Die Geschichte der Arbeit

Eine Frau sitzt an einem Tisch, in der Hand hält sie einen elektrischen Schleifer, mit dem sie ein Stück Schmuck bearbeitet.

Arbeit

Die Geschichte der Arbeit

Von Andrea Böhnke

Der Mensch muss sich seit jeher anstrengen, um überleben zu können. Seine Ansprüche sind im Laufe der Zeit allerdings differenzierter und spezieller geworden – und mit ihm seine Arbeitstechniken.

Der Begriff

Auch wenn es einem auf den ersten Blick anders vorkommen mag: Der Begriff "Arbeit" kann vieles bedeuten. Er kann etwa für einen Auftrag stehen, den man ausführt (zum Beispiel den Mülleimer ausleeren oder die Hausaufgaben erledigen).

Arbeit kann aber auch heißen, dass etwas viel Zeit und Mühe erfordert (wie das Zubereiten eines Mehr-Gänge-Menüs) oder dass etwas anstrengend ist (wie Sport). Arbeit kann ebenso das Ergebnis einer Anstrengung sein: eine Doktorarbeit etwa oder ein Kunstobjekt. 

Am häufigsten assoziieren wir das Wort Arbeit heute mit dem Ausüben eines Berufes, für den wir entlohnt werden. Lehrer sein ist Arbeit, Polizistin, Koch, Malerin, Busfahrer.

Es wird aber auch immer wieder darüber diskutiert, ob nicht auch die Hausarbeit – also Waschen, Kochen, Putzen, Kinder erziehen – Arbeit in diesem Sinne ist, obwohl die ausführenden Personen kein Geld dafür erhalten.

Menschen in unterschiedlicher Berufskleidung stehen in einer Reihe und blicken in die Kamera.

Heute verstehen wir Arbeit oft als einen Beruf, für den man entlohnt wird

Die Anfänge

Da der Begriff Arbeit gar nicht so eindeutig ist, wie er zunächst scheint, sind auch die Anfänge der Arbeit nicht so eindeutig zu bestimmen: War es für unsere Vorfahren Arbeit, Mammuts zu jagen und Früchte zu sammeln? War es Arbeit, Steine zu Klingen zu schärfen? War es Arbeit, das erste Feuer zu entzünden?

Klar ist: Die Menschen mussten seit jeher etwas dafür tun, um zu überleben – wie andere Lebewesen auch. Lange Zeit haben sie sich ausschließlich ihrer eigenen Muskelkraft bedient und allenfalls kleinere Werkzeuge wie Messer oder Pfeil und Bogen benutzt.

Das galt auch dann noch, als sie etwa 10.000 Jahre vor Christus begannen Getreide und Hülsenfrüchte anzubauen und Rinder, Schweine und Ziegen zu züchten. Erst im Laufe der nachfolgenden Jahrtausende verfeinerten sie ihre Anbautechniken.

Sie erfanden unter anderem Sichel und Pflug, die ihnen die Arbeit auf dem Feld erleichterten und sie zudem ertragreicher machten. Eine einzelne Siedlung produzierte dadurch bald mehr als sie benötigte, um zu überleben.

Dies führte einerseits dazu, dass die Menschen erstmals Vorräte anlegen konnten. Andererseits ermöglichten die Nahrungsüberschüsse, dass die Mitglieder einer Siedlung mit denen einer anderen Waren tauschen konnte.

Die Fotografie einer algerischen Höhlenmalerei zeigt Menschen, die mit Pfeil und Bogen Rinder jagen.

Die ersten Menschen waren Jäger und Sammler und verwendeten einfache Waffen und Werkzeuge, wie diese Höhlenmalerei aus Algerien zeigt

Die Teilung der Arbeit

Kann sich eine Gesellschaft durch Überschüsse und Handel ausreichend selbst mit Nahrung versorgen, kann ein Teil der Menschen seine Arbeitszeit und Arbeitskraft anders nutzen als auf dem Feld: zum Beispiel, um Gefäße für die Vorräte zu töpfern, Körbe zu flechten oder Holz und Steine zu bearbeiten.

Das war erstmalig etwa ab 5000 Jahre vor Christus gegeben. Die Menschen begannen damals auch, andere Rohstoffe als Holz und Stein zu suchen – und zu gewinnen. Als erstes brachen sie wohl Kupfer aus den Bergen und schmolzen dieses.

Mit der Zeit bauten sie auch viele andere Rohstoffe ab. Die Erzeugnisse, die sie daraus fertigten, wurden vielfältiger und spezieller; daher teilten sie sich die Arbeit zunehmend auf. Die einen schmiedeten etwa Werkzeuge, die anderen Waffen.

Die Teilung der Arbeit war – neben der Erfindung der Schrift – eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass sich ab etwa 4000 Jahren vor Christus die ersten Hochkulturen entwickeln konnten. Durch sie konnten die Menschen den Handel über Ländergrenzen hinweg ausweiten und sie erfanden bald auch Zahlungsmittel (erst Muscheln, später Gold und Silber).

Die Erfindung des Geldes ist wohl ein Grund, warum sich neben den unterschiedlichen Gewerken bald auch Hierarchien in den Hochkulturen ausbildeten. Es gab beispielsweise die Adligen, die Geistlichen, die Staatsdiener, die Bauern und die Sklaven. Und jede Klasse oder Schicht hatte andere Aufgaben und andere Arbeiten zu verrichten. 

Die Fotografie einer ägyptischen Grabmalerei zeigt Sklaven bei verschiedenen Tätigkeiten auf dem Feld.

Im alten Ägypten arbeiteten die Sklaven auf dem Feld und bauten die Pyramiden

Spezialisierung und Zusammenschluss

In Europa spezialisierten sich die Menschen im Mittelalter zunehmend und in den Städten begannen sich Mitglieder einer Berufsgruppe zusammenzuschließen. Handwerker wie Bäcker, Schmiede und Metzger bildeten sogenannte Zünfte; bei Händlern und Kaufleuten spricht man auch von Gilden.

Durch die Zusammenschlüsse wurde die gewerbliche Arbeit zusehends organisiert und strukturiert. In den Zünften galten zum Beispiel einheitliche Regeln, wie der Nachwuchs ausgebildet und wie für kranke Mitglieder oder Witwen gesorgt wird. Jeder Handwerker arbeitete aber nach wie vor in seiner eigenen Werkstatt.

Ab dem 17. Jahrhundert taten sich dann auch unterschiedliche Gewerke unter einem Dach zusammen. In den sogenannten Manufakturen fertigte jeder Handwerker einen Teil eines bestimmten Produktes. So arbeiteten etwa Tischler, Schlosser und Lackierer gemeinsam in einer Kutschenmanufaktur.

Für die Hersteller – also die Manufaktur-Besitzer – war das einfacher und günstiger, als jedes Teil einzeln bei einem Gewerk zu beauftragen beziehungsweise einzukaufen und am Ende zusammenzufügen. Die Arbeit in den Manufakturen war produktiver – obwohl das meiste nach wie vor in Handarbeit entstand ("manus" ist lateinisch und bedeutet Hand, "facere" heißt herstellen – also "mit der Hand hergestellt").

Der Holzschnitt zeigt die mittelalterliche Werkstatt eines Goldschmieds; mehrere Personen fertigen unterschiedliche Teile eines Schmiedeerzeugnisses an.

In der Werkstatt des Goldschmieds arbeiteten oft mehrere Gesellen mit

Fabriken und Fließbandproduktion

Als Ende des 18. Jahrhunderts die erste Dampfmaschine in Deutschland gebaut wurde, revolutionierte das die Arbeitswelt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte war der Mensch für komplexe Tätigkeiten nicht auf seine eigene Arbeitskraft angewiesen.

Maschinen übernahmen unter anderem das Spinnen von Garn und das Weben von Stoffen. Die Arbeiter in den Fabriken mussten nur noch einzelne Arbeitsschritte ausführen und nicht mehr einen Teil des Produktes in aufwändiger Handarbeit selbst fertigen.

Die Hersteller konnten so in kürzerer Zeit höhere Stückzahlen produzieren. Sie waren zudem nicht mehr ausschließlich auf spezialisierte Arbeitskräfte angewiesen. Die Arbeiter wiederum machte die sogenannte Rationalisierung abhängiger vom Hersteller, weil sie nicht mehr selbst etwas fertigten, sondern einer anderen Person ihre Arbeitskraft gegen Lohn zur Verfügung stellten.

Die Rationalisierung der Arbeit schritt im 19. Jahrhundert weiter voran. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Deutschland die ersten Fließbandproduktionen.

Immer mehr Arbeiter führten immer weniger, aber dafür immer dieselben Handgriffe aus.

Schwarz-Weiß-Aufnahme des Robert-Bosch-Werks in Feuerbach von 1920: Arbeiterinnen fertigen Zündkerzen nach amerikanischem Vorbild an.

Autos waren eine der ersten Produkte in Deutschland, die per Fließband gefertigt wurden; wie hier im Robert-Bosch-Werk in Feuerbach 1920

Arbeitskämpfe

Je mehr die Maschinen die Arbeit übernahmen und je weniger spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten ein Arbeiter besitzen musste, desto austauschbarer wurde er aus Sicht der Unternehmer und desto größer wurde die Abhängigkeit des Einzelnen von seinem Arbeitgeber.

Lange nahmen die Arbeiter die teils katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Fabriken in Kauf, weil sie schlicht keine andere Wahl hatten: Sie schufteten etwa zwölf Stunden am Tag, oft ohne Pausen, riskierten ihre Gesundheit, weil es keine oder kaum Schutzmaßnahmen gab – und wurden dafür nur gering entlohnt.    

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts begannen die Arbeiter sich zu organisieren, um ihre Interessen und Forderungen gemeinsam gegen die Arbeitgeber durchzusetzen. Die Unternehmer versuchten dies zunächst noch zu verhindern.

So hieß es in der Preußischen Gewerbeordnung von 1845 etwa, dass "diejenigen Gehilfen, Gesellen und Fabrikarbeiter, die andere zu einem Tun zu verleiten suchen, daß sie die Einstellung der Arbeit oder die Verhinderung der selben verabreden oder zu solch einer Verabredung auffordern" eine bis zu zweijährige Haftstrafe erwartet.

Doch die Arbeiter kämpften weiter und nur drei Jahre später, 1848, wurde in Deutschland die erste Gewerkschaft gegründet; der Buchdruckerverband. Eben jenem gelang es auch, 1873 den ersten Tarifvertrag durchzusetzen. Darin wurden die Rechte und Pflichten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und damit viele Fragen der Arbeitsbedingungen wie zum Beispiel Lohn und Gehalt geregelt.

1883 wurde die gesetzliche Krankenversicherung eingeführt, 1889 dann die gesetzliche Rentenversicherung. Es dauerte noch zwei Jahre, bis verboten wurde, dass in den Fabriken Kinder unter 13 Jahren arbeiten.

Dank der Gewerkschaften entstand im Laufe des 20. Jahrhunderts ein rechtliches Grundgerüst für die Arbeitnehmer: Die Arbeitszeitordnung trat in Kraft, das Bundesurlaubs- und das Mutterschutzgesetz.

Zahlreiche Menschen mit Arbeitshelmen stehen zusammen und halten Schilder mit Forderungen in die Höhe.

Aus Sorge, dass Arbeitsplätze verloren gehen, protestierten Mitglieder der Industrie-Gewerkschaft Metall 1987 vor der Thyssen AG Henrichshütte

Digitalisierung

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts revolutionierten zwei Erfindungen die Arbeitswelt von Neuem: der Computer und das Internet. Die Digitalisierung verändert aber nicht nur, was und wie der Mensch arbeitet, sondern auch wo. Sie macht ihn erstmals in seiner Geschichte unabhängig vom Arbeitsort.   

Möglicherweise entkoppeln neue Technologien – Stichwort: Arbeit 4.0 – Mensch und Arbeit künftig sogar noch weitreichender, wenn Roboter und Geräte mit Künstlicher Intelligenz ausgereifter sind und selbstständig Tätigkeiten ausführen können, für die es früher einen Menschen brauchte, etwa das Servieren von Speisen und Getränken.

Ob einige Berufe, zum Beispiel der des Kellners oder der Empfangsmitarbeiterin, dann vollständig verschwinden werden, wie manche Kritiker behaupten, bleibt abzuwarten. Ansonsten lässt sich der Mensch aber bestimmt etwas Neues einfallen, wie er tätig bleibt.

Ein Roboterarm gießt bei einem Versuchsaufbau am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz Wasser in einen Becher.

Die Künstliche Intelligenz kann lernen und sozial interagieren und dadurch Tätigkeiten übernehmen, die bisher von Menschen ausgeübt werden.

(Erstveröffentlichung: 20.05.2021)

WDR | Stand: 20.05.2021, 12:32

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