Belgien und der Kongo – Weißer König, schwarzer Tod

Belgien: Kongo als Eigentum

Belgien

Belgien und der Kongo – Weißer König, schwarzer Tod

Die heutige Demokratische Republik Kongo war von 1885 bis 1908 das Privateigentum des belgischen Königs Leopold II. Getrieben von der Gier nach Geld, Macht und Ruhm ließ er das Land mit grausam ausbeuten – eine schwer zu verarbeitende Vergangenheit.

Der Kongo wird königlicher Privatbesitz

"Der Zivilisation den einzigen Erdteil zugänglich zu machen, in den sie noch nicht vorgedrungen ist, und die Finsternis zu durchdringen, die noch ganze Völker umhüllt, dies ist ein Kreuzzug, der unseres Jahrhunderts des Fortschritts würdig ist", so König Leopold II. im Jahr 1876.

Portrait von König Leopold II. von Belgien

Der Kongo im Würgegriff von König Leopold II.

Er lud zur Geographischen Konferenz, einem Treffen internationaler Forscher und Wissenschaftler, und beeindruckte mit seiner leidenschaftlichen Rede. Daraufhin gründeten die Versammelten die "Internationale Afrika-Vereinigung" mit Leopold II. als Präsident. Diese Organisation sollte die Entwicklung Afrikas koordinieren.

1878 konnte Leopold II. den berühmten Forschungsreisenden Henry Morton Stanley als prominenten Leiter seiner afrikanischen Mission verpflichten. Offiziell sollte Stanley die unbekannten Teile Afrikas wissenschaftlich erforschen. Insgeheim beauftragte Leopold ihn, Land zu erwerben. In nur wenigen Jahren schloss Stanley mit etwa 450 Stammesfürsten Verträge ab, in denen diese ihr Land Leopold II. überschrieben.

1884/85 fand in Berlin die Afrika-Konferenz statt. Durch geschicktes Taktieren brachte Leopold II. die 14 europäischen Staaten und die USA dazu, den von ihm erworbenen "Unabhängigen Kongostaat" als seinen persönlichen Privatbesitz anzuerkennen. Dies war ungewöhnlich, da Kolonien normalerweise Staaten gehörten und nicht Privatpersonen. Damit war Leopold II. Besitzer eines Landes, das etwa 70 Mal so groß war wie Belgien.

Kautschukboom und Kongo-Gräuel

Ein Mann wird von einer Schlange angegriffen

König Leopold II. von Belgien

Schon bald begann Leopold II. den Kongo rücksichtslos auszubeuten. Der Kongo hatte genau das zu bieten, wonach der Weltmarkt dürstete: Gummi. Im Jahr 1888 hatte John Boyd Dunlop den Luftreifen erfunden, was Kautschuk zum begehrten Gut machte. In den tropischen Regenwäldern des Kongobeckens war dieser reichlich vorhanden. Leopold II. verpflichtete seine kongolesischen Untertanen auf grausamste Weise zur Zwangsarbeit.

Jedes Dorf musste eine bestimmte Menge Kautschuk liefern. Erfüllten die Männer die Lieferquoten nicht, wurden ihre Frauen umgebracht. Diese "Geiselhaft" wurde von der "Force Publique" überwacht. Einer Art Armee, die eigens gegründet wurde, um Ausbeutung und Sklaverei zu koordinieren. Sie bestand hauptsächlich aus Schwarzen – nur die Offiziere waren Weiße.

Historisches Bild von schwarzen Sklaven, die Kautschuk am Baum zapfen und in ihrem Dorf vor den Augen eines weißen Aufsehers verarbeiten.

Sklaven bei der Kautschukverarbeitung

Und auch hier herrschte gnadenlose Kontrolle: Die Soldaten mussten über jede verschossene Patrone Rechenschaft ablegen. Die Besatzer wollten sicher gehen, dass die teure Munition nicht zum Jagen oder sogar für einen Aufstand verwendet wurde. Daher mussten die schwarzen Soldaten für jede verwendete Patrone die rechte Hand des Getöteten abhacken und den Offizieren vorlegen. Da die Bevölkerung bitterarm war, benutzten viele ihre Waffen dennoch zum Jagen, und viele Menschen mussten bei lebendigem Leib eine Hand opfern.

Der Kongo erwirtschaftete Jahr für Jahr größere Gewinne: Nach Schätzungen des belgischen Historikers Daniël Vangroenweghe waren es zwischen 1885 und 1908 umgerechnet bis zu 125 Millionen Euro. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 500 Millionen Euro aus. Mit dem Blutgeld finanzierte Leonard II. Prachtbauten wie das heutige "Königliche Museum für Zentral-Afrika" in der Nähe von Brüssel.

Ende der Schreckensherrschaft

Der britische Journalist Edmund Morel entdeckte, dass Schiffe, die in den Kongo fuhren, fast nur mit Waffen und Ketten beladen wurden. Er recherchierte und fand heraus, dass die Waffen verwendet wurden, um die Menschen im Kongo zu versklaven. Morel war erschüttert vom Leid im Kongo und organisierte Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Menschenrechtskampagne der Geschichte. Er veröffentlichte verschiedene Berichte und nutzte Fotografien von Schwarzen mit abgehackten Händen, um weltweit auf das Ausmaß der Unterdrückung aufmerksam zu machen.

Im "Casement-Report" von 1903 bestätigte Großbritannien Morels Anschuldigungen. Der internationale und nationale Druck auf Leopold II. wuchs. Als Folge trat der König den Kongo 1908 an den belgischen Staat ab. Die Kolonie erhielt den Namen "Belgisch-Kongo" und hieß so bis zur Unabhängigkeit von Belgien im Jahr 1960.

1911 ergab eine Volkszählung im Kongo, dass in den 23 Jahren der Herrschaft Leopolds II. rund 25 Millionen Kongolesen ums Leben gekommen waren. Aber auch in der darauf folgenden Zeit hatten die Menschen im Kongo ein schweres Leben: Die belgische Kolonialverwaltung förderte die Gründung weißer Eliten und beutete den ressourcenreichen Staat weiter aus.

Vergangenheitsbewältigung

Königliches Museum für Zentral-Afrika bei Brüssel mit Elefantenskulpturen im Vordergrund.

Königliches Museum für Zentral-Afrika bei Brüssel

"Aus meiner eigenen Schulzeit kenne ich Leopold II. nur als Beschützer des Christentums, großen Modernisierer und Kämpfer gegen die Sklaverei", erzählt Paul Pauwels, ein belgischer Filmproduzent. "Über den kommerziellen Hintergrund und die Grausamkeiten hat man in Belgien kaum gesprochen."

Die posthume Entthronung des belgischen Königs schreitet in Belgien bis heute nur langsam voran. Wichtige Denkanstöße kommen teilweise von außen. So veröffentlichte der amerikanische Publizist Adam Hochschild im Jahr 1999 das Buch "Schatten über dem Kongo". Er enttarnt darin den "Menschenfreund" Leopold II. und erklärt beispielsweise, dass dieser zwar arabische Sklavenhändler bekämpfte, doch nur um im Kongo seine eigene Schreckensherrschaft zu errichten.

Das "Königliche Museum für Zentral-Afrika" bei Brüssel hat inzwischen ebenfalls damit begonnen, sich mit der eigenen Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. So wurde zum 175. Geburtstag Belgiens im Jahr 2005 gemeinsam mit kongolesischen Wissenschaftlern eine Ausstellung zur Kolonialvergangenheit erstellt. Sie beschäftigte sich mit Handel und Verwaltung, Missionsschulen und Heimarbeit, aber immer noch wenig mit der Angst und Unterdrückung der Kongolesen unter der belgischen Herrschaft. Erschwert wird die Aufarbeitung der Vergangenheit, weil bis heute kaum Quellen und Zeugnisse der Opfer gefunden wurden.

Autorin: Monika Sax

Stand: 08.08.2016, 14:00

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