Der Pott im Wandel

Ruhrgebiet

Der Pott im Wandel

Im Ruhrgebiet ist seit mehr als 50 Jahren klar, dass sich die Region verändern und eine Alternative zur Kohle und zum Stahl finden muss. Statt gemeinsame Lösungen zu finden, kochen viele Orte lieber ihr eigenes Süppchen.

Der Kumpel als Identitätsstifter

Es ist schon ein Kreuz mit den Menschen im Ruhrgebiet. Einerseits sind sie schnell pikiert bis beleidigt, wenn sich ein Ortsunkundiger überrascht zeigt, dass es dort ja doch ganz schön sein kann: grün, natürlich und aufgeräumt. Selbst die Emscher, die jahzehntelang als miefende Kloake die Gegend durchschnitt, ist inzwischen renaturiert. Dort schwimmen sogar wieder Forellen.

Andererseits sind solche Vorurteile kein Wunder: Schließlich wird die Vergangenheit im Ruhrgebiet verklärt wie in kaum einer anderen Gegend Deutschlands. Der Bergmann, der unter Tage im Dreck schuftet, ist das hehre Ideal. Auch wenn die letzte Zeche 2018 geschlossen sein wird.

Zwei Arbeiter vor Förderturm des Gelsenkircheners Schachts Consolidation.

Die Zechen sind still

Ruhgebietsromantik: Tief im Westen

Wenn Herbert Grönemeyer den tiefen Westen besingt, in dem die "Sonne verstaubt", dann singen zehntausende Konzertbesucher ergriffen mit. An so ziemlich jeder Trinkhalle gibt es Handyhüllen zu kaufen, die mit den Zechenwerkzeugen Schlägel und Eisen bedruckt sind.

Auch an den Fußball gibt es einen klaren Anspruch: Attraktiv spielen? Schön und gut. Aber viel wichtiger sind den Fans Malochertugenden wie Kampf und Einsatz. "Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt." Mit diesem Zitat machte sich Rolf Rüssmann unter den Dortmund- und Schalke-Anhängern gleichermaßen unsterblich.

Zwei Bergmänner unter Tage.

Der Bergmann als Idealbild

Rivalität und Kirchturmdenken

"Ich bin Ruhri" oder "Ich komme aus dem Ruhrgebiet" – das sind Sätze, die man bei Vorstellungsrunden eher selten hört. Die Region zwischen Ruhr, Rhein und Lippe mag der größte Ballungsraum Deutschlands sein, PR-Agenturen mögen noch so viele Kampagnen starten, damit das Ruhrgebiet sich als Metropole, als großes "Wir" begreift:

Eine regionale Identität, die über das eigene Ortsschild hinausweist, hat es hier nie gegeben – und wird es wohl auf absehbare Zeit nicht geben. Der Dortmunder mag den Gelsenkirchener nicht, der Essener beäugt den Duisburger mit Skepsis, und in Wattenscheid plädieren manche gar für den Mauerbau, um sich vom Rest Bochums abzugrenzen.

Kirchturmdenken: Viele Gemeinden denken nicht ans große Ganze

Diese Einstellung findet sicher auch in der Lokalpolitik der Kommunen wieder, wo oft vom Kirchturmdenken die Rede ist. Der Horizont reicht nicht über die eigene Scholle hinaus, die Interessen der eigenen Gemeinde gehen über alles.

Luftaufnahme von Gelsenkirchen.

Jeder ist sich selbst der Nächste?

Die Ruhrmetropole ist eben keine verwaltungstechnische Einheit, sondern besteht aus 53 Städten und Kommunen, die alle ihr eigenes Süppchen kochen. Das fängt an mit der Ansiedlung von Firmen, geht weiter über Versorgungs- und Verkehrsbetriebe und endet bei kulturellen Einrichtungen wie Theatern, Kinos und Veranstaltungshallen.

Versuche, die Zusammenarbeit der Städtenachbarn zu stärken und geplante Projekte und Entscheidungen besser untereinander abzustimmen, gab es viele. Herausgekommen ist bislang relativ wenig.

Das schwere Erbe von Kohle und Stahl

Dabei wäre es im Ruhrgebiet auch aus Haushaltsgründen sinnvoll, Synergien zu schaffen und Projekte zusammenzulegen. Denn der Strukturwandel ist immer noch deutlich spürbar. Die zu Ende gehende Stahl-und-Kohle-Ära hat ein schweres Erbe hinterlassen.

Nordrhein-Westfalen verzeichnet seit Jahren die höchste Arbeitslosigkeit unter den westdeutschen Flächenländern. "Das Ruhrgebiet ist ein Bremsanker für das ganze Land", sagen Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Arbeitslosigkeit: Höher als in anderen Gebieten Deutschlands

Anfang 2018 lagen die Arbeitslosenquoten im Nordruhrgebiet fast überall im zweistelligen Bereich. Der Spitzenreiter ist Gelsenkirchen mit 14,0 Prozent. Zum Vergleich: Die NRW-Quote beträgt 7,2 Prozent, der Bundesdurchschnitt 5,8 Prozent.

Autowracks in Duisburger Hinterhof.

Armut und Arbeitslosigkeit prägen viele Orte

Nach einem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lebte 2015 jeder Fünfte im Ruhrgebiet in Armut. Das Ruhrgebiet gilt nach den Angaben im Bericht als "armutspolitische Problemregion Nummer 1 in Deutschland".

Die Schulden drücken

Geld, um dem gegenzusteuern, ist in den meisten Ruhr-Kommunen nicht vorhanden. Im Gegenteil: Die Städte sind oft überschuldet und haben kaum finanzielle Spielräume. So befanden sich Ende 2015 Gelsenkirchen, Essen, Duisburg, Recklinghausen, Bochum oder Herne in der Haushaltssicherung.

Das bedeutet: Die Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, ihre Haushalte auszugleichen und müssen ihre Konzepte, wie sie das erreichen wollen, den Landesbehörden vorlegen – und von diesen genehmigen lassen.

Nokia in Bochum: eine Misserfolgsgeschichte

Und selbst wenn Geld vorhanden ist, um die Wirtschaft anzukurbeln, ist nicht gesagt, dass man damit langfristig etwas bewirken kann, wie das Beispiel Nokia in Bochum zeigt. Mit fast 90 Millionen Euro Subventionen wurde ab Mitte der 1990er Jahre dem Handyhersteller Nokia der Standort Bochum schmackhaft gemacht.

Nokia-Werk in Bochum.

Nokia in Bochum: erst subventioniert, dann verhasst

Mit Erfolg: Der Konzern aus Finnland beschäftigte dort zu besten Zeiten 4500 Arbeiter. 2008 waren es immerhin noch mehr als 3000 – doch dann ging alles ganz schnell. Im Januar verkündete das Unternehmen das Aus für den Standort, Ende April ging dort das letzte Handy vom Band.

Die Fabrik verlegte das Unternehmen nach Rumänien, wo sich die Handys günstiger produzieren ließe, hieß es. Zurück blieben viel Wut, zertretene Handys und mehrere tausend Arbeitslose, die für Nokia und die verschiedenen Zuliefererbetriebe tätig gewesen sind.

Dortmund setzt auf Zukunftsbranchen

Der Strukturwandeln lässt sich nicht mit kurzfristigen Maßnahmen bewerkstelligen. Er muss tiefer ansetzen – so wie es die Stadt Dortmund seit einigen Jahren versucht. Von der Kohle- und Stahlkrise schwer gebeutelt, wandte sich die Stadt neuen Wirtschaftsbereichen zu: Informationstechnologie, Ingenieurwesen und Logistik.

Technologiepark in Dortmund.

In Dortmund werden Wirtschaft und Forschung vernetzt

Die Stadt errichtete schon in den 1980er Jahren ein Technologiezentrum nahe der Universität, um Forschung und Wirtschaft besser zu vernetzen. Mit Erfolg: Die Technische Universität Dortmund gehört in vielen Bereichen zur Bundesspitze, die Wirtschaft hat Zehntausende Arbeitsplätze in den Zukunftsbranchen geschaffen – und das vor allem im Mittelstand.

Das sorgt für Steuermehreinnahmen und eine Beschäftigungssituation, die sich allmählich verbessert – in dieser Hinsicht hat Dortmund Vorbildcharakter für den Rest des Reviers.

Das Trauma überwinden

So viel ist klar: Es wird noch eine Weile dauern, bis der Strukturwandel im Ruhrgebiet vollzogen ist. Aber wer weiß? Vielleicht kann das Überwinden des Traumas von Bedeutungsverlust und wirtschaftlicher Not die Grundlage bilden für eine ganz neue Mentalität in der Region.

Weniger skeptisch, weniger vergangenheitsbehaftet. Der Erfolg schreibt schließlich ganz eigene Geschichten. Und am Ende hört man in den Vorstellungsrunden womöglich doch Sätze wie: "Ich bin Ruhri."

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 15.03.2018, 16:00

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