Globaler Handel

Meilensteine der Globalisierung Planet Wissen 04.02.2022 00:52 Min. Verfügbar bis 04.02.2027 WDR

Wirtschaft

Globaler Handel

Von Carsten Günther

Smartphones aus China, Autos aus Japan, Äpfel aus Neuseeland – das ist für uns heute selbstverständlich. Waren und Rohstoffe werden über den ganzen Globus transportiert. Doch neu ist der globale Handel nicht. Seit der Antike haben die Völker über große Entfernungen hinweg miteinander gehandelt.

Gold und Sklaven für die römischen Kaiser

Schon die frühen Hochkulturen, die ab 4000 vor Christus in Mesopotamien (auf Gebieten der heutigen Länder Türkei, Syrien, Irak und Iran), in Ägypten, im Indus-Tal und in China entstanden, tauschten miteinander Waren aus. Archäologische Funde weisen darauf hin, dass damals mit Edelmetallen, Kupfer, Zinn, Schmuck und Kunstgegenständen gehandelt wurde.

Im antiken Griechenland wurden ab dem 8. Jahrhundert vor Christus Athen und Korinth die neuen europäischen Handelszentren. Getreide aus dem Schwarzmeergebiet und Ägypten gelangte nach Europa und der Handel mit Wein, Holz oder Töpferwaren über das Mittelmeer blühte auf.

Es gab noch keine durchgehenden weltweiten Handelswege: Die Waren wurden von unterschiedlichen Händlern in einzelnen Etappen transportiert, etwa von China nach Persien und von dort weiter nach Ägypten oder Griechenland.

Ab dem 5. Jahrhundert vor Christus stieg Rom zum neuen Machtzentrum in Europa auf. Nach und nach eroberten die Römer auf ihren Feldzügen große Teile Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens.

Das Römische Reich erstreckte sich zeitweise von England bis nach Ägypten und von Spanien bis in die heutige Türkei. Aus diesen Provinzen importierten sie kostbare Gewänder, Gold, Silber, Edelsteine, Olivenöl und Gewürze – aber auch Sklaven und gefangene Tiere.

"Nach Rom wird herbeigeschafft, aus jedem Land und jedem Meer, was immer die Jahreszeiten wachsen lassen," schwärmte der griechische Redner Aelius Aristides im Jahr 155 nach Christus. "So zahllos sind die Lastschiffe, die hier eintreffen und alle Waren aus allen Ländern von jedem Frühjahr bis zu jeder Wende im Spätherbst befördern, dass die Stadt wie ein gemeinsamer Handelsplatz der ganzen Welt erscheint."

Das Modell eines römischen Schiffs steht vor römischen Amphoren

In der Antike wurden viele Waren über das Mittelmeer gehandelt

Venedig, die Hanse und die Fugger

Im Hochmittelalter, ab dem 11. Jahrhundert, stieg Venedig zum neuen Handelszentrum Europas auf. Die norditalienische Stadt beherrschte den Seehandel und besaß ein Monopol (also eine Alleinstellung am Markt) für den Handel mit Salz, das damals noch ein teures Luxusgut war.

In ganz Europa wurden Städte gegründet und erhielten das so genannte Marktrecht – also das Recht, einen ständigen Markt oder Wochenmarkt abzuhalten. Das war wichtig, denn anders als die Landbevölkerung konnten sich die Menschen in der Stadt meist nicht ausreichend selbst mit Lebensmitteln versorgen. Erste Handelsmessen entstanden, zum Beispiel die mehrmonatigen "Champagne-Messen", die in verschiedenen Städten in der Champagne-Region im Nordosten Frankreichs stattfanden und viele Händler anzogen.

Rund zweihundert nordeuropäische Städte schlossen sich ab dem 12. Jahrhundert zur so genannten Hanse zusammen. Sie handelten zollfrei untereinander, meist mit Getreide, Wachs, Holz, Fellen, Pelzen, Früchten, Trockenfisch oder Bier.

Der Handel mit China, Indien und Südostasien lief zu dieser Zeit über die Seidenstraße. Händlerkarawanen transportierten die begehrten Waren über dieses Geflecht von Wegen zwischen Asien und dem Mittelmeerraum.

In Augsburg stieg im 15. Jahrhundert die Familie der Fugger zur mächtigen Handelsdynastie auf. Jakob Fugger, genannt "der Reiche", wurde zum bedeutendsten Kaufmann und Bankier Europas. Zeitweise beherrschte er den europäischen Kupferhandel.

Durch seinen Reichtum konnte er großen Einfluss auf die Politik nehmen. So finanzierte er 1519 sogar die Wahl des spanischen Königs zum Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reiches.

Vor einer Bergkulisse stehen kleine Häuser im Hafen von Bergen, Norwegen

Das Hanseviertel Bryggen im norwegischen Bergen war im Spätmittelalter ein wichtiger Handelsplatz

Silber aus Mexiko, Gewürze aus Indonesien

Mit den Reisen von Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan und anderen großen Entdeckern wurde im späten 15. Jahrhundert der Grundstein für eine neue Phase des globalen Handels gelegt. Die ersten Hochseeschiffe ermöglichten den direkten Transport von Waren über die Weltmeere.

Spanien und Portugal errichteten Kolonien auf fernen Kontinenten und wurden dadurch die neuen Herrscher des Welthandels. Die spanischen Kolonialherren unterwarfen große Teile Nord- und Südamerikas und exportierten von dort Silber, Zucker und Tabak.

Oft fand der Transport über lange Umwege statt. Das Silber wurde aus Mexiko nach Manila auf die Philippinen gebracht. Dort warteten chinesische Händler, die ausschließlich Silber als Zahlungsmittel akzeptierten, denn nur damit durften sie in China ihre Steuern bezahlen. Sie tauschten es gegen Seide, Porzellan, Gewürze oder Farbstoffe, die zunächst nach Mexiko und dann über den Atlantik nach Europa verschifft wurden.

Die Portugiesen kolonialisierten Brasilien, richteten sich dann aber auf die Weltmeere östlich von Afrika, um mit dem reichen China Handel treiben zu können. Sie eroberten schließlich die Molukken in Indonesien, genannt die "Gewürzinseln". Dort wuchsen Muskatnuss und Gewürznelken. Mit einer durchgehenden Seeroute entlang der afrikanischen Küste konnten die portugiesischen Seefahrer asiatische Waren günstig nach Europa transportieren.

Mit dem Handel zwischen den Kontinenten wuchs aber auch der Menschenhandel. Europäische Schiffe brachten Sklaven aus Afrika nach Amerika, wo sie in Plantagen Zucker, Baumwolle oder Tabak anbauen, ernten und weiterverarbeiten mussten.

Verschiedene Gewürze, unter anderem Zimt und Muskatnuss, liegen in einem Gewürzkasten

Portugiesische Seefahrer brachten fremde Gewürze von Asien nach Europa

Die "erste Globalisierung"

Im 17. Jahrhundert gründeten europäische Kaufleute mit staatlicher Hilfe Aktiengesellschaften, die in Asien und auf dem amerikanischen Kontinent Handelsniederlassungen errichteten, zum Beispiel die "Ostindien-Gesellschaften".

Großbritannien und die Niederlande konnten so die Vormachtstellung der Portugiesen auf See brechen und wurden zu den neuen Herrschern über die Weltmeere.

Das britische Weltreich, "The British Empire", war bis Anfang des 20. Jahrhunderts das größte Kolonialreich der Geschichte. Die Briten beherrschten weite Teile Amerikas, Afrikas und Asiens und wurden zur größten Weltmacht – so schufen sie eine weltumfassende Wirtschafts- und Handelszone, die von Kanada bis Neuseeland reichte.

Die Industrialisierung und die Erfindung neuer Technologien wirkte sich massiv auf den globalen Handel aus: Dampfschifffahrt und Eisenbahn ermöglichten schnellere Verkehrsströme, über Telegraphenverbindungen konnten weltweit Informationen verschickt werden. Kühlschiffe und die neu erfundene Konservendose erlaubten den Transport verderblicher Lebensmittel über weite Strecken.

Daher wird die Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg auch als "erste Globalisierung" bezeichnet.

Historisches Gemälde mit Schiffen der niederländischen Ostindien-Kompanie

Schiffe der niederländischen "Ostindien-Kompanie"

Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Welthandel einen neuen Aufschwung, aber er war vom Ost-West-Konflikt geprägt. Dabei standen sich zwei politische Machtblöcke gegenüber, die sich auch wirtschaftlich grundlegend voneinander unterschieden: im Westen das System der freien Marktwirtschaft, im Osten die sozialistische Planwirtschaft.

Im Westen entwickelten sich die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zum Zentrum der wirtschaftlichen Macht. 1948 trat das "Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen" (General Agreement on Tariffs and Trade, GATT) in Kraft, das seitdem den Welthandel regeln soll. Sein Ziel ist, sogenannte "Handelshemmnisse" abzubauen, wie etwa Zölle oder andere Abgaben.

Als Gegenentwurf gründeten die sozialistischen Staaten 1949 unter Führung der Sowjetunion den "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW oder COMECON). Ende der 1980er-Jahre brachen die sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas politisch und wirtschaftlich zusammen. Das Ende des Kalten Krieges führte auch zum Auseinanderbrechen des RGW.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkte sich der Prozess der Entkolonialisierung, das heißt, die Menschen in den Kolonien erkämpften sich nach und nach ihre staatliche Unabhängigkeit. Die wirtschaftlich schwachen Staaten – die sogenannten "Entwicklungsländer" in Südamerika, Afrika und Asien – konnten aber kaum vom Welthandel profitieren.

Sie exportieren bis heute hauptsächlich Rohstoffe, zum Beispiel Erdöl, Erdgas, Kohle und Metalle oder landwirtschaftliche Erzeugnisse, wie Baumwolle, Kakao, Kaffee oder Bananen. Der Gewinn kommt jedoch meist nur einer kleinen Bevölkerungsschicht zu, während der Großteil der Menschen nach wie vor in Armut lebt.

Auf einem Papier steht "General Agreement on Tariffs and Trade"

Das GATT-Abkommen war 1948 ein wichtiger Schritt zum weltweiten Freihandel

Die sogenannte "zweite Globalisierung"

Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes trat die Weltwirtschaft in den 1990er-Jahren in eine neue Phase ein, die als "zweite Globalisierung" bezeichnet wird.

Neben den USA wurde China zur neuen Welthandelsmacht. Das asiatische Land stieg innerhalb eines Vierteljahrhunderts von einem Außenseiter in vielen Wirtschaftszweigen zum Weltmarktführer auf.

Viele große Konzerne arbeiten heute multinational, das heißt, sie verlegen einzelne Produktionsschritte in verschiedene Länder, je nachdem, wo es gerade am billigsten ist. Ein T-Shirt kann bis zu 20.000 Kilometer um die halbe Welt reisen, bis es fertig ist.

Die Verwendung von standardisierten Containern, die leicht zwischen Bahn, Schiff und Lastwagen verladen werden können, haben die Transportkosten drastisch reduziert. Auch die modernen Computertechnologien tragen zur Globalisierung bei, da Informationen in Sekundenschnelle um die ganze Erde geschickt werden können.

Diese Entwicklung bringt aber neue soziale und politische Probleme, denn die Arbeitsbedingungen in den Billiglohnländern sind oft schlecht und die weltweit tätigen Konzerne sind staatlich kaum kontrollierbar.

Um den weltweiten Freihandel zu fördern, nahm 1995 in Genf die neugegründete "Welthandelsorganisation" (World Trade Organisation, WTO) ihre Arbeit auf. Ihr gehören 164 Mitgliedsstaaten an (Stand Oktober 2021). Sie soll für einen reibungslosen Ablauf des Welthandels sorgen und bei Handelskonflikten schlichten.

Eine Näherin sitzt in einer vietnamesischen Textilfabrik an einer Nähmaschine

Viele westliche Modeketten lassen ihre Kleidung billig in asiatischen Ländern herstellen

(Erstveröffentlichung 2021)

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WDR | Stand: 09.11.2021, 11:42

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