flamen argumentieren, Brüssel sei historisch flämisch und liege geografisch in Flandern. In Brüssel, sagen die Wallonen, sprächen 85 Prozent der Einwohner Französisch. Logisch also, dass Brüssel zur Wallonie gehöre.

Autorin: Monika Sax

Stand: 08.08.2016, 14:00

Darstellung: