Die Fugger – die ersten "Global Player" der Geschichte

Porträt von Jakob Fugger, dem Reichen, gemalt von Albrecht Dürer.

Globaler Handel

Die Fugger – die ersten "Global Player" der Geschichte

Von Carsten Günther

Sie waren unvorstellbar reich und sie machten sich Kaiser und Könige zu Verbündeten. Die Augsburger Unternehmerfamilie Fugger errichtete ab dem 15. Jahrhundert den ersten weltumspannenden Konzern der Wirtschaftsgeschichte.

Eine Augsburger Kaufmannsfamilie erobert den Handel in Europa

Um das Jahr 1487 kehrte ein achtundzwanzigjähriger Mann aus Venedig, wo er mehrere Jahre verbracht hatte, in seinen Heimatort Augsburg zurück: Jakob Fugger.

In Italien hatte er eine Ausbildung zum Kaufmann absolviert. Mit seinen Brüdern Ulrich und Georg übernahm er nun die Leitung des Familienunternehmens seiner Vorfahren.

Die Fugger hatten Mitte des 14. Jahrhunderts als kleine Weberei begonnen und waren durch den Baumwollhandel mit Italien reich geworden. Doch Jakob Fugger hatte größere Pläne: Seine Vision war es, aus der Augsburger Firma eine weltumspannende Handelsorganisation zu machen. Einen Weltkonzern, würde man heute sagen.

Was nun folgte, war einzigartig in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Unter Jakobs Leitung erschlossen die Fugger immer neue Geschäftsbereiche und stiegen innerhalb weniger Jahrzehnte zum reichsten und erfolgreichsten Handelsunternehmen Europas auf. Sie investierten in den Erzbergbau und handelten mit Silber aus Salzburg, ungarischem Kupfer und anderen Bodenschätzen.

Um das Jahr 1500 beherrschten die Fugger bereits den kompletten europäischen Markt im Kupfer- und Silbergeschäft. Ihre Handelsbeziehungen erstrecken sich von Italien bis nach Skandinavien, von Ungarn bis nach Spanien.

Die Fugger wurden sogar zur ernsthaften Konkurrenz für die "Hanse", eine mittelalterliche Kaufmannsvereinigung, die bis ins 15. Jahrhundert den Handel in Nordeuropa beherrschte. Dabei wandte Jakob Methoden an, die man heute als Industriespionage bezeichnen würde: Unter vorgetäuschten Deckadressen eröffnete er Niederlassungen in den Hansestädten, etwa in Lübeck, Stettin, Danzig, Hamburg oder Breslau.

Dort stellte er Agenten an, die für ihn heimlich die Geschäfte der Hanseleute auskundschafteten. So drangen die finanzstarken süddeutschen Kaufleute nach und nach in den norddeutschen Handel ein und überrannten die Hanse regelrecht.

Bald hatten die Fugger ganz Mittel- und Nordeuropa mit einem Netz von Filialen überzogen, die man damals "Faktoreien" nannte. Außerdem waren sie als Bankhaus überaus erfolgreich. Jeden Gulden, den sie mit Kreditgeschäften oder im Erzbergbau verdienten, investierten sie in den Ausbau ihrer verzweigten Handelsorganisation.

Fassade des Stadtschlosses der Fugger in Augsburg.

Das Stadtschloss der Fugger in Augsburg

Höchstpreise an der Antwerpener Börse

Im späten 15. Jahrhundert begann mit den großen Entdeckungsreisen nach Amerika und Asien der Seehandel mit anderen Kontinenten. Als die Portugiesen 1505 mit einer großen Flotte nach Indien aufbrachen, hatten auch die Fugger ihr Geld in diese Reise investiert. Jakob Fugger wollte an den Entdeckungen fremder Länder mitverdienen, und er hatte eine weitere Idee:

In Antwerpen im heutigen Belgien eröffnete er die bedeutendste Außenstelle seiner Firma. Denn hier befand sich einer der wichtigsten europäischen Häfen und hier gab es eine der ersten Warenbörsen. Antwerpen war der Hauptumschlagplatz im Handelsverkehr mit England und den Seemächten Spanien und Portugal.

Jakob Fugger investierte aber nicht direkt in die Schifffahrt, sondern wartete ab, was die Schiffe von ihren Asienfahrten nach Hause brachten. Dann kaufte er ganze Gewürzladungen auf und verkaufte sie an der Antwerpener Börse teuer weiter. Für Gewürze wie Nelken, Pfeffer und Zimt konnte man dort Höchstpreise erzielen.

Nun begannen die Geschäfte der Fugger regelrecht zu explodieren. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Geschäftsstrategie war die schnelle Weiterleitung von Informationen. Jakob Fugger baute den ersten privaten Nachrichtendienst der Welt auf.

Tausende von bezahlten Spitzeln in allen Teilen seines Handelsimperiums sammelten ständig alle wichtigen Nachrichten. Die schriftlichen Botschaften versteckten sie dann meist unter den Warenladungen, so dass sie unbemerkt in die Augsburger Zentrale gelangten.

Jakob nutzte seinen Informationsvorsprung auf jede erdenkliche Weise. So manipulierte er seine Konkurrenten durch gezielte Falschinformationen und trieb damit viele von ihnen in den Ruin.

Prachtvoller, gotischer Bau der Börse in Antwerpen.

Die Börse in Antwerpen

Die Fuggerei – die erste Sozialsiedlung der Welt

Anfang des 16. Jahrhunderts stand das Fugger-Unternehmen auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Doch es wurde zunehmend Kritik an Jakob Fugger laut. Ihm wurden unfaire Geschäftspraktiken vorgeworfen.

Um seinen guten Ruf zu sichern, begann er 1516 in Augsburg mit dem Bau der ersten Sozialsiedlung der Geschichte: der Fuggerei. In der Augsburger Vorstadt kaufte er nach und nach mehrere Häuser und ließ sie umbauen.

Bis 1523 entstanden in insgesamt 52 Reihenhäusern 106 Dreizimmerwohnungen. Sie durften ausschließlich von Augsburger Bürgern bewohnt werden, die unverschuldet in Not geraten waren. Die symbolische Jahresmiete betrug einen Rheinischen Gulden, was damals ungefähr dem Wochenlohn eines Handwerkers entsprach. Außerdem mussten die Bewohner dreimal täglich für das Seelenheil der Fuggerfamilie beten.

Die Fuggerei – Sozialbausiedlung seit 500 Jahren Planet Wissen 08.09.2021 02:37 Min. UT Verfügbar bis 08.09.2026 ARD-alpha

Die Fuggerei gilt als gelungene "Public-Relations"-Aktion, also einer Art strategischer Öffentlichkeitsarbeit. Mit ihr präsentierte sich Jakob Fugger als sozial engagierter Unternehmer, der sich für das am Wohl seiner Mitmenschen einsetzte.

Die Siedlung existiert heute noch. Sie liegt wie eine kleine Stadt in der Stadt, von Mauern umgeben, mit drei Toren gesichert und mit eigener Kirche und einem Brunnen. Die Jahreskaltmiete für eine Wohnung beträgt 88 Cent, das ist ungefähr der Gegenwert eines Rheinischen Gulden aus dem 16. Jahrhundert. Auch die täglichen Gebete sind heute noch vorgeschrieben. Über dem Haupteingang der Fuggerei steht lateinisch in Stein gemeißelt:

"1519. Ulrich, Georg und Jakob Fugger aus Augsburg, leibliche Brüder, fest davon überzeugt, dass sie zum besten der Stadt geboren sind und dass sie ihr gewaltiges Vermögen vor allem dem allerhöchsten und allgütigen Gott verdanken, haben aus Frömmigkeit und zum Vorbild besonderer Freigiebigkeit 106 Wohnungen mit Baulichkeiten und Einrichtung denjenigen ihrer Mitbürger, die rechtschaffen, aber von Armut heimgesucht sind, geschenkt, übergeben und gewidmet."

In der Augsburger Fuggerei stehen mit wildem Wein bewachsene Häuser.

In der Augsburger Fuggerei beträgt die Jahresmiete 88 Cent

Jakob Fugger kauft sich einen Kaiser

Die Fugger verbündeten sich mit Fürsten, Königen, Kaisern und Päpsten. Indem sie ihnen Geld liehen, machten sie Kirche und Politik von ihrem Unternehmen abhängig.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verstärkten sich die Kontakte zum römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: die Fugger unterstützten den Kaiser finanziell, dafür erteilte ihnen der Kaiser Handelsvorteile und änderte Gesetze zu ihren Gunsten.

Maximilian I. war bei den Fuggern tief verschuldet und musste gelegentlich sogar selbst bei Jakob Fugger vorsprechen, um eine Verlängerung der Kredite zu erbitten.

1518 stand die Nachfolge des kranken Maximilian an. Der Kaiser wurde traditionsgemäß von den Kurfürsten gewählt, einem kleinen Kreis der sieben ranghöchsten Reichsfürsten. Zwei Kandidaten hatten die aussichtsreichsten Chancen auf die Kaiserkrone: der spanische König Carlos I., ein Enkel des Kaisers, und der junge französische König Franz I.

Hinter den Kulissen begann ein erbittertes Feilschen um Geld und Stimmen, denn die wahlberechtigten Kurfürsten und Fürstbischöfe ließen sich ihre Entscheidung so teuer wie möglich bezahlen.

Jakob Fugger wollte, dass sie den spanischen König Carlos zum Kaiser wählten, denn er war bereits seit vielen Jahren finanziell eng mit dessen Familie, dem Haus der Habsburger, verflochten. So steuerte er den größten Teil der Bestechungsgelder für die Wahl von Carlos aus der Fugger-Kasse bei.

Noch wenige Tage vor der Wahl stiegen die Preise für die Wahlstimmen ins Unermessliche. Jeder Kurfürst wollte für sich die bestmögliche Summe herausholen. Als am 28. Juni 1519 der neue Kaiser schließlich gewählt wurde, erhielt jeder Fürst zusammen mit den Wahlunterlagen als Zahlungsmittel einen sogenannten "Wechsel", eine Art Scheck, mit der Bestechungssumme überreicht. Die Abstimmung brachte eine klare Mehrheit für den spanisch-habsburgischen König Carlos. Er wurde Kaiser Karl V.

Karl V. zum röm.-dt. König gekrönt (am 23.10.1520)

WDR ZeitZeichen 23.10.2020 14:57 Min. Verfügbar bis 24.10.2099 WDR 5


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Jakob Fugger konnte aufatmen: Sein Handelsimperium war gerettet, er konnte weiterhin mit dem Wohlwollen des Kaisers rechnen. Und er hatte ganz Europa gezeigt, wie groß die Macht seines Geldes war. Mehr als 500.000 Gulden hatte er für die Wahl ausgegeben – was heute wahrscheinlich einem Betrag von mehreren Millionen Euro entspräche.

Zu Ehren Karls V. organisierte Fugger in Augsburg ein großes Feuerwerk. In den Aufzeichnungen des Augsburger Stadtschreibers ist nachzulesen: "Es waren viele verborgene Büchsen darin, die schossen im Feuer ab; es war hübsch zugerichtet und kostete viel Geld."

Porträt des römisch-deutschen Kaisers Karl V.

Karl V., römisch-deutscher Kaiser von 1519 bis 1556

Der Niedergang des Fugger-Imperiums

Als Jakob der Reiche im Jahr 1525 starb, betrug sein Vermögen mehr als zwei Millionen Gulden. Damals war das eine gigantische Summe. Auf heutige Verhältnisse übertragen wäre er mehrfacher Euro-Milliardär. Da er keine Kinder hatte, vererbte er sein gesamtes Vermögen an seinen Neffen Anton, der die Leitung des Unternehmens weiterführte.

Anton Fugger, Kaufmann (Geburtstag 10.06.1493)

WDR ZeitZeichen 10.06.2018 14:49 Min. Verfügbar bis 07.06.2028 WDR 5


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Doch das Ansehen der Fugger bekam erste Risse. Schon 1501 hatte es in Tirol einen Aufstand der Bergarbeiter gegen die Fugger gegeben, weil die Arbeitsbedingungen sehr hart waren. Die Unzufriedenheit der Arbeiter nahm im Laufe der Jahre zu.

Die Mehrheit der Menschen blickte argwöhnisch auf den unermesslichen Reichtum der Fugger. Im Laufe der Zeit setzten sie den Familiennamen der Augsburger Kaufleute mit negativen Charaktereigenschaften gleich: "Fuggern" bedeutete im Volksmund "betrügen", mit dem Wort "Fugger" wurden Taschendiebe oder Geizhälse bezeichnet.

1546 betrug das Vermögen der Fugger-Firma noch fünf Millionen Gulden. Damit war der Konzern kapitalkräftiger als je ein anderes europäisches Bankhaus der frühen Neuzeit.

Doch die Fugger hatten sich finanziell zu eng an die europäischen Königshäuser gebunden und sich damit auch von deren Schicksal abhängig gemacht. Als 1557 das spanische Königshaus, das bei den Fuggern hochverschuldet war, zahlungsunfähig wurde, begann der langsame Niedergang des Fugger-Imperiums.

Durch die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurde die Wirtschaft Europas schwer geschädigt. Auch das Fugger-Imperium wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Daraufhin zogen sich die Fugger mehr und mehr aus dem Geschäftsleben zurück.

Heute sind neben der Fuggerei in Augsburg auch noch einige ihrer Schlösser im süddeutschen Raum zu besichtigen. Neun Fugger-Stiftungen, die schon im 16. Jahrhundert gegründet wurden, kümmern sich um den Erhalt der Baudenkmäler. Einige Nachkommen der Fugger, die auch heute noch diesen Namen tragen, sind in den Stiftungsleitungen aktiv.

Auf einem Luftbild ist die Fuggerei im Zentrum Augsburgs zu sehen.

Die Fuggerei im Zentrum Augsburgs

(Erstveröffentlichung 2021)

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WDR | Stand: 10.11.2021, 10:30

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