Wissensfragen

Belgien: Karl-Heinz Lambertz

Belgien

Wissensfragen

Von Monika Sax

In Belgien leben Flamen, Wallonen und Deutsche. Aber wieso Deutsche?

Um genau zu sein, leben in Belgien nicht Deutsche, sondern deutschsprachige Belgier. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg musste Deutschland Entschädigungen an die Nachbarstaaten zahlen und Gebiete abgeben. Dies wurde im Vertrag von Versailles im Jahr 1919 geregelt.

Belgien erhielt das Gebiet um die Städte Eupen, Malmedy und St. Vith. Einige Zehntausend Deutsche wurden so über Nacht zu Belgiern.

Heute leben in der deutschsprachigen Region Belgiens, in einem Gebiet fast so groß wie Berlin, etwa 74.000 Menschen. Das sind zwar nur etwa 0,7 Prozent der belgischen Bevölkerung, trotzdem hat die deutschsprachige Gemeinschaft eine Autonomie, die ihresgleichen sucht.

Die neun deutschsprachigen Gemeinden dürfen zum Beispiel alle kulturellen Angelegenheiten auf ihrem Gebiet, Denkmal- und Landschaftsschutz sowie die Beschäftigungspolitik selbstständig organisieren. Die Entscheidungen trifft das eigene Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) mit 25 Mitgliedern und vier Ministern. Regierungschef ist der Ministerpräsident, der auch gleichzeitig einen Ministerposten innehat.

2004 wurde die DG als "Europäische Region des Jahres" ausgezeichnet, weil dort so gelebt wird, wie es vorbildhaft für ein vereintes Europa wäre: Die Kinder wachsen zwei- bis dreisprachig auf, wirtschaftlich werden ganz selbstverständlich grenzüberschreitende Projekte realisiert, mal mit Frankreich, mal mit Deutschland oder Luxemburg.

Im Mini-Europa weiß jeder, wie wichtig es ist, Kooperationen einzugehen und Brücken zu bauen. Ein Vorbild auch für das eigene Land, für die zerstrittenen Flamen und Wallonen.

Welcher weltberühmte Zug wurde von einem Belgier ins Leben gerufen – und das wegen einer traurigen Liebesgeschichte?

Am 4. Oktober 1883 startete der Orient-Express seine Jungfernfahrt von Paris nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. In dem Luxuszug konnten sich die betuchten Gäste verwöhnen lassen wie in einem Fünf-Sterne-Hotel und gleichzeitig auf schnellstem Weg große Entfernungen überwinden. Doch von der ersten Idee zu dieser transeuropäischen Schnellverbindung bis zu ihrer Realisation vergingen 16 lange Jahre.

Alles begann mit einer unglücklichen Liebe. Weil der belgische Ingenieur und Sohn eines Bankiers, Georges Nagelmackers, seine große Liebe nicht heiraten durfte, reiste er 1867 nach Amerika, um sich abzulenken. Dort lernte er die Schnellzüge des amerikanischen Erfinders George Mortimer Pullman kennen. Diese Züge waren luxuriös ausgestattet, eine Fahrt in ihnen kostete etwa fünfmal so viel wie in einem normalen Zug, und die Leute liebten sie. Diese Idee nahm Nagelmackers mit zurück nach Europa.

Zeichnung: Gäste dinieren im luxuriösen Speisewagen des Orient-Express im Jahr 1895.

Der luxuriöse Speisewagen des Orient-Express

In langjährigen Verhandlungen mit den verschiedenen europäischen Bahngesellschaften erwarb er Konzessionen für Strecken zwischen Paris, dem Balkan und dem Bosporus. Hilfreich war für ihn dabei die Protektion von König Leopold II. von Belgien, der von der Idee begeistert war und selbst in die Firma investierte.

Seine große Zeit hatte der Orient-Express dann in den 1920er und 1930er Jahren. Für die Oberschicht Europas war dieser luxuriöse Zug das Transportmittel der Wahl: König Leopold II. von Belgien, Papst Pius XII., die Spionin Mata Hari und Schauspielerin Marlene Dietrich gehörten zu den Fahrgästen.

Auch die Krimiautorin Agatha Christie war von dem Luxuszug begeistert: "Ich liebe seinen Rhythmus, Allegro con Fuoco zu Anfang, das Schütteln und Rattern in der wilden Hast, Calais und den Okzident hinter sich zu lassen; es vermindert sich auf dem Weg nach Osten zu einem Rallentando, bis es in einem unverkennbaren Lento endet." Ihre Reise im "Palast auf Schienen" beflügelte sie zu einem ihrer bekanntesten Romane, dem "Mord im Orient-Express".

WDR | Stand: 06.07.2020, 12:00

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