Die Geschichte der Gewerkschaften

Planet Wissen 09.06.2022 02:24 Min. Verfügbar bis 09.06.2027 WDR

Gewerkschaften

Geschichte der Gewerkschaften

Gewerkschaften gibt es schon seit mehr als 150 Jahren. Ihren Ursprung haben sie in den Arbeitervereinen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.

Von Carsten Günther

Arbeitervereine – die Vorläufer der Gewerkschaften

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland die Industrialisierung ein. Viele Produkte, die bisher in Handarbeit hergestellt worden waren, wurden nun in Fabriken von großen Maschinen gefertigt. Der Arbeitsalltag war oft gefährlich, Unfälle waren an der Tagesordnung.

Die meisten Arbeiterfamilien lebten in heruntergekommenen, winzigen Wohnungen in dunklen Hinterhöfen. Es gab auch so genannte Heimarbeiter, die zu Hause in beengten Wohnküchen tätig waren. Oft mussten ihre Kinder bei der Arbeit helfen. Der Lohn war niedrig, ein Arbeitstag dauerte zwölf oder mehr Stunden, auch sonntags. Und wer krank war und nicht arbeiten konnte, bekam kein Geld.

Heimarbeit um 1930: Eltern und Kinder sitzen am Küchentisch und fertigen Pfeifenreiniger

Heimarbeit um 1930: Eltern und Kinder fertigen Pfeifenreiniger

Da viele Arbeiter mit ihrer Situation unzufrieden waren, gründeten sie erste Arbeitervereine, die Vorläufer der Gewerkschaften. Sie bestanden meistens aus sogenannten "Unterstützungskassen". Wenn ein Arbeiter krank wurde oder starb, zahlten diese Kassen Geld an die Familien, so dass sie nicht in die Armut abrutschten. Dieses Prinzip nennt man "Solidaritätsprinzip": Die Gemeinschaft kümmert sich um den Einzelnen, der in Not geraten ist.

Besonders die Handwerker, die schon seit dem Mittelalter in ihren Zünften organisiert waren, schlossen sich der Revolutionsbewegung von 1848 an und hofften auf eine Stärkung ihrer Grundrechte. Im Juni 1848 gründete eine Gruppe von Buchdruckern in Mainz den "Nationalen Buchdrucker-Verein". Sie sahen ihre Arbeit durch die Einführung von Dampfmaschinen und Schnellpressen in den Druckereien gefährdet.

Im selben Jahr entstand die "Assoziation der Zigarren-Arbeiter Deutschlands". Auch Textil- und Metallarbeiter, Schneider, Bäcker, Schuhmacher, Holz- und Bauarbeiter schlossen sich zu Berufsverbänden zusammen. Das Berliner "Zentralkomitee für Arbeiter" wurde die erste deutsche Massenbewegung der Arbeiter. Ihre zentrale Forderung: Der Zehn-Stunden-Tag sollte gesetzlich festgelegt werden.

Viele der frühen Arbeitervereine wurden aber bald wieder verboten. Nur zwei Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848 schränken Adel, Militär und das Bürgertum die gerade errungenen politischen Freiheitsrechte wieder ein, die Vereins- und Versammlungsfreiheit wurde aufgehoben.

Ein neuer Gründungsboom

Erst ab Ende der 1860er-Jahre erkannte die Politik, dass sie die Situation der Arbeiter nicht länger ignorieren konnte, und erlaubte es wieder, Vereinigungen zu gründen. Nun kam es auch zu ersten organisierten Arbeitskämpfen und Streiks, bei denen Lohnerhöhungen und die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit gefordert wurden.

Um 1870 löste eine Streikwelle einen Gewerkschafts-"Gründungsboom" aus. Nach und nach wurden die Gewerkschaften von den Unternehmen als Vertragspartner anerkannt. Und sie erkämpften erste Erfolge: 1871 setzten die Berliner Maurer den Zehn-Stunden-Tag durch. Zwei Jahre später wurde mit dem Allgemeinen Deutschen Buchdruckertarif der erste nationale Tarifvertrag eingeführt, also eine feste Vereinbarung über Löhne und Arbeitsbedingungen.

Auf einer alten Fahne stehen ein weißer und ein schwarzer Zigarrenarbeiter neben Zigarrenkisten

Gewerkschaftsfahne der Berliner Zigarrenarbeiter, 1858

1878 kam der nächste Rückschlag, als der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck das sogenannte "Sozialistengesetz" einführte. Damit wurden die meisten Gewerkschaften verboten, denn Bismarck befürchtete, dass sie zu mächtig wurden. Gleichzeitig versuchte er, der deutschen Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er erste Sozialversicherungen einführte: 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung, 1891 die Rentenversicherung.

Als 1890 das Sozialistengesetz abgeschafft wurde, konnten die Gewerkschaften wieder aktiv werden. Im selben Jahr wurde die "Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands" gegründet, der erste Dachverband der Freien Gewerkschaften im Deutschen Reich. Diese entwickelten sich zu Massenorganisationen. Um das Jahr 1900 hatten die Gewerkschaften bereits knapp eine Million Mitglieder. Zehn Jahre später waren es fast dreimal so viele.

Von Weimar bis zur Deutschen Arbeitsfront

In der Weimarer Republik wurden die Gewerkschaften offiziell als Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt. Der Acht-Stunden-Tag wurde eingeführt, Tarifverträge waren nun allgemein verbindlich, die Kündigung von Arbeitern wurde erschwert und das Betriebsrätegesetz sorgte erstmals dafür, dass Gewerkschaften in den Betrieben ein Mitspracherecht hatten.

Obwohl die Gewerkschaften untereinander zerstritten waren, gelang ihnen im März 1920 gemeinsam ein großer Erfolg: Als Teile des Militärs und der preußische Beamte Wolfgang Kapp gewaltsam die gewählte Regierung stürzen wollten, riefen alle Gewerkschaften aus Protest zum Generalstreik auf. Zwölf Millionen Menschen legten die Arbeit nieder. Der größte Streik der deutschen Geschichte rettete die Demokratie, der "Kapp-Putsch" scheiterte.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bedeutete das Ende der freien Gewerkschaften. Propagandaminister Goebbels notierte bereits im April 1933 in sein Tagebuch: "Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns."

Am 2. Mai stürmten Kommandos von SA und SS die Gewerkschaftsgebäude und verhafteten und misshandelten viele der  Funktionäre. Anstelle der aufgelösten Gewerkschaften gründete die nationalsozialistische Regierung unter Adolf Hitler die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF), eine gleichgeschaltete, das heißt von oben gesteuerte Organisation, die unter ihrer vollen Kontrolle stand.

Die DAF wurde mit rund 25 Millionen Mitgliedern die größte nationalsozialistische Massenorganisation. Zu ihr gehörte auch die Organisation "Kraft durch Freude", die Reisen, Ausstellungen und andere Freizeitaktivitäten für Arbeiter und Angestellte veranstaltete.

Ein Werbeprospekt der Nazis für Prora mit der Aufschrift "Dein Urlaub 1939"

Mit "Kraft durch Freude" und der Deutschen Arbeitsfront kontrollierten die Nationalsozialisten die Arbeiterschaft

Neugründungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlaubten die Siegermächte in allen vier Besatzungszonen wieder die Bildung von Gewerkschaften.

In der sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR, wurde 1945 der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) gegründet. Er wurde bald von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (SED) dominiert, die die Politik und das gesellschaftliche Leben in der DDR bestimmte. Der FDGB galt als "Schule des Sozialismus", die das Arbeitsleben organisierte. Da sich die DDR als "Arbeiter- und Bauernstaat" ansah, engagierte sich der FDGB auch im kulturellen Leben, führte Betriebsfestspiele, Ferienreisen, Ausstellungen und Konzerte durch.

Im Westen entstand 1949 in der Bundesrepublik Deutschland der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), ein Dachverband von damals 16 autonomen Gewerkschaften.

In einer großen Kongresshalle steht an einer Wand in großen Buchstaben "PARLAMENT DER ARBEIT", davor sitzen Gewerkschaftsfunktionäre an langen Tischen

Im Oktober 1949 wurde der Deutsche Gewerkschaftsbund gegründet

Das Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre ermöglichte den westdeutschen Gewerkschaften, viele ihrer Forderungen durchzusetzen: Die Löhne stiegen, die Arbeitszeit wurde nach und nach auf 40 Stunden pro Woche verkürzt. 1954 erreichten die Gewerkschaften, dass zum ersten Mal Weihnachtsgeld ausgezahlt wurde.

Im Jahr 1956 starteten die Gewerkschaften eine ihrer bekanntesten Kampagnen unter dem Titel "Samstags gehört Vati mir". Damit forderten sie die Fünf-Tage-Woche, denn der Samstag war damals in vielen Branchen noch ein normaler Arbeitstag. Die Aktion hatte Erfolg: In den folgenden Jahren wurde nach und nach der freie Samstag eingeführt.

Weitere wichtige Erfolge der Gewerkschaften: 1957, nach einem 16-wöchigen Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein, erklärte sich die Regierung bereit, die Lohnfortzahlung für Arbeiter im Krankheitsfall im Gesetz festzuschreiben. Das Bundesurlaubsgesetz von 1963 garantierte allen Arbeitnehmern drei Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr.

Wirtschaftskrise und Wiedervereinigung

In den 1970er-Jahren geriet die Wirtschaft ins Stocken. Die Arbeitslosigkeit stieg in Deutschland massiv an. Außerdem wurden in den Fabriken mehr und mehr Arbeitsschritte von computergesteuerten Robotern übernommen. In dieser Zeit verlagerte sich der Kampf der Gewerkschaften auf die Einführung der 35-Stunden-Woche. Trotz aller Widerstände der Arbeitgeber wurde sie zum Beispiel in der westdeutschen Metallindustrie schließlich ab Ende der 1980er-Jahre stufenweise durchgesetzt.

Nach dem Fall der Berliner Mauer löste sich der FDGB, der gewerkschaftliche Dachverband der DDR, im Jahr 1990 auf.

Die westdeutschen Gewerkschaften dehnten sich auf das Gebiet der früheren DDR aus. Vier Millionen Mitglieder der bisherigen DDR-Gewerkschaften traten den gesamtdeutschen Verbänden bei.

Bei einer Gewerkschaftsdemonstration sind Transparente zu sehen, auf denen die 35-Stunden-Woche gefordert wird

Die 35-Stunden-Woche war lange eine Hauptforderung der Gewerkschaften

Doch die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sinkt seitdem ständig. Hatte der DGB im Jahr 1991 noch knapp 12 Millionen Mitglieder, so waren es im Jahr 2021 nur noch 5,7 Millionen. Das ist der tiefste Stand seit 1951.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Viele Gewerkschaftsmitglieder arbeiteten früher im Bergbau oder der Eisen-, Stahl- und Textilindustrie – und diese klassischen Industriebereiche haben inzwischen an Bedeutung verloren. Gleichzeitig hat sich die Produktion von Gütern globalisiert, das heißt: Produktionsstätten wurden ins billigere Ausland verlagert. Außerdem ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten, der Leiharbeiter und Minijob-Arbeiter gestiegen, und sie sind oft nicht in Gewerkschaften organisiert.

Einer der bislang letzten großen Erfolge der Gewerkschaften war die Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns im Januar 2015, den sie seit Jahren gefordert hatten. Ab Oktober 2022 liegt der Mindestlohn bei 12 Euro brutto pro Stunde.

(Erstveröffentlichung 2022. Letzte Aktualisierung 20.04.2022)

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Quelle: WDR

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