Die Stahlkrise

Dampf und Rauch steigen aus dem Duisburger Stahlwerk Thyssen-Krupp auf.

Stahl

Die Stahlkrise

"Da treibt man die Krupp’sche Arbeiterschaft an wie noch nie und dann kommt der Doktor Cromme und knallt uns den Dolch in den Rücken – aber noch leben wir!" Mit diesen Worten beginnt der längste Arbeiterkampf in der Geschichte der BRD.

Arbeitskampf im Ruhrgebiet

Der Anlass: Krupp will das Werk in Duisburg-Rheinhausen schließen. Es ist der vorläufige Höhepunkt der Stahlkrise in Deutschland. Am 30. November 1987 versammeln sich die Stahlkocher von Rheinhausen, und mit ihnen über 10.000 Menschen. Die meisten haben wenige Tage vorher aus dem Fernsehen oder dem Radio erfahren, dass ihr Stahlwerk geschlossen werden soll.

Einer von ihnen – der Betriebsleiter Helmut Laakmann, der seit 20 Jahren bei Krupp arbeitet – spricht aus, was viele denken: "Leute, das Buch der Geschichte ist jetzt aufgeschlagen. Und jetzt liegt es an uns, hier mal ein paar neue Seiten zu schreiben. Lasst die Generationen, die nach uns kommen, nachlesen, wie man einen Arbeitskampf führt und wie man diesen Vorstand in die Knie zwingt."

Mehr als 5000 Arbeitsplätze sind gefährdet, und die Bewohner von Rheinhausen wissen, dass weit mehr Menschen betroffen wären. "Wenn die Hütte stirbt, stirbt Rheinhausen", sagen sie.

Doch nicht nur die Bevölkerung in Rheinhausen unterstützt den Arbeitskampf der Stahlkocher. Am 10. Dezember legen etwa 100.000 Arbeiter im ganzen Ruhrgebiet ihre Arbeit nieder und besetzen die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte zwischen Dortmund und Duisburg. Der Kampf um das Stahlwerk Rheinhausen wird zu einem Symbol für die Solidarität der Bevölkerung.

Die Protestaktionen halten an. Im Februar bilden 80.000 Menschen eine Menschenkette, die von Rheinhausen bis zur Westfalenhütte in Dortmund reicht. Nach mehr als fünf Monaten endet der Arbeitskampf. Doch mehr als einen Aufschub können die Aktionen nicht bewirken: 1993 wird das Stahlwerk Duisburg-Rheinhausen endgültig stillgelegt.

Großzügige Vorruhestandsregelungen und Arbeitsvermittlungen in andere Stahlwerke sorgen dafür, dass keiner der alten "Kruppianer" arbeitslos wird. Ausbildungsplätze für ihre Kinder und Enkel werden in Rheinhausen allerdings rar.

Stahlarbeiter protestieren am 24. Februar 1993 auf der Rheinhausener Rheinbrücke gegen die Stilllegungspläne.

Protest gegen Stilllegungspläne

Ursachen der Stahlkrise

Stahl war schon immer ein von der Konjunktur abhängiges Geschäft. Doch die Stahlkrise der 1970er und 1980er Jahre hat noch andere Ursachen. Begonnen hat sie eigentlich schon früher, und sie betrifft nicht nur Deutschland, sondern halb Europa und die USA.

Einer der Gründe ist die wachsende Konkurrenz, da immer mehr Länder in der Lage sind, Stahl herzustellen. Dem können die westlichen Industrien nur entgegentreten, indem sie auf mehr Qualität beim Stahl setzen und bessere Stahlwerke bauen. So lässt sich mit immer weniger Arbeitern immer mehr und besserer Stahl produzieren. Die Folge sind Fusionen und der Abbau von Arbeitsplätzen.

Die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1970er Jahre trifft die Stahlindustrie deshalb doppelt stark. Die Produktion in der Eisen produzierenden Industrie bricht abrupt ein. Gleichzeitig aber wird immer mehr Stahl produziert, was zu einem ruinösen Wettbewerb führt.

Die Schließung zahlreicher Stahlstandorte ist die Folge: Gelsenkirchen, Oberhausen, Hattingen sind nur einige Namen im Ruhrgebiet. In den USA ist es die Gegend um Pittsburgh, in der französischen Stadt Longwy verlieren innerhalb weniger Jahre Tausende von Stahlarbeitern ihre Arbeitsplätze. In Belgien wird die schon von der Kohlekrise geschwächte Wallonie zum Armenhaus der Nation.

Häufig sind es Gegenden, die erst mit der Montanindustrie gewachsen sind und in jahrzehntelanger Abhängigkeit von Kohle und Stahl leben. Geht hier ein Arbeitsplatz in der Stahlindustrie verloren, sind zwei, drei andere gleich mitgefährdet. Denn auch die Zulieferer und die verarbeitende Industrie sind von den Schließungen betroffen, und irgendwann auch der Bäcker oder der Metzger, der seine kaufkräftigen Kunden verliert.

Vor den Überresten des ehemaligen Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen tragen Bagger Abbruchmaterial ab.

Abbruch einer Epoche

Krise und neuer Boom

Nach einer kurzen Erholung kommt es Anfang der 1990er Jahre erneut zu einer Krise – und wieder müssen Arbeitsplätze abgebaut werden. Weltweit fusionieren die großen Unternehmen. In Deutschland übernimmt die Friedrich Krupp AG zunächst die Hoesch AG und fusioniert 1997 schließlich mit Thyssen zur Thyssen-Krupp.

Anfang des 21. Jahrhunderts verabschiedet sich mit Dortmund ein weiterer Stahlstandort aus Deutschland. Die Westfalenhütte wird geschlossen und nach China verkauft. Dort verschafft der Wirtschaftsboom der Stahlindustrie einen neuen Aufschwung.

Es sind nur noch wenige große Unternehmen, die davon profitieren. Der Bevölkerung bringt der Aufschwung keinen zusätzlichen Wohlstand ein und auch keine neuen Arbeitsplätze. Der Stellenabbau bei den Stahlwerken wird fortgesetzt – die Menschen müssen sich andere Arbeitsplätze suchen. In Duisburg-Rheinhausen wird 1999 auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwerkes ein Logistik-Zentrum eingerichtet.

Firmenschild Thyssen-Krupp

Fusion als Folge der Krise: Thyssen-Krupp

Autorin: Sine Maier-Bode

Stand: 26.06.2018, 10:52

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