Der längste Streik Deutschlands

Planet Wissen 09.06.2022 04:04 Min. Verfügbar bis 09.06.2027 WDR

Gewerkschaften

Streik und Arbeitskampf

"Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Diese Zeilen des Dichters Georg Herwegh aus dem Jahr 1863 stehen für eine lange Reihe von Arbeitskämpfen, in denen Generationen von Arbeitern ihre Rechte einforderten.

Von Carsten Günther

Wie läuft ein Streik ab?

Wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht auf die Arbeitsbedingungen und Löhne einigen können, kommt es manchmal zum Streik. Das ist die schärfste Form eines Arbeitskampfes. Dies bedeutet aber nicht einfach nur, dass die Beschäftigten eines Unternehmens die Arbeit niederlegen. Ein Streik verlangt eine Menge an Organisationsarbeit.

Zunächst wird eine Streikleitung gebildet. Sie ist für die Vorbereitung und Durchführung des Streiks zuständig und wird von Streikhelfern unterstützt, die Streikaufrufe verteilen und Plakate und Fahnen aufhängen. Außerdem gibt es Streikposten, die vor den Werkstoren die Belegschaft dazu auffordern, sich am Streik zu beteiligen.

Oft werden Gaststätten zu "Streiklokalen" umfunktioniert. Dort können sich die Streikenden treffen, essen und trinken und sich in die Streikgeldliste eintragen. Denn während eines Streiks erhalten die Arbeiter von ihrem Arbeitgeber keinen Lohn. Stattdessen werden sie von ihrer Gewerkschaft aus der Streikkasse bezahlt.

Zwei Männer kleben Plakate mit einem Streik-Aufruf an eine Wand

Streikhelfer tragen zum Erfolg eines Streiks bei

Bei längeren Streiks organisieren die Gewerkschaften kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Vorträge oder Unterhaltungsabende für die Streikenden und ihre Familien. Außerdem werden Streikzeitungen verteilt, um die Arbeiter über den Stand der Verhandlungen auf dem Laufenden zu halten.

Arbeiter, die trotz eines Streiks zur Arbeit erscheinen, werden "Streikbrecher" genannt. Manchmal stellen die Unternehmen auch extra neue Arbeiter ein, um den Erfolg eines Streiks zu behindern. Daher werden Streikbrecher von ihren streikenden Kollegen nicht gerne gesehen.

Erste Arbeitskämpfe im alten Ägypten

Die Geschichte der Arbeitniederlegungen reicht bis in die Antike zurück. Der erste bekannte Streik der Weltgeschichte fand im Jahr 1159 vor Christus in Ägypten statt. Damals streikten rund 40 Arbeiter aus dem ägyptischen Dorf Deir el-Medina, die im Tal der Könige die Königsgräber bauten. Der Grund: Ihre Bezahlung, in Form von Lebensmitteln, war ausgeblieben. Wie auf einem Papyrus überliefert ist, zogen sie durch ihre Siedlung und riefen: "Wir haben Hunger!"

In deutschsprachigen Raum fanden im späten Mittelalter die ersten Streiks im Bergbau und im Handwerk statt. Im Jahr 1329 beschlossen in Breslau die Gürtlergesellen (Messingschlosser), ein ganzes Jahr lang bei keinem Breslauer Meister zu arbeiten. Der Grund ist unbekannt. 1351 legten in Speyer die Tuchweberknechte wegen ihres geringen Lohnes die Arbeit nieder, 1389 die Schneidergesellen in Konstanz, 1469 die Bergleute im sächsischen Altenberg.

Im 18. Jahrhundert weiteten sich Streiks im Handwerk aus. Für die deutschen Städte sind mehr als 500 solcher Fälle bekannt. Einige zogen sich lange hin, wie etwa der Streik der Augsburger Schuhknechte von 1726, der insgesamt vierzehn Wochen dauerte. Erfolgreich waren aber nur die wenigsten Streiks.

In dieser Zeit waren sogenannte "Hunger-Unruhen" in Norddeutschland, in England und Frankreich an der Tagesordnung. Immer wieder gingen Menschen auf die Barrikaden, weil sie auf ihre Lohnzahlungen warten mussten und ihre Familien nicht ernähren konnten.

Auf einem Gemälde sind zwei Männer zu sehen, die Steine auf eine fliehende Menschenmenge werfen. Am Boden liegen blutende Menschen.

Die gewaltsamen Hunger-Revolten gelten als Vorläufer der Arbeitskämpfe

Eine der bekanntesten Hunger-Revolten war der Aufstand der Weber in Schlesien im Jahr 1844. Damals zog eine Menschenmenge zu den Häusern der Unternehmer, für die sie arbeiteten, und zerstörten und plünderte deren Häuser. Bei einer Schießerei wurden elf Menschen durch das Militär getötet und 24 Personen schwer verletzt.

Der deutsche Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmete dem Aufstand sein 1892 erschienenes berühmtes Drama "Die Weber".

Der Kampf um den Zehn-Stunden-Tag

Im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert dauerte eine Arbeitswoche oft bis zu 80 Stunden. Die Arbeiter wurden meistens schlecht bezahlt und arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Daher kam es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zu ersten größeren Arbeitsniederlegungen, obwohl die Aufforderung zum Streik mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden konnte. Inzwischen hatte das englische Wort "strike" (zu deutsch: "Arbeitsniederlegung" oder auch "Schlag") Eingang in die deutsche Umgangssprache gefunden.

Bis in die 1870er-Jahre gab es in Deutschland mehr als tausend Arbeitskämpfe, an denen insgesamt geschätzte 200.000 bis 300.000 Menschen beteiligt waren. Sie endeten zwar meist mit einer Niederlage, förderten aber das Bewusstsein, dass Arbeiter eine gemeinsame, starke Organisation brauchen, um ihre Forderungen durchzusetzen.

Einer der ersten längeren Streiks fand 1873 statt. Die Buchdrucker kämpften insgesamt vier Monate lang für bessere Arbeitsbedingungen. Mit Erfolg: Sie erkämpften den ersten Tarifvertrag. Dieser regelte unter anderem das Recht auf einen Mindestlohn, eine zehnstündige Arbeitszeit, Überstundenzuschläge und eine Kündigungsfrist von vierzehn Tagen.

1889 streikten rund 90.000 Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Sie forderten eine Lohnerhöhung von 15 Prozent und die Einführung der Achtstundenschicht. Die Streikwelle breitete sich auf die anderen Bergbaugebiete aus. Schließlich beteiligten sich 150.000 Arbeiter an dem Ausstand. Der Streik führte zu ersten Gewerkschaftsgründungen im Ruhrgebiet, er war mit 14 Toten aber auch der blutigste Arbeitskampf des Kaiserreichs.

Am Textilarbeiterstreik 1903/1904 in sächsischen Crimmitschau bei Zwickau beteiligten sich zum ersten Mal in großem Umfang auch Frauen. Auch hier ging es um den Zehn-Stunden-Tag. Der Streik endete nach fünf Monaten mit einer schweren Niederlage, da die Textil-Fabrikanten sich weigerten, auf die Forderungen einzugehen, und die Streikenden schließlich aufgaben.

Gruppenfoto von streikenden Frauen, darunter der Text: "22. Woche. Zehnstundentagkämpfer aus Crimmitschau. Hoch die Solidarität! 18. Jan. 04"

Die streikenden Textilarbeiterinnen im sächsischen Crimmitschau, 1904

"Arbeitsruhen" und Wirtschaftswunder

Einer der größten Streiks nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand im November 1948 in der britischen und amerikanischen Besatzungszone statt. Rund neun Millionen Arbeiter nahmen an einem Generalstreik teil, der damals "Arbeitsruhe" genannt wurde. Sie protestierten gegen überhöhte Preise, für Lohnerhöhungen und Mitbestimmung in den Betrieben.

Die neugegründete Deutsche Demokratische Republik (DDR) erlebte im Jahr 1953 eine Reihe von Streiks, die sich zum Aufstand ausweiteten. In hunderten Städten legten die Menschen ihre Arbeit nieder, weil die Nahrungsmittel knapp wurden, die Preise stiegen und das Arbeitspensum bei gleichbleibendem Lohn anstieg. Am 17. Juni 1953 ging rund eine Million Menschen in der gesamten DDR auf die Straße. Sie forderten den Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und die deutsche Wiedervereinigung. Das war offener Widerstand gegen die Politik der DDR.

Schließlich rief die Regierung die Truppen der Sowjetunion zu Hilfe, die die Politik in der DDR maßgeblich mitbestimmte. Diese schlugen den Aufstand gewaltsam nieder. Mindestens 55 Menschen wurden dabei getötet. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) war der 17. Juni fortan bis zur Wiedervereinigung ein gesetzlicher Feiertag, um den Aufstand der protestierenden ostdeutschen Arbeiter zu würdigen.

In der Bundesrepublik Deutschland ging es in den 1950er-Jahren bei den meisten Arbeitskämpfen um Lohnerhöhungen. Oft waren sie erfolgreich, denn die Wirtschaft erlebte einen starken Aufschwung, das "Wirtschaftswunder". Danach verlagerte sich das Ziel der Arbeitskämpfe, die Streikenden forderten meistens eine Verkürzung der Arbeitszeit.

Streikende Arbeiter lesen die "Streik-Nachrichten", 1956

Die "Streik-Nachrichten" informierten über den Metallarbeiterstreik 1956/57

Von Oktober 1956 bis Februar 1957 fand in Schleswig-Holstein der bis dahin längste Streik der Bundesrepublik Deutschland statt. Rund 34.000 Arbeiter der Metallindustrie streikten ganze sechzehn Wochen lang. Sie forderten die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Bisher hatten sie, wenn sie krank wurden, die ersten drei Tage lang überhaupt kein Geld bekommen, danach nur einen Bruchteil ihres Lohns.

Der Streik sorgte bundesweit für große Aufmerksamkeit. Für die Streikenden und ihre Familien gab es eine Vielzahl von Unterhaltungsveranstaltungen, etwa Kabarettveranstaltungen, Operettenabende, kostenlose Kinovorführungen, Skat- und Schachturniere oder Modenschauen. In der Kieler Ostseehalle wurde sogar eine "Große Streik-Revue" mit einem Unterhaltungsprogramm und Musik veranstaltet.

Der Streit endete mit einem Teilerfolg: Die Lohnfortzahlung für Arbeiter wurde gesetzlich verankert, die volle Lohnfortzahlung wurde aber erst 1970 eingeführt.

Von der 35-Stunden-Woche bis zu den Bahnstreiks

Seit Beginn der 1980er-Jahre stand die 35-Stunden-Woche im Mittelpunkt der Arbeitskämpfe. Die 1984 geführten Streiks in der Metall- und Druckindustrie gehörten zu den längsten und härtesten in der bundesdeutschen Tarifgeschichte. Sie dauerten bis zu dreizehn Wochen. "Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen" lautete ein Slogan der IG Metall. Die Arbeitgeber setzten dagegen: "Keine Minute unter 40 Stunden". Doch schließlich wurde die Arbeitszeit in einigen Branchen nach und nach auf 35 Stunden verkürzt.

Der Niedergang der Stahlindustrie führte im November 1987 in Duisburg-Rheinhausen zu einem Arbeitskampf, der bundesweit großes Aufsehen erregte. Als das dortige Krupp-Stahlwerk geschlossen werden sollte, beteiligten sich rund 100.000 Stahlarbeiter aus dem gesamten Ruhrgebiet wochenlang an Streiks und Demonstrationen. Fast die gesamte Bevölkerung Duisburgs solidarisierte sich mit den Streikenden, Metzger und Bäcker brachten Lebensmittel zu den Werkstoren. Der Arbeitskampf dauerte 160 Tage, hatte aber keinen Erfolg: Das Werk wurde bis 1993 schrittweise stillgelegt.

Ab 2007 standen vor allem die Bahnstreiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei ging es meist um Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitszeitregelungen. Die GDL legte dabei immer wieder große Teile des Bahnverkehrs in ganz Deutschland lahm.

Streikende Lokführer halten vor einem Hauptbahnhof ein Schild mit der Aufschrift "Dieser Betrieb wird bestreikt. GDL" hoch.

Streikende Lokführer vor dem Duisburger Hauptbahnhof

(Erstveröffentlichung 2022. Letzte Aktualisierung 20.04.2022)

Quelle: WDR

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